Besucher des Dresdner Einkaufszentrums Altmarkt-Galerie stehen auf einer Rolltreppe. | dpa

Corona-Konjunkturpaket Viel Arbeit für drei Prozentpunkte

Stand: 29.06.2020 05:30 Uhr

Der Bundestag hat das Konjunkturpaket beschlossen. Ein Bestandteil: Die Absenkung der Mehrwertsteuer. Doch wie sinnvoll ist das? Sicher ist: Der Aufwand ist hoch.

Von Axel John, SWR

Auf dem Gelände des FC Speyer 09 fließt der Schweiß in Strömen - allerdings nicht der von Hobby-Fußballern, sondern von Bauarbeitern. Das Vereinsheim erhält derzeit eine neue Innen- und Außenfassade. Angestellte des Malerbetriebes Sturm verteilen den Putz grob auf dem Mauerwerk und ziehen dann die Masse glatt.

Axel John

Firmenchefin Claudia Sturm ist vor Ort, um sich ein Bild zu machen. "Wir werden dieses Projekt im August beenden. Aufgrund der Steuersenkung wird der Verein gut 2000 Euro sparen können. Für die Kicker macht sich das also bezahlt. Meine Firma hat aber gar nichts davon", sagt sie.

Sturm steigt in ihren Wagen und fährt zurück in ihren Firmensitz. Dort wartet viel Arbeit auf sie. Sie muss mit mehreren Mitarbeitern im Büro die gesamte Abrechnung umstellen - von 19 auf 16 Prozent: "Ich habe Betriebswirtschaft mit Steuerrevision studiert. Wegen der vielen Ausnahmen ist das selbst für mich schwierig. Vom Verband der Bauindustrie habe ich am Donnerstag ein Merkblatt mit vielen Informationen bekommen. Das gilt aber auch nur vorläufig, weil das Gesetz ja noch nicht vorliegt. Das ist ein Bürokratiemonster - und alles nur wegen sechs Monaten", schimpft Unternehmerin Sturm.

Hoher Verwaltungsaufwand, hohe Kosten

Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht von einem hohen Aufwand für die Verwaltung und damit verbundenen Kosten. Neue Aufträge hat Sturm nach der Ankündigung der Bundesregierung nicht bekommen. Ihre Firma könne auf absehbare Zeit auch keine neuen Projekte mehr annehmen. Ihre Auftragsbücher seien voll, der Fachkräftemarkt dagegen leer. Sie kenne kein Handwerksunternehmen in der Region, das wegen der Senkung auch nur einen Euro Mehreinnahmen machen werde.

Zudem machten jetzt auch die Kunden Druck: "Viele möchten natürlich, dass wir ihre Aufträge im zweiten Halbjahr 2020 abschließen, damit sie die drei Prozent sparen. Das geht aber meist nicht", sagt Sturm. Durch die Corona-Krise sei die Firma teils schon im Verzug. Viele ausländische Mitarbeiter saßen in Ungarn oder Rumänien in Quarantäne fest.

Und schließlich gelten auch auf den Baustellen strenge Hygieneregeln, die die Arbeiten zusätzlich verzögerten. "Die Bundesregierung hat bislang in der Corona-Krise einen guten Job gemacht", urteilt Sturm. "Aber das Handwerk braucht diese Subvention nicht. Man hätte die Hilfen gezielt und verstärkt für andere Branchen einsetzen sollen, die in der Existenz bedroht sind - also Tourismus, Hotellerie oder Gastronomie."

Gewaltige Umsatzeinbrüche, schlaflose Nächte

Das sieht Jan Appeltrath genauso. Der junge Gastronom rührt nachdenklich in seinem Tee. Erst im vergangenen September hatte er das "Altstadtcafé" in Mainz nach einer teuren Sanierung wiedereröffnet. Zunächst sei der Laden richtig gut angelaufen. Dann kam Corona: "Das war wie eine Schockstarre. Man kam sich vor, als wenn man ausgebremst würde."

Der Shutdown hinterließ auch erhebliche Bremsspuren in den Bilanzen: Im März und April brach der Umsatz um etwa 90 Prozent ein. "Da hatte ich auch schlaflose Nächte", erinnert sich Appeltrath. Immerhin musste er Kredite zurückzahlen. Nach nur wenigen Monaten Betrieb hat er im "Altstadtcafé" kaum finanzielle Rücklagen bilden können. Im Gegensatz zur Handwerksunternehmerin ist die Steuersenkung für ihn eine echte Hilfe. Das Geld könne er aber nicht an seine Gäste weitergeben. "Ich glaube nicht, dass die Gäste davon ausgehen, dass der Cappuccino von 3,10 Euro auf 2,93 Euro runtergesetzt wird. Ich glaube, dass viele wissen, dass die Gastronomie immens unter diesem Lockdown gelitten hat. Für mich zählt jetzt jeder Cent", sagt Appeltrath.

Es bleibt kompliziert

Dabei ist die Regelung für die Gastronomie ziemlich kompliziert - wie so oft in der deutschen Steuergesetzgebung. Für Speisen fällt der Satz im ersten Halbjahr 2020 auf 5 Prozent, um dann bis Mitte nächsten Jahres auf 7 Prozent zu klettern. Danach geht es für Essen wieder auf 19 Prozent zurück. Bei Getränken sollen bis Jahresende dagegen 16 Prozent Mehrwertsteuer gelten. Schon von 1. Januar 2021 an werden dann wieder 19 Prozent fällig.

"Hier hätte ich mir auch bei Getränken eine deutlichere und längere Senkung gewünscht", kritisiert Appeltrath. Denn die eigentliche Herausforderung kommt auf Appeltrath wohl erst noch zu. Während des Gesprächs sitzen seine Gäste alle draußen. Die Abstandsregel von 1,50 Metern kann hier gut eingehalten werden. Aber: "Was passiert im Herbst und Winter, wenn es draußen kalt geworden ist?", fragt der Gastronom. "Kommen dann noch Gäste? In dem engen Café sind die Abstandsregeln schwer einzuhalten - und wenn, dann nur mit wenigen Gästen. Ich werde den Laden wohl halten können. Aber ich sehe mit großer Unsicherheit auf die kommenden Monate."

Immerhin: Seine Gäste scheinen ihm nicht übel zu nehmen, dass Appeltrath die Steuersenkung nicht an sie weitergibt. Am besten fasst die Stimmung unter den Kunden eine ältere Dame zusammen: "Die müssen doch erstmal ihr Überleben sichern. Da habe ich Verständnis, dass viele Gastronomen das Geld für sich behalten. Ich fände es auch sehr schade, wenn solche Cafés wegen Corona zumachen müssten."

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juni 2020 um 12:00 Uhr.