Bewohner in Verl in Quarantäne. | AP

Corona-Ausbruch bei Tönnies "Lockdown Light" tritt in Kraft

Stand: 24.06.2020 05:52 Uhr

Erstmals ist in Deutschland nach den bundesweiten Einschränkungen in der Corona-Krise ein regionaler "Lockdown light" in Kraft getreten. In zwei Kreisen in NRW gelten nun wieder Einschränkungen. Heute beraten die Gesundheitsminister der Länder.

Nach dem massiven Corona-Ausbruch in einem Fleischbetrieb von Tönnies ist das öffentliche Leben in zwei Landkreisen von Nordrhein-Westfalen wieder eingeschränkt. Um Mitternacht traten im Landkreis Gütersloh und im Nachbarkreis Warendorf erneut strenge Auflagen in Kraft. Betroffen sind insgesamt rund 640.000 Einwohner.

Das Tönnies-Werk Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh gilt als Ausgangspunkt des Ausbruchs, auch im Raum Warendorf wohnen viele Tönnies-Mitarbeiter. Im öffentlichen Raum dürfen nun nur noch zwei Menschen oder Menschen aus einem Familien- oder Haushaltsverbund zusammentreffen. Zudem sollen eine Reihe von Freizeitaktivitäten unterbleiben. So müssen den Angaben zufolge zum Beispiel Museen, Kinos, Fitnessstudios, Hallenschwimmbäder und Bars vorübergehend geschlossen werden. Die Vorschriften für die neuen Einschränkungen gelten zunächst für eine Woche bis zum 30. Juni.

Geschäfte und Restaurants bleiben offen

Vertreter beider Kreise sprachen von einem "Lockdown light", da Geschäfte und Restaurants weiter geöffnet bleiben dürfen. Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) sagte: "Wenn man das vergleicht mit dem, was wir im März hatten, ist das was, mit dem man sich arrangieren kann. Längst nicht so hart und nur auf eine Woche begrenzt."

Karte Deutschland mit den Orten Münster, Warendorf, Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück |

Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wollen Bürger aus Corona-Risikogebieten nur noch unter strengen Auflagen einreisen lassen. In Schleswig-Holstein sollen sie sich künftig nach der Einreise zwei Wochen in Quarantäne begeben. Auf der Insel Usedom waren