Teile von Hüftprothesen und Platten für die Traumatologie  | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

#ImplantFiles Gefahr unter der Haut - Die größten Skandale

Stand: 25.11.2018 18:00 Uhr

Herzschrittmacher, Stents oder Hüften: Hunderttausende Menschen sind auf Medizinprodukte angewiesen. Sie lindern Schmerzen, vereinfachen den Alltag und sichern das Überleben. Doch immer wieder kommt es auch zu Problemen. Im Schnitt verschicken Hersteller täglich drei Sicherheitsinformationen zu Vorfällen bei Medizinprodukten, die in Deutschland auf dem Markt sind. Meist gehen sie glimpflich aus, doch immer wieder leiden oder sterben sogar Patienten. Die bekanntesten Fälle im Überblick.

Von Carolin Fromm und Christian Baars, NDR

1999 - Brustimplantate mit Sojaöl

Mitte der 90er Jahre kamen neue Brustimplantate auf den Markt. Sie waren mit Sojaöl gefüllt. Doch nach vier Jahren musste der Hersteller einen Rückruf starten. Die britische Gesundheitsbehörde warnte später vor Gesundheitsrisiken und empfahlen, sich die Implantate wieder herausoperieren zu lassen. Die Kissen konnten reißen und das Öl zu Entzündungen und anderen Beschwerden führen.

2003 - Roboter schädigt Muskel

Der Operationsroboter Robodoc hat Hunderte Menschen in Deutschland verletzt. Er wurde eingesetzt, um die Hüfte für den Einsatz einer Prothese zu fräsen. Viele Patienten leiden noch immer unter den Folgeschäden. Sie haben dauerhafte Schäden an Muskeln und Nerven erlitten, sind gehbehindert oder gar gelähmt. Ärzte sprechen vom "Roboter-Hinken". 2003 reichten mehrere Patienten Klagen ein. Der Roboter wurde in den USA entwickelt, dort aber nie zugelassen, in Deutschland aber von Mitte der 1990er Jahre an eingesetzt. Eine Anfrage ließ der Hersteller unbeantwortet.

2005 - Hüften brechen

Röntgenbild von der Hüfte von Jürgen Thoma
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Sie brechen oder geben Metall in den Körper ab: Künstliche Hüften wurden mehrfach zurückgerufen.

Immer wieder leiden Patienten unter fehlerhaften Hüftprothesen. So brach Anfang der 2000er-Jahre bei Tausenden Patienten in Deutschland das künstliche Hüftgelenk von verschiedenen Herstellern. Viele Patienten wurden nicht informiert und wussten nicht, dass in ihnen ein Produkt steckt, dass erwiesenermaßen fehleranfällig ist. 2005 und 2006 riefen die Hersteller ihre Produkte wegen der vielen Schadensmeldungen zurück.

2007 - Herzschrittmacher-Elektroden brechen

Implantierbare Defibrillatoren (ICDs) sind eine Art spezieller Herzschrittmacher. Sie können bei Bedarf Elektroschocks abgeben, um den Herzrhythmus zu normalisieren. 2007 gab die US-Firma Medtronic bekannt, den Verkauf Defibrillator-Elektrode einzustellen. Der Grund waren häufige Brüche. Die Folge: lebensbedrohliche Ausfälle des Geräts oder unerwünschte, starke Elektroschocks. Mindestens 13 Menschen starben. Weltweit waren 268.000 dieser Elektroden ausgeliefert worden, in Deutschland etwa 15.000 Patienten betroffen. Der Firmenchef sagte damals, ihnen liege "nichts mehr am Herzen als die Sicherheit und das Wohlbefinden der Patienten". Deshalb hielten sie dieses Vorgehen für das Beste.

2010 - Industriesilikon in Brustimplantaten

Im April 2010 untersagte die französische Aufsichtsbehörde die Verwendung von Silikonimplantaten der französischen Firma Poly Implant Prothese (PIP). Viele Kissen waren gerissen. Zudem  wurde festgestellt, dass Implantate illegal mit minderwertigem Industriesilikon gefüllt waren. Zertifiziert hatte das Implantat der TÜV Rheinland. Mehr als 5000 Frauen in Deutschland war das Produkt eingesetzt worden, weltweit wohl mehr als 400.000. Die Firma ging insolvent, der Gründer wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.

2010 - Metallvergiftungen durch Hüftimplantate

Bei Hüftimplantaten von zwei verschiedenen Herstellern rieb bei jeder Bewegung Metall ab. Die Patienten wurden quasi innerlich mit Schwermetallen vergiftet. Die Prothesen wurden später vom Markt genommen, allerdings erst, nachdem etwa 130.000 Patienten solche Hüften bekommen hatten.

2012 – Stents führen zu mehr Schlaganfällen

Bestimmte Stents werden eingesetzt, um Blutgefäße im Gehirn zu weiten und so Schlaganfällen vorzubeugen. Doch bei den Implantaten wurden doppelt so viele Schlaganfälle beobachtet wie bei Patienten, die nur mit Medikamenten behandelt wurden. Die US-Gesundheitsbehörde entschied deshalb 2012, dass die Stents nur noch in Ausnahmen eingesetzt werden dürfen. In Deutschland wurde der Einsatz derartiger Stents erst 2016 eingeschränkt.

2014 - Künstliche Bandscheibe zerbröselt

Grafik aus Implant Files
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Patienten, die Cadisc eingesetzt bekamen, mussten Dutzende Male operiert werden.

Von 2010 bis 2014 wurde eine neuartige Bandscheibenprothese in mehreren Kliniken eingesetzt, auch bei mehr als 100 Patienten im ostfriesischen Leer. Das Besondere: Sie war aus Plastik. Doch es stellte sich heraus: Implantate wuchsen nicht an, verrutschten oder wurden brüchig und mussten ausgetauscht werden. Patienten müssen oft mehrfach operiert werden, um die Plastikteile aus dem Rückenmarkkanal herauszuholen. Viele leiden unter massiven Langzeitfolgen. Der Hersteller ist mittlerweile insolvent.

2016 - Herzschrittmacher zurückgerufen

2016 wurde ein Mini-Herzschrittmacher wegen möglichen Batterieversagens zurückgerufen. Schon kurz nach der Markteinführung war es zu zahlreichen Problemen gekommen: Der Schrittmacher verrutschte, wanderte, verursachte Blutungen. "Die Chronologie der Komplikationen macht deutlich, dass dieser Herzschrittmacher keine Marktzulassung hätte erhalten dürfen", schrieb der Medizinische Dienst der Krankenkassen im August 2018. Mehr als 1000 Geräte waren weltweit implantiert worden.

2017 – Innerliche Verletzungen durch Spirale

2017 stoppte Bayer in vielen Ländern den Verkauf seiner Essure-Spiralen. Sie wurden zur dauerhaften Sterilisation bei Frauen eingesetzt. Viele klagten jedoch über Beschwerden. In den USA reichten Tausende Frauen Klage ein. Ende dieses Jahres soll auch dort Essure vom Markt genommen werden. In Deutschland wurde es nie offensiv vertrieben, einzelne Ärzte haben es dennoch eingesetzt. Auf Anfrage begründete Bayer den Verkaufsstopp mit sinkenden Umsatzzahlen, unter anderem wegen ungenauer und irreführender Berichte über das Produkt.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 26. November 2018 um 20:15 Uhr.

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