Kardinal Marx weiht den neuen Altar in der Stiftskirche in Eurasburg. | dpa
Kommentar

Bundesverdienstkreuz abgelehnt Marx erspart sich lange Diskussionen

Stand: 28.04.2021 10:16 Uhr

Kardinal Marx sollte das Bundesverdientskreuz für seinen Einsatz für Geflüchtete erhalten. Aus Rücksicht auf die Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche lehnte er die Ehrung aber ab. Das spricht für ihn.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Der Einschnitt, den die katholische Kirche durch den Missbrauchsskandal und dessen Aufarbeitung erfährt, ist epochal. Manche vergleichen diese Erschütterung der altehrwürdigen Institution mit dem Beben, das vor 500 Jahren die Reformation Martin Luthers ausgelöst hat. Diese Geschichte einer missglückten Ehrung mag als Beleg für diese etwas gewagte These dienen. Da soll ein um Gesellschaft und Kirche verdienter Kirchenmann mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden. Doch Betroffene von Missbrauch sind dagegen.

Tilmann Kleinjung

Der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln schreibt in einem offenen Brief: "Die angekündigte Ehrung stellt alles in Frage, wofür wir kämpfen und arbeiten." Der Vorwurf: Reinhard Marx habe als Bischof von Trier und Erzbischof von München Missbrauchsfälle nur unzureichend aufgearbeitet. Da mag das Bundespräsidialamt noch so sehr betonen, die Ehrung gelte dem ehemaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der sich "in besonderer profilierter Weise für Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft" eingesetzt habe. Ausschlaggebend für die Würdigung eines kirchlichen Spitzenfunktionärs ist heute allein die Gretchen-Frage: Was hast Du gegen den Missbrauch unternommen?

Die Sensibilität spricht für Marx

Marx erkennt das schnell und lehnt die Ehrung dankend ab. Er erspart sich, dem Bundespräsidenten und seiner Kirche eine quälend lange Diskussion um seine Person. Diese Sensibilität, diese prompte Reaktion sprechen für ihn. Wie lange hat es gedauert, bis der Erzbischof von Köln, Kardinal Woelki um Entschuldigung bat für sein miserables Management der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum? Ewig.

Die Bitte an den Bundespräsidenten, auf die Auszeichnung zu verzichten, bedeutet nicht automatisch, dass der Münchner Kardinal die Kritik an seiner Person für richtig hält. Er kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, bereits 2010 weit vor anderen Bischöfen in Deutschland, eine erste umfassende Studie zum Missbrauchsgeschehen im Erzbistum München-Freising in Auftrag gegeben zu haben. Dass diese Untersuchung nur in Kurzform und ohne Benennung der Verantwortlichen veröffentlicht wurde, wirkt aus der Perspektive von heute halbherzig.

Aufarbeitung ohne Rücksicht auf prominente Vorgänger

Die Kirche und Kardinal Marx haben dazugelernt. Noch in diesem Jahr soll eine zweite Studie erscheinen, diesmal ungefiltert, mit Namensnennung. Von 1977 bis 1982 war Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Erzbischof in München. Und Marx hat deutlich gemacht, dass er bei der Aufarbeitung auch auf mehr oder weniger prominente Vorgänger keine Rücksicht nehmen wird. Das wäre tatsächlich aller Ehren wert: Aufklärung ohne Rücksicht auf die Institution und große Namen. Unabhängig durchgeführt und engagiert vorangetrieben von Bischöfen, denen es nicht um die eigene Ehrenrettung geht, sondern um die Ehre der Überlebenden des Missbrauchs.

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 28. April 2021 um 07:09 Uhr.