Mahnwachen mit fragwürdigem Hintergrund Für den Frieden, gegen die Fed

Stand: 29.10.2014 21:02 Uhr

Sie nennen sich die Friedensbewegung 2014: Seit einigen Wochen versammeln sich insbesondere in Berlin Tausende Menschen zu "Montagsdemonstrationen" und "Mahnwachen" für Frieden in Europa und auf der Welt. Wer für Kriege verantwortlich ist, dazu haben die Veranstalter sehr spezielle Vorstellungen: die US-Notenbank und ihre "Erfüllungsgehilfen".

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Plakat der Mahnwache
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Wer als Einziger den Frieden der Welt stört, das verrät schon das Plakat der "Mahnwachen".

Die Demonstrationen greifen neben dem Frieden weitere populäre Themen wie den Konflikt in der Ukraine, den Kampf gegen Gentechnik oder das Freihandelsabkommen mit der USA auf. Als offizieller Organisator gilt Lars Mährholz aus Berlin, der bisher politisch nicht in Erscheinung getreten ist. Nach eigenen Angaben hat er alle seine politischen Erkenntnisse in den letzten Wochen durch Selbststudium im Internet erlangt.

Seine Quintessenz lautet: Die "tödliche Politik der Federal Reserve Bank", der Notenbank der USA, sei für alle Kriege der letzten hundert Jahre verantwortlich. Gebetsmühlenartig wiederholt er auf seinen diversen Webseiten sein Mantra: "IMMER wenn über die USA geredet wird denkt euch einfach die meinen die FED! Amerika bzw. das amerikanische Militär ist nur der Knüppel der FED!" (sic) Die Fed lasse ihre Interessen militärisch durch die USA durchsetzen und "verdiene am Krieg und am Tod von anderen Menschen", zum Beispiel im Irak und Libyen, sagte Mährholz tagesschau.de.

Wirklich unpolitisch?

Immer wieder weisen Mährholz und seine Anhänger darauf hin, dass es sich um eine politisch nicht gebundene Bewegung handelt, die weder rechts noch links sei. Jeder solle sich seine eigene Meinung bilden. Die Empfehlungslinks auf seiner Internetseite gehen jedoch fast alle in bestimmte Richtungen: Neben der Pauschalverurteilung der Fed, die Mährholz als "private Bank" bezeichnet, sind dort unter anderem eine Parteinahme für Russland sowie gegen die USA und Europa, eine  pauschale Verdammung aller "Systemmedien" sowie die Leugnung der Existenz des deutschen Staates zu finden.

Zum Thema Ukraine-Konflikt wird meist unreflektiert die Meinung der russischen Staatsmedien wiedergegeben. Im Gegenzug senden diese wohlwollende Beiträge über Mährholz‘ Friedensbewegung. Zeitweise verlinkte Mährholz auf ein Video von Karl Richter, einem Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion. Darin wirft Richter Deutschland, der EU und den USA vor, aktiv mit "faschistischen Mörderbanden" in der Ukraine zu kooperieren. Inzwischen ist dieser Verweis verschwunden. In einer Video-Stellungnahme auf YouTube distanziert sich Mährholz jedoch ausdrücklich nicht von den Inhalten von Richters Rede.

Steile Thesen bei den Mahnwachen

Auch die Auswahl der Redner auf den "Montagsdemonstrationen" ist, vorsichtig gesagt, sehr speziell: So trat der vom RBB wegen antisemitischer Äußerungen gefeuerte Moderator Ken Jebsen dort auf. Andere Redner auf den Veranstaltungen verbreiteten die einschlägigen Verschwörungstheorien wie die Vergiftung der Bevölkerung durch "Chemtrails" und die Unterdrückung unerschöpflicher Energiequellen.

Andere Gruppen distanzieren sich deshalb inzwischen ausdrücklich von den Mahnwachen, so auch die Deutsche Friedensgesellschaft, die die traditionellen Ostermärsche veranstaltet, sowie Organisatoren der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV. Mährholz, der sich gegenüber tagesschau.de als "Hitzkopf, aber mit Reflektionspotenzial" bezeichnet, sind solche Verschwörungstheorien offenbar zum Teil selbst unangenehm: Entsprechende Wortmeldungen habe er auf der Berliner Mahnwache unterbunden, sagte er.

