Lothar der Maizière (Foto: Birgit Schmeitzner)

30 Jahre nach Mauerfall Lothar de Maizière sieht Licht und Schatten

Stand: 02.03.2019 18:13 Uhr

Lothar de Maizière wird heute 79 Jahre alt. Mit Helmut Kohl zählt er zu den wichtigsten Protagonisten der Wiedervereinigung - und blickt 30 Jahre nach dem Fall der Mauer mit gemischten Gefühlen auf das Ergebnis.

Von Birgit Schmeitzner, ARD-Hauptstadtstudio

Im Büro von Lothar de Maizière in Berlin-Mitte hängt eine Menükarte hinter Glas: Zum Frühstück am 12. September 1990 in Moskau, so ist darauf zu lesen, gab es "körnigen Kaviar", eine Auswahl an Fisch und Fleisch, überbackenen Zander, Kotelett Kiewer Art und eine Birne in Wein mit Preisselbeeren. Die Unterschriften auf der Rückseite des Blatts sind alles klingende Namen: Gorbatschow, Schewardnadse, Genscher, Dumas, Hunt und, ganz oben, de Maizière - Erinnerung an die erfolgreichen 2+4-Verhandlungen, die die deutsche Wiedervereinigung besiegelten.

Speisekarte mit Unterschriften (Foto: Birgit Schmeitzner)
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Gorbatschow, Schewardnadse, Genscher, Dumas, Hunt und, ganz oben, de Maizière - die Protagonisten der 2+4-Verhandlungen verewigten sich auf einer Speisekarte.

Lothar de Maiziere wird Ministerpräsident der DDR | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Am 18. März 1990 wurde die erste freie Volkskammer der DDR gewählt - und Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten.

Ein Jahr zuvor war die Mauer gefallen, ein Ereignis, das sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Wenn Lothar de Maizière - erster und zugleich letzter demokratisch gewählter Ministerpräsident der DDR - auf den Mauerfall, die Wiedervereinigung und die Auswirkungen zurückblickt, sieht er viel Positives. Er spricht im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk von einem "Maß an Selbstbestimmtheit, das ist der wirklich große Zugewinn, den die Einigung uns gebracht hat".

Dazu komme die Möglichkeit, sich "die Welt anzueignen", wie es de Maiziere formuliert - also etwa Reisen und Studieren im Ausland. Und nicht zuletzt: Die Infrastruktur in Ostdeutschland sei schneller als gedacht zur modernsten in Europa geworden.

Die Schattenseite der Wende

Der Christdemokrat spricht aber auch von Entwicklungen, die ihn bedrückten. Ungeachtet der positiven Faktoren "erleben wir ein Gefühl der Zweitklassigkeit bei vielen Ostdeutschen. Und Abgehängt-Sein". Das führt de Maizière auf verschiedene Faktoren zurück. Zur Elite im Osten gehören seiner Erfahrung nach vorwiegend Westdeutsche. In der Bundesregierung sehe das auch so aus. Das Verständnis füreinander sei weniger schnell gewachsen als erwartet.

Feier in Berlin am 3. Oktober 1990 | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Bei der Feier in Berlin am 3. Oktober 1990 winken von der Freitreppe des Reichstagsgebäude (l-r) Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, daneben halb verdeckt Lothar de Maiziére, der letzte DDR-Ministerpräsident.

Und: Die DDR als vormundschaftlicher Staat habe "Mündel" hinterlassen - also Bürger, die nicht in der Lage seien, sich selbstbestimmt zu verhalten. De Maizière sieht es als ein großes Problem an, dass manche "immer noch warten auf jemanden, der sagt, wo es lang geht. Daher auch die Vorliebe für solche Strukturen, die Führung versprechen".

Anknüpfungspunkt für die AfD

Die AfD bedient genau dieses Bedürfnis. Für de Maizière ist das ein Grund dafür, dass die Partei in Ostdeutschland gute Umfragewerte hat. Das sei aber nicht der einzige Faktor. Dazu komme, dass die Linke inzwischen etabliert ist. Sie stellt Landräte und Bürgermeister, eignet sich nicht mehr so gut als Partei des Protests. Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland führt de Maizière auch darauf zurück, dass es " an der Übung fehlt, mit Ausländern und anderen Kulturen umzugehen".

Vergleich mit Tschechien

De Maizère nimmt also eine Unzufriedenheit in Ostdeutschland wahr - und erzählt, dass er neulich einen Freund in Prag gefragt habe, wieso es in der Tschechischen Republik denn anders laufe und die Menschen dort zufriedener seien. Dieser habe ihm geantwortet, das sei ganz einfach: "Wir vergleichen mit früher, ihr vergleicht immer noch mit dem Westen. Außerdem: Wir ändern uns, und ihr seid geändert worden."

Helmut Kohl - der Mann für die großen Linien

Wolfgang Schäuble und Lothar de Maiziere | Bildquelle: picture-alliance / ZB
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Lothar de Maizière sieht Wolfgang Schäuble als eigentlichen Umsetzer der deutschen Einheit.

Es war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, CDU, der den Bürgern in Ost und West "blühende Landschaften" versprach. In der Frage, wie das konkret gelingen kann, war er aber laut Lothar de Maizière nicht sehr involviert. Kohl sei "sehr stark auf die außenpolitische Einbettung des Prozesses orientiert" gewesen. Und besonders wichtig sei ihm "das Bild in der Geschichte" gewesen.

Die eigentliche Kärrnerarbeit auf der westdeutschen Seite der Verhandler habe Wolfgang Schäuble geleistet, also der heutige Bundestagspräsident, der zum damaligen Zeitpunkt Bundesinnenminister in der Regierung Kohl war.

Vieles kam anders als gedacht

In den 30 Jahren nach dem Mauerfall, sagt de Maizière, sei vieles anders gelaufen als gedacht. Es sei nicht einfach gewesen, diesen "Gesellschaftsvertrag" auszuhandeln, mit dem nachher alle leben konnten. Man haben zwei unterschiedliche Systeme "unter ein Dach bringen" müssen. Ostdeutschland sei in Teilen moderner gewesen, etwa bei der Gleichberechtigung von Frau und Mann.

Das sei notwendig gewesen, weil die DDR die Frauen als Arbeitskraft benötigte. Aber: Die Frauen hätten eben auch ihr Selbstwertgefühl daraus gezogen und standen nach der Wiedervereinigung plötzlich ganz anders da, etwa beim nachehelichen Unterhalt. De Maizière räumt ein, dass solche Dinge erst nachträglich bemerkt wurden. Er gibt aber auch zu bedenken, dass man sie schwerlich ins Gesetz hätte hineinschreiben können, denn letztlich gelte doch: "Recht kann ordnen, aber nicht heilen. Güte kann heilen, und Verständnis."

Langer Atem notwendig

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall sieht Lothar de Maizière also weiter einige Baustellen. Und er mahnt zur Geduld. Seiner Ansicht nach werden "die Ostdeutschen die Stiefel der DDR nicht so schnell los, wie wir gedacht haben". Die Zeit präge eben mehr, als man gemeinhin annehme. Geschichte "denkt eben nicht in Jahren, Geschichte denkt in Generationen". Und an Scheidung, fügt der Jurist hinzu, denke ja nun wirklich niemand.

Lothar de Maizière, CDU-Politiker, über 30 Jahre Mauerfall
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
02.03.2019 17:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. März 2019 um 20:00 Uhr.

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