Kutter der Fischereigenossenschaft liegen im Hafen von Freest (Mecklenburg-Vormpommern). | Bildquelle: dpa

Tag der Ozeane Meeresschutz nur auf dem Papier? 

Stand: 08.06.2020 00:13 Uhr

Der heutige Tag der Ozeane soll an deren ökologische Bedeutung erinnern. Was unternimmt die Regierung zum Schutz von Nord- und Ostsee? Viel zu wenig, sind Opposition und Umweltschützer überzeugt.

Von Sophie von der Tann, BR

Auf dem Papier steht Deutschland eigentlich ganz gut da: Denn fast die Hälfte der Meeresfläche von Ost- und Nordsee sind unter Schutz gestellt. Die Global Ocean Alliance, der Deutschland Anfang Mai beigetreten ist, fordert: Mindestens 30 Prozent der weltweiten Meere und Ozeane sollen bis 2030 zu Schutzgebieten werden.

Eigentlich geht Deutschland also mit gutem Beispiel voran - doch die Schutzgebiete hätten ihren Namen oft nicht verdient, kritisiert die Grünen-Umweltpolitikerin Steffi Lemke: "Wenn die Bundesregierung nach EU-Recht Schutzgebiete ausweist, dann dort aber trotzdem massiv Sand abgebaggert wird und intensivste Fischerei stattfindet, solange kann man überhaupt nicht von einem Gleichgewicht zwischen Nutzung und Schutz sprechen." Gegenwärtige stehe in den Augen der Bundesregierung die Nutzung absolut über dem Schutz von Meeresressourcen, so Lemke.

Vorfahrt für die Fischerei?

Das Umweltbundesamt hat in seinem letzten Bericht 2018 festgestellt: Die deutsche Nord- und Ostsee sind nicht in gutem Zustand. Eines der Hauptprobleme ist die starke Fischerei.

Das Bundesumweltministerium könne sich da nicht durchsetzen, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace:

"Auf dem Meer sind Wirtschaftsministerium, Verkehrsministerium und das Landwirtschaftsministerium zuständig für Fischerei. Alle sind beteiligt, wenn es um die Ausweisung von Schutzgebieten geht und wie die menschlichen Aktivitäten dort zu beschränken sind. Was letztendlich immer passiert ist, dass die Meeresumwelt vom Tisch fällt, die hat allerletzte Priorität."

Zu viel Stickstoff und Phosphor

Ein weiteres Problem in den Meeren ist die Überversorgung mit Nährstoffen. Denn durch Dünger, der in der Landwirtschaft genutzt wird, gelangen zu viel Stickstoff und Phosphor in Flüsse und Meere. Insgesamt seien nur sechs Prozent der Nordseegewässer in gutem Zustand, in der Ostsee seien alle untersuchten Gewässer zu stark belastet, so der Bericht des Umweltbundesamtes von 2018.

Maack bezeichnet das als alarmierend: "Grade jetzt bei den hohen Temperaturen und hoher Sonneneinstrahlung wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob wir wieder so eine Zyanobakterienblüte (Blaualgenblüte) kriegen. Das muss sich die Bundesregierung einfach gefallen lassen, dass sie einen großen Beitrag dazu geleistet hat, dass diese Situation möglicherweise kommt."

Rapsfelder an der Ostsee bei Behrensdorf | Bildquelle: dpa
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Ein idyllisches Bild von Rapsfelder bei Behrensdorf - doch die Ostsee leidet unter Düngereinbringung.

Neue Düngemittelverordnung

Immer wieder ermahnte die EU-Kommission die Bundesregierung wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser. Dieser Streit ist vorerst beigelegt, die Düngemittelverordnung wurde nachgebessert. Doch das werde nicht ausreichen, bemängeln Umweltverbände wie Greenpeace.

"Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Hinzu kommt ein weiteres Problem für die Meere: Müll. An der südlichen Nordsee bestehen laut Umweltbundesamt 90 Prozent des Mülls am Meeresboden und am Strand aus Kunststoffen.

"Wir sind immer noch ziemlich hilflos", sagt der SPD-Umweltpolitiker Frank Schwabe, der sich des Problems bewusst ist. Es sei richtig von der EU gewesen, Plastikstrohhalme und anderes Einwegplastikgeschirr zu verbieten, aber das "hört sich erstmal an wie ein Tropfen auf den heißen Stein". "Wenn man am Strand unterwegs ist und sieht, wie viele dieser Lutscherstengel herumliegen, sieht man, dass das ein richtiger Anfang ist, aber wir müssen eben konsequente Schritte weitergehen."

Schwabe ist dafür, bestimmte Plastikartikel wie Joghurtbecher oder Tüten zu verbieten. Letztlich müsse man aber zu einer Kreislaufwirtschaft kommen. Also so wirtschaften, dass Abfälle gar nicht erst entstehen und Ressourcen wieder und wieder verwendet werden können.

Eines ist klar: Das Ziel, das die EU Deutschland gesetzt hat, nämlich bis 2020 einen "guten Umweltzustand" in den Meeren zu erreichen, dieses Ziel hat Deutschland deutlich verpasst.

Mehr Plastik als Fische? Deutschlands Beitrag zum Meeresschutz
Sophie von der Tann, ARD Berlin
08.06.2020 10:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. Juni 2020 um 07:51 Uhr.

Korrespondentin

Sophie von der Tann | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo BR

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