Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime
Interview

Integrationsgipfel im Kanzleramt "Wir müssen das frostige Klima überwinden"

Stand: 14.07.2006 08:57 Uhr

Mehr als 80 Teilnehmer hat Kanzlerin Merkel zum Integrationsgipfel nach Berlin geladen - nicht dabei sind die islamischen Spitzenverbände. "Sonderbar" findet das der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler. Warum er den Gipfel trotzdem als wichtiges Signal ansieht, erklärte er tagesschau.de im Interview.

tagesschau.de: Herr Köhler, Sie und Ihr Verband sind nicht zum Integrationsgipfel im Kanzleramt eingeladen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Köhler: Nein, haben wir nicht. Wir finden es aber zumindest sonderbar, dass wir nicht eingeladen sind, zumal wir glauben, dass der Staat damit seine Neutralitätspflicht verletzt hat. Die Kirchen und alle möglichen anderen Organisationen sind eingeladen, aber nicht die breite Masse des nicht-staatlichen Islam. Ich sage das deswegen so, weil man ja in letzter Minute noch die DITIB (Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion) eingeladen hat: Das ist aber eine türkisch-staatliche Organisation, die natürlich nicht alle Muslime vertreten kann. Das halten wir für kurzsichtig.

Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime

Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime

tagesschau.de: Der "Kölner Stadtanzeiger" hat unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, Islamrat und Zentralrat seien nicht eingeladen worden, weil einzelne ihrer Mitgliedsorganisationen - wie bei Ihnen die Islamische Gemeinschaft in Deutschland - vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Halten Sie dies für nachvollziehbar?

Köhler: Nein. Wir halten diese Begründung - wenn sie denn stimmt - für an den Haaren herbeigezogen und fadenscheinig. Wenn Gruppen jetzt schon seit Jahrzehnten vom Verfassungsschutz beobachtet werden, und immer noch nichts Konkretes dabei rausgekommen ist, dann können wir auch zu solchen Mitgliedern stehen. Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen, was dem widerspräche, was wir in unserer Islamischen Charta niedergelegt haben. Unser Verband ist dafür bekannt, dass wir Mitglieder ausschließen, die sich nicht im Sinne unseres Verbandes und unseres Landes verhalten.

Stichwort

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ging 1994 aus dem Islamischen Arbeitskreis Deutschland hervor. Dem Zentralrat gehören nach eigenen Angaben 19 Dachorganisationen mit mehreren hundert Moscheegemeinden an. Wieviele Muslime (in Deutschland leben ca. 3,5 Mio.) der ZMD tatsächlich vertritt, ist aber unklar.

"Für einen zentralen Verband brauchen wir noch Zeit"

tagesschau.de: Von Seiten der Politik wird immer wieder ein zentraler Ansprechpartner gewünscht, der die Interessen der muslimischen Bevölkerung vertritt. Warum tun sich die einzelnen Verbände da so schwer?

Köhler: Wir sind vom Zentralrat vor Jahren angetreten, die Einheit der Muslime herzustellen. Seit mehr als einem Jahr arbeiten wir mit allen Organisationen intensiv an einem einheitlichen Ansprechpartner, da sind sicherlich Hoffnungen geweckt worden. Doch diese Einheit kommt nicht so schnell zustande. Wir brauchen noch Zeit.

Erstens müssen zunächst einmal alle Moscheen erfasst werden, dazu gehört auch eine große Masse der nicht organisierten islamischen Gemeinden. Zweitens müssen wir offensichtlich einen verstärkten Dialog parallel dazu mit der Politik betreiben, was einen solchen zentralen Ansprechpartner angeht. Auch das braucht Zeit. Wenn man jetzt aber nur die Organisation DITIB zum Integrationsgipfel einlädt, könnte das falsche Signal entstehen, dass DITIB weiterhin annehmen könnte, sie sei der einzige Ansprechpartner für den Islam in Deutschland.

Zur Person

Ayyub Axel Köhler wurde 1938 in Stettin geboren. Der promovierte Geophysiker konvertierte 1963, noch als Student, zum Islam und nahm bald darauf noch den islamischen Namen des Propheten Hiob, "Ayyub", an. Von 2001 bis 2006 war Köhler Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, am 5. Februar 2006 übernahm er den Vorsitz von Nadeem Elyas.

Integration oder Assimilation?

tagesschau.de: Was erwarten Sie von dem Integrationsgipfel morgen?

Köhler: Zunächst einmal freuen wir uns, dass die Integrationspolitik endlich in Bewegung kommt. Wir erwarten vor allem, dass dabei auch die Integration des Islam und der Muslime berücksichtigt wird. Und es muss Klarheit geschaffen werden darüber, was die jetzige Regierung unter Integration versteht: Integration oder Assimilation? Es muss auch eine Perspektive für die zu Integrierenden - besonders aber für die Muslime - erkennbar werden.

tagesschau.de: Die Bundesregierung und ihre Integrationsbeauftragte Maria Böhmer sprechen in den letzten Tagen wiederholt vom Prinzip "Fördern und fordern", sagen aber auch: Beide Seiten müssen für eine erfolgreiche Integration etwas tun. Einverstanden?

Köhler: Das ist ein Motto, das wir jederzeit unterschreiben! Integration ist keine Einbahnstraße, sondern es kommt auf beide Seiten an. Und in dieser Beziehung hat die Politik noch sehr viel nachzuholen und zu verbessern, gerade wenn es um das Integrationsklima in der Mehrheitsgesellschaft geht.

"Das Vertrauensverhältnis muss verbessert werden"

tagesschau.de: Welche konkreten Maßnahmen würden Sie vorschlagen? Was müsste als Erstes getan werden?

Köhler: Als Erstes muss das Vertrauensverhältnis verbessert werden. Denn die Ängste unter den Einwanderern, dass man nur assimiliert werden soll, sind groß. Das wäre geradezu eine Voraussetzung für die Integration. Dass selbstverständlich die Sprache eine große Rolle spielt, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Aber wir sollten uns nicht nur auf die Sprache konzentrieren, sondern uns auch auf die Menschen und ihre Gefühle einlassen, um eine nachhaltige Integration zu bekommen.

"Wir müssen aus dem frostigen Bereich rauskommen"

tagesschau.de: Nun soll es ja im Herbst einen eigenen Islam-Gipfel im Bundesinnenministerium geben, zu dem die islamischen Verbände gesondert eingeladen werden. Was erwarten Sie davon?

Köhler: Wir erwarten von diesem Gipfel insbesondere eine konsistente Islam-Politik, die auch die Integration des Islam und der Muslime in den deutschen Staat, die deutsche Staatsordnung und die deutsche Mehrheitsgesellschaft vorantreibt. Wir erwarten, dass sich insbesondere das Integrationsklima den Muslimen gegenüber in diesem Lande verbessert. Wir müssen aus dem frostigen Bereich herauskommen. Wir erwarten aber auch Gespräche auf Augenhöhe - und vor allem, dass möglichst alle islamischen Verbände eingeladen werden.

Die Fragen stellte Kristina Kaul, tagesschau.de