Kardinal Reinhard Marx gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor Pressemikrofonen ab.  | AFP

Kardinal Marx "Die Kirche muss aus der Krise lernen"

Stand: 04.06.2021 15:43 Uhr

Der Münchner Kardinal Marx hat dem Papst den Verzicht auf sein Amt angeboten. Eine persönliche Entscheidung, betont Marx, - die doch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der Kirche vorantreiben soll.

Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche hängt aus Sicht des Münchner Kardinal Marx nicht an einzelnen Personen, sondern ist eine Aufgabe der Institution Kirche. Sie müsse für den Skandal Verantwortung zu übernehmen, so Marx in einer Pressekonferenz - wenige Stunden nachdem bekannt geworden war, dass er den Papst um die Entbindung vom Bischofsamt gebeten hatte. Beim Missbrauchsskandal reiche es nicht, sich auf "das individuelle Versagen der Amtsträger" zu fixieren, so Marx. Man müsse vielmehr die Institution Kirche im Ganzen betrachten und auch die Fehler, die sie gemacht habe.

"Keiner kann das wiedergutmachen"

"In der Institution Kirche haben Menschen Unheil erfahren", sagte Marx am Nachmittag vor Journalisten. Keiner könne das wiedergutmachen. "Doch die Betroffenen erwarten zu Recht", dass Zeichen dafür gesetzt würden, dass für die Missbrauchsfälle Verantwortung übernommen werde. "Und wer soll das tun, wenn nicht auch die Bischöfe?", so Marx weiter. Darum sei es auch seine Aufgabe, um Entschuldigung und Vergebung zu bitten.

Marx hatte in dem vom Erzbistum München und Freising veröffentlichten Brief an den Papst von einer "Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten" gesprochen. Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn durchgängig, dass es "viel persönliches Versagen und administrative Fehler" gegeben habe, aber "eben auch institutionelles oder systemisches Versagen".

Der Weg der Aufarbeitung ist noch nicht zu Ende

Vor der Presse betonte Marx, dass Gutachten allein aber nicht ausreichen würden. Bei der Aufarbeitung des Skandals sei "vieles vorangegangen", doch der Weg sei noch nicht zu Ende. "Wir brauchen einen Blick auf die Erneuerung der Kirche", forderte Marx:

Ich glaube fest an eine neue Epoche des Christentums - doch das kann nur geschehen, wenn die Kirche aus dieser Krise lernt.

Befürworter des "Synodalen Wegs"

Auch im Brief an den Papst hatte Marx darauf gedrängt, dass der in Deutschland begonnene Reformprozess "Synodaler Weg" weitergehen müsse. Mit seinem Amtsverzicht könne vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche. "Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums."

In der Reformdebatte des "Synodalen Wegs" hatte sich Marx als reformfreudig hervorgetan. Für diesen Sommer wird ein Gutachten über Fälle von sexuellem im Erzbistum München und Freising erwartet, das vor allem herausarbeiten soll, wie sexueller Missbrauch durch Priester im Bistum möglich wurde und ob hochrangige Geistliche Täter schützten.

"Ich bin nicht amtsmüde"

Die Entscheidung, seinen Amtsverzicht anzubieten, sei eine ganz persönliche gewesen, betonte Marx am Nachmittag erneut. Er habe vor allem über die Ostertage viel darüber nachgedacht, die Entscheidung mit seinem Gewissen getroffen und nur in ganz engem Kreis beraten. Im Brief an das katholische Kirchenoberhaupt formulierte Marx es wie folgt:

Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.

Doch Marx betonte auch, er sei gerne Priester und Bischof. "Ich bin nicht amtsmüde", stellte er klar. Er habe seine Arbeit nun "in die Hände des Papstes gelegt", er solle entscheiden, wo Marx künftig tätig ist. Bis zu einer Entscheidung des Pontifex wolle er den bischöflichen Dienst weiter ausüben.

Wegweisende Leistungen für die Kirche

Bei Georg Bätzing, der Marx im vergangenen Jahr auf den Posten des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gefolgt war, trifft die Entscheidung des Münchner Bischofs auf Bedauern und Respekt. "Kardinal Marx will mit seinem Schritt ein Zeichen setzen und institutionelle Verantwortung persönlich übernehmen, die die Kirche im Zusammenhang mit den Fällen sexuellen Missbrauchs und ihre Vertuschung zu tragen hat", so Bätzing.

Bätzing würdigte die bisherigen Leistungen von Kardinal Marx. Er habe Wegweisendes für die Kirche in Deutschland und weltweit erreicht und werde auch in Zukunft noch gebraucht.

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, zollte dem Angebot des Amtsverzichts Respekt. Es verdeutliche "die Dimension und die Verwerfungen", zu denen das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen der Kirche geführt habe.

Ebenso wie Bätzing stellte Rörig die "wichtige Rolle" in den Vordergrund, die Marx bei der Aufarbeitung des Skandals gespielt habe. Gleichzeitig forderte der Missbrauchsbeauftragte, dass die unabhängige Aufarbeitung in den Bistümern mit voller Kraft vorangetrieben werden müsse.

"Da geht der Falsche"

Der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, sagte nach dem Bekanntwerden von Marx' Rücktrittsgesuch, er habe den Bischof als einen Geistlichen erlebt, "der bereit war zuzuhören", sagte Katsch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Marx sei klar, dass man nur durch eine Übernahme von Verantwortung einen Neuanfang machen könne. "Marx hat verstanden, dass diejenigen, die den Karren in den Dreck gezogen haben, ihn nicht zugleich wieder herausziehen können."

Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, bedauerte Marx' Entscheidung. "Ich bin tief erschüttert - da geht der Falsche", sagte Sternberg der "Rheinischen Post". Er schätze ihn außerordentlich. "Was Marx in der Ökumene, beim synodalen Weg und auch bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet hat, ist ganz wichtig gewesen."

Kritik nach Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Sternberg erinnerte auch daran, dass der Münchner Erzbischof fast sein ganzes privates Vermögen in eine Stiftung für Missbrauchsopfer eingebracht habe. Nach seiner Einschätzung habe Marx die massive Kritik an der geplanten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn tief getroffen. "Das zeigt auch, dass in der gegenwärtigen Skandalisierung der katholischen Kirche alle in einen Gesamtverruf kommen - egal, wie ernsthaft sie diese Themen angehen oder nicht", sagte Sternberg. Sollte der Rücktritt von Papst Franziskus angenommen werden, "dann fehlt uns eine ganz wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Juni 2021 um 12:00 Uhr.

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