Friedensfreunde als Guerillakrieger

Inzwischen gibt es im Internet mehrere Kampagnen, die deutsche Medien dazu bringen sollen, über die Mahnwachen zu berichten. So wurde auf der Facebook-Seite anonymus.kollektiv, die sich massiv für die Montagsmahnwachen einsetzt, zum "digitalen Guerillakrieg" auf den Facebook-Seiten deutscher Sender, Zeitungen und Magazine aufgerufen. Andere Anonymous-Gruppen distanzieren sich von dieser Seite, die seit Anfang des Jahres nationalistische, homophobe, antifeministische und antisemitische Propaganda verbreitet - diese sei von interessierten Kreisen gekapert worden, heißt es. Nachprüfen lässt sich das jedoch nicht.

Screenshot von anonymous-kollektiv
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Alles dasselbe: Laut "anonymous-kollektiv" sind die deutschen Medien gleichgeschaltete Kriegshetzer.

Tatsächlich wurden die Foren und Facebook-Seiten von ARD, Tagesschau und anderen Medien über Stunden mit Beleidigungen, Vorwürfen und Pamphleten bombardiert. Pauschal wurde ihnen Lüge, Manipulation, Zensur und Kriegshetze, vorgeworfen - eine inhaltliche Auseinandersetzung war so kaum noch möglich.

alt Youtube-Video von Anonymous (Screenshot)

Stichwort: "Anonymous"

Anonymous ist eine lose Verbindung von Internetnutzern weltweit. Sie hat keine Anführer und keine Hierarchie. Ihre Mitglieder setzen sich für freien Datenfluss und Redefreiheit ein.
In Erscheinung trat Anonymus erstmals 2008 mit einer Aktion gegen Scientology. Anonymous-Aktivisten unternahmen auch Aktionen gegen autoritär regierte arabische Staaten, gegen Polizeibehörden in Großbritannien und den USA. 2010 startete Anonymous Hackerangriffe auf die Online-Auftritte von US-Banken und Kreditkartenfirmen, weil diese sich geweigert hatten, Spenden für den Wikileaks-Gründer Assange weiterzuleiten.
Erkennungszeichen der Bewegung sind eine kopflose Person im Anzug, die den führerlosen Charakter der Bewegung symbolisiert, sowie Masken des regierungskritischen Helden V aus der Comic-Reihe "V wie Vendetta".

Distanz zu "anonymous.kollektiv"

Mährholz erklärt gegenüber tagesschau.de ausdrücklich, nicht in Verbindung mit der Gruppe zu stehen: "Es gibt keinerlei Absprachen zwischen uns. Darüber hinaus möchte ich mich an dieser Stelle ganz klar von solchen Aktivitäten dieser Gruppe wie den 'Guerilla-Krieg gegen die deutschen Medien' distanzieren".

Die Medienkritik der Seite teilt er jedoch zumindest zum Teil: Gerade was die Ereignisse in der Ukraine betrifft, seien die öffentlich-rechtlichen Medien weit von einer unparteiischen Information entfernt: "So weit, dass die Aussagen von Völkerrechtsexperten unterschlagen werden, wenn sie nicht in das Propagandaschema passen." Warum ausgerechnet die russischen Staatsmedien, auf die er verweist, unvoreingenommen und neutral über den Konflikt berichten sollen, erklärt er nicht.

Gegendarstellung

In der Online-Ausgabe von Tagesschau.de vom 16.04.2014 wird unter der Überschrift "Für den Frieden, gegen die Fed" behauptet, der Unternehmer Andreas Popp fordere eine "Kommissarische Reichsregierung" für Deutschland.

Hierzu stelle ich fest:
Diese Forderung habe ich nicht erhoben,

Walsrode, den 30.04.2014

Die Darstellung von Herrn Popp trifft zu.
Die Redaktion

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. April 2014 um 11:45 Uhr.

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