Dieter Köhler

Lungenarzt über Diesel-Grenzwerte Er hat sich verrechnet

Stand: 14.02.2019 18:27 Uhr

Er hatte mit mehr als 100 Lungenexperten die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in Frage gestellt. Nun räumte der Lungenfacharzt Köhler Rechenfehler ein.

Die vielbeachtete Kritik von mehr als 100 Lungenärzten an Grenzwerten für Luftschadstoffe enthält Rechenfehler. Gut drei Wochen nach Veröffentlichung der Stellungnahme räumte der Mediziner Dieter Köhler Irrtümer ein. Er blieb aber bei der Grundaussage, dass die Grenzwerte, weshalb es Diesel-Fahrverbote in Städten gibt, nicht ausreichend wissenschaftlich begründet sind. Über die Rechenfehler hatte zunächst die "taz" berichtet.

Köhler hatte im Januar mit mehr 100 weiteren Lungenexperten eine Stellungnahme verfasst, in der die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid in Frage gestellt und deren Wissenschaftlichkeit angezweifelt werden. Es gebe derzeit "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte", argumentierte die Ärztegruppe in dem Papier. Sie forderte zugleich eine Neubewertung der bisherigen Studien.

Die Experten um Köhler hatten bei ihrer Kritik unter anderem erläutert, ein Raucher nehme bei einem Päckchen pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatmen würde. Sollte heißen: So groß ist das Risiko durch diese Schadstoffe nicht, sonst müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten sterben.

Mann raucht eine Zigarette | Bildquelle: dpa
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Beim Vergleich zwischen der Belastung durch verschmutzte Luft und der Gefahr durch Zigaretten steckten Fehler.

Falsche Umrechnungen und Ausgangswerte

Doch in der Rechnung stecken Fehler - verursacht durch fehlerhafte Umrechnungen und falsche Ausgangswerte, wie es in dem "taz"-Bericht heißt. Folge man der Logik Köhlers und korrigiere die Fehler, nehme ein Raucher durch Zigaretten erst in gut sechs bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie ein 80-Jähriger Nichtraucher zeit seines Lebens beim Einatmen von Außenluft.

Bereits zuvor hatten Experten betont, der Vergleich zwischen einer anhaltenden Belastung wie etwa durch verschmutzte Luft und einer vorübergehenden hohen Belastung etwa beim Rauchen, sei nicht zulässig.

"EU-Vorgabe kannte ich nicht"

Auch eine Berechnung zur Feinstaubkonzentration ist demnach falsch. Köhler räumte ein, dass der Ausgangswert seiner Rechnung weit überhöht sei. Als Grundlage für die Berechnung des Feinstaubgehalts der Zigaretten habe er einen Kondensatwert genommen, den er mit zehn bis 25 Milligramm pro Zigarette angab. Tatsächlich gilt seit 2004 in der EU ein Kondensatgrenzwert von zehn Milligramm pro Zigarette, der Durchschnittswert liegt darunter. "Die Vorgabe der EU kannte ich nicht", sagte Köhler.

"Kleine Korrekturen ändern nicht Aussage"

An der Gesamtaussage aber halten die Fachärzte fest. "Insgesamt ändern diese kleinen Korrekturen natürlich nichts an der Gesamtaussage, dass die sogenannten Hunderttausende von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel sind", teilte Köhler mit.

Auspuff eines Autos in Essen | Bildquelle: AP
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Zahlreiche Experten sagen, es bestehe kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen gesundheitsgefährend ist.

Die Veröffentlichung der damaligen Stellungnahme, die insgesamt rund 130 von 3800 angeschriebenen Lungenärzte unterschrieben hatten, hatte eine breite öffentliche Debatte über die geltenden Grenzwerte ausgelöst. Während Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die Initiative begrüßte und eine "ganzheitliche Sichtweise" anmahnte, wiesen das Bundesumweltministerium und die Grünen die Kritik der Lungenärzte zurück.

Umweltexperten: Kein Zweifel an Gefahr

Auch zahlreiche Epidemiologen, pneumologische Fachgesellschaften und Umweltmediziner wiesen darauf hin, dass Köhlers Argumentation nicht in Einklang mit dem Stand der Forschung stehe. Das Deutsche Zentrum für Lungenforschung äußerte "große Besorgnis" angesichts der Debatte zum Gesundheitsrisiko von Luftschadstoffen. Es bestehe wissenschaftlich kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung darstelle, erklärten die Experten in Gießen.

Verkehrsministerium rechtfertigt sich

Das Verkehrsministerium erklärte nun, der Aufruf der Lungenärzte habe einen "Impuls" zur Debatte über die Grenzwerte gesetzt. Die Debatte habe unter anderem dazu geführt, dass sich die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften des Themas annehmen solle. Der Minister habe zudem ein Schreiben an EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc verfasst, damit die EU-Kommission die Herleitung der Grenzwerts sowie eine Neubewertung prüfe. "Auf diesen Ebenen muss die Debatte wissenschaftlich fortgesetzt und eine Versachlichung herbeigeführt werden."

Die Grünen im Bundestag sehen in der Geschichte dagegen ein Problem für Scheuer: "Ich bin noch immer fassungslos, welche politische Karriere diese Luftnummer genommen hat und dass sie vom Verkehrsminister Scheuer übernommen wurde", sagte Fraktionsvize Oliver Krischer. "Das fällt jetzt auf ihn zurück."

Trotz Rechenfehler - Lungenärzte haben wichtige Diskussion angestoßen
Arne Meyer-Fünffinger, ARD Berlin
14.02.2019 18:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 14. Februar 2019 Inforadio um 13:31 Uhr und NDR Info um 16:08 Uhr.

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