Zahl der Kirchenaustritte rasant angestiegen "Tebartz-Effekt" vergrault Christen

Stand: 07.11.2013 11:13 Uhr

Die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hat das Vertrauen vieler Katholiken in ihre Bischöfe massiv erschüttert. In ganz Deutschland ist die Zahl der Kirchenaustritte von September auf Oktober rasant angestiegen, wie bundesweite Recherchen der Nachrichtenagentur dpa ergaben.

"Die Leute standen Schlange"

Ein Mann verlässt eine Kirche.
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Jedes Jahr verlieren die Kirchen in Deutschland 200.000 Mitglieder.

In Köln kehrten im Oktober 571 Menschen der Kirche den Rücken. Das sei ein Spitzenwert in den vergangenen Jahren, sagte der Sprecher des Amtsgerichts, Marcus Strunk. Auch die Zahl der Austritte aus der evangelischen Kirche stieg um knapp 80 Prozent auf 228. "Die Leute standen im Oktober morgens und abends Schlange", schilderte Strunk.

Das gleiche Bild in Bayern: In München gab es im Oktober 1250 Austritte, im Vergleich zu 602 im September. In Regensburg verdreifachte sich die Zahl nahezu. Auch in Nürnberg und Passau stiegen die Zahlen. Ähnlich sah es in Paderborn aus. Nach Angaben des Amtsgerichts traten im Oktober mit 107 Katholiken dreimal so viele Menschen aus wie im Vormonat. Bei der evangelischen Kirche lag die Zahl hier mit 37 Austritten mehr als doppelt so hoch wie im September.

"Tebartz-Effekt" deutlich zu sehen

Aus Rückmeldungen sei zu erfahren, dass die Affäre um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst der Anlass für Kirchenaustritte war, sagte der Sprecher des Bistums Trier, André Uzulis. Das Bistum erhalte Briefe und Anrufe, in denen Katholiken ihrem Unmut Luft machten. In Trier traten im Oktober 97 Menschen aus der Kirche aus, wobei das Standesamt nicht zwischen katholischer und evangelischer Konfession unterscheidet. Im September waren es lediglich 38.

Auch dem Bad Homburger Amtsgerichtsdirektor Stephan Schmidt zufolge ist ein "Tebartz-Effekt" deutlich zu sehen. Dort wurden im Oktober 118 Austritte bei der katholischen Kirche gezählt - gegenüber 23 im Vormonat.

Infografik Kirchenaustritte von Katholiken in Deutschland
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Die Kirchenaustritte von Katholiken halten sich seit Jahren auf konstant hohem Niveau. 2010 traten besonders viele Gläubige aus - es war das Jahr, in dem der Missbrauchsskandal durch Priester und andere Geistliche öffentlich wurde.

Kirchen verlieren pro Jahr 200.000 Mitglieder

Für den Religionssoziologen Detlef Pollack von der Universität Münster reihen sich diese Zahlen in eine längerfristige Entwicklung ein. Die christlichen Kirchen in Deutschland müssten weiter mit sinkenden Mitgliederzahlen rechnen, sagte er: "Das Wohlstands- und Bildungsniveau ist so hoch und die soziale Absicherung so gut, dass immer weniger Menschen die seelsorglichen und sozialen Angebote der Kirchen nachfragen."

Einer Statistik der Deutschen Bischofskonferenz zufolge verliert die katholische Kirche in Deutschland seit 1990 jährlich mehr als 100.000 Mitglieder durch Austritte. 2012 waren es 118.288 Menschen. Auch aus der Evangelischen Kirche Deutschland traten zuletzt deutlich mehr als 100.000 Gläubige pro Jahr aus. Beide christlichen Kirchen haben derzeit jeweils um die 24 Millionen Mitglieder.

Finanzielle Erwägungen als Motiv

Pollack sieht auch finanzielle Erwägungen als ein entscheidendes Motiv für Kirchenaustritte. "Man fühlt sich oft seit Jahren nicht mehr eng mit der Kirche verbunden und entscheidet sich dann in einer Situation des finanziellen Engpasses für den Austritt, um die Kirchensteuer zu sparen", sagte er. Generell seien die Austrittszahlen aus Steuergründen zum Jahresende höher, weil dann die Zahlung des Weihnachtsgeldes anstehe, ist vom Standesamt in Lübeck zu hören.

Ungeachtet dieser allgemeinen Trends lässt sich die auffällige Zunahme an Kirchenaustritten im Oktober wohl dennoch auch auf den Limburger Bischof und seine Außenwirkung zurückführen: Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge erschütterte der Unmut über Tebartz-van Elst das Vertrauen in die katholische Kirche. 65 Prozent der deutschen Katholiken halten demnach ihre Kirche für wenig oder überhaupt nicht glaubwürdig. Rund ein Fünftel denke nach den Debatten über Vermögen und Verschwendung über einen Austritt nach.

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