Ein Mann läuft abends in Hannover an einer geschlossenen Kneipe und Gaststätte vorbei. | dpa
Kommentar

Corona-Maßnahmen Mit Durchhalteparolen durch den Winter

Stand: 03.12.2020 14:05 Uhr

Seit Oktober versuchen Bund und Länder, eine Strategie gegen Corona zu finden. Dabei laden sie die Verantwortung vor allem auf das Privatleben ab, meint Patrick Gensing. Die Folgen: Die Akzeptanz für die Maßnahmen sinkt, die Fallzahlen bleiben hoch.

Ein Kommentar von Patrick Gensing, tagesschau.de

Es ist noch gar nicht lange her, doch erscheinen die Zahlen wie aus einer anderen Zeit: Das Robert Koch-Institut meldet am 14. Oktober gut 5000 neue Corona-Infektionen, die Inzidenz steigt auf 31,5. Für die damaligen Verhältnisse ein schwindelerregend hoher Wert. Experten schlagen Alarm: Die von vielen Fachleuten für den Herbst vorhergesagte zweite Welle baut sich auf.

Patrick Gensing tagesschau.de

Bund und Länder vereinbaren nach langen Verhandlungen als Gegenmaßnahme eine Sperrstunde für die Gastronomie. Kritik daran wischt CSU-Chef Markus Söder beiseite. "Eine Stunde weniger Alkohol kann ja wohl nicht ernsthaft wichtiger sein als am Ende die Frage, ob wir wieder Triage-Systeme wie in anderen Ländern diskutieren wollen", so Söder. Wer möchte da widersprechen?

Doch fehlte bereits zu diesem Zeitpunkt jeder wissenschaftliche Beleg, dass eine Sperrstunde allein einen nennenswerten Effekt auf die Ausbreitung des Virus habe. Die Erzählung von jungen Party-Gängern, die allein Treiber der Pandemie seien, war zwar populär und wirksam, doch nie belegt.

Wertvolle Zeit verstreicht

Die Zahlen vervielfachten sich, Ende Oktober schränken Bund und Länder das Privatleben und die Freizeit der Menschen massiv ein. Begründet wird dies mit Daten des RKI, denen zufolge die meisten Infektionen zuhause geschehen würden. Wie das Virus plötzlich in das Zuhause gelangt ist, bleibt unklar - und dass diese RKI-Daten auf sehr dünner Basis stehen, spielt ebenfalls keine Rolle. Die Menschen müssen ihre privaten Kontakte einschränken, sich am besten weitestgehend isolieren; Kneipen, Clubs, Restaurants, Museen, Theater und Galerien wieder schließen.

Das Ziel: Die Bürgerinnen und Bürger sollen Kontakte vermeiden, dies ist die zentrale Botschaft der Politik. Warum man allerdings in einem riesigen Elektronik-Fachmarkt mit Dutzenden anderen Menschen in einer Schlange stehen kann, trotz Rekord-Infektionszahlen, aber nicht mehr mit gebotenen Abstand zum Sport ins Schwimmbad gehen darf, bleibt nur einer der vielen Widersprüche der Einschränkungen, die die Last und die Verantwortung für den Kampf gegen die Pandemie vor allem auf das Individuum abladen.

Arbeiten, einkaufen, Shopping

Die Maßnahmen offenbaren, welche Bereiche des Lebens in Deutschland für elementar wichtig und welche Kontakte für vermeidbar gehalten werden: Alles was Spaß macht, wird verboten. Das Arbeiten, Einkaufen und Shopping bleibt hingegen erlaubt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier bezeichnet den Erhalt des stationären Einzelhandels sogar als "nationale, ja auch eine patriotische Aufgabe". Wer sein Geld hingegen bislang im kulturellen Bereich verdient hat, kann indes die Trümmer seiner wirtschaftlichen Existenz zusammenkehren - und bei Amazon anheuern.

Die Einschränkungen sind nicht nur ungerecht verteilt, was Privat- und Arbeitsleben betrifft, sondern auch im Hinblick auf Stadt und Land. Insbesondere die Städte leben von ihrer Kultur, von dem öffentlichen Leben, von Begegnung und Spontaneität. All das ist derzeit wie weggewischt. So nachvollziehbar und richtig es auch ist, zum Schutz gegen die Pandemie einschneidende Maßnahmen zu ergreifen: Die Belastungen sind sehr unterschiedlich verteilt.

"Fenster auf, Augen zu und durch"

Die deutsche Politik hat viel Lob erfahren für den Umgang mit dem Corona-Ausbruch im Frühjahr, als die erste Welle durch klare Maßnahmen und den Einsatz der Menschen gebrochen wurde. Dieser Lockdown führte allerdings auch zu fatalen Konsequenzen, beispielsweise was die Gewalt in Familien betrifft oder die Benachteiligung von armen Kindern. Daher ist es gesellschaftlich richtig, die Schulen nicht einfach zu schließen.

Doch braucht es auch entsprechende Konzepte für den Winter, die nicht auf "Fenster auf, Augen zu und durch" beschränkt sind. Die betroffenen Menschen müssen sich schützen und Maßnahmen nachvollziehen können. Pauschale Behauptungen der Politik, Schulen mit vollen Klassen seien wie von Geisterhand sicher, während sich Jugendliche angeblich in ihrer massiv eingeschränkten Freizeit ansteckten, haben viel Vertrauen zerstört. Genauso die Tatsache, dass Empfehlungen des RKI plötzlich abgetan und eigene neue Grenzwerte eingeführt werden.

Präziser Kunstbegriff  

Noch bis mindestens zum 10. Januar soll der "Lockdown light" gelten. Doch eine "leichte Abriegelung" oder "leichte Ausgangssperre" ergibt vom Wort her eigentlich keinen Sinn. Genau deswegen beschreibt der ungelenke Kunstbegriff die derzeitige Situation bemerkenswert genau: Die Einschränkungen ziehen sich über Wochen hin, ohne dass eine nennenswerte Besserung in Sicht ist. Sie sind weder ein Lockdown, und dennoch wird das Leben der Menschen massiv eingeschränkt.

Das exponentielle Wachstum wurde so zwar gebrochen, doch der "Lockdown light" mit all seinen Widersprüchlichkeiten und Ausnahmen führt dazu, dass die Akzeptanz für die Maßnahmen sinkt, die Infektionszahlen hoch bleiben - und die Todeszahlen wachsen. Was nun bleibt, sind Durchhalteparolen und das Warten auf den Impfstoff. Eine nachhaltige Strategie sieht anders aus.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 03. Dezember 2020 um 18:15 Uhr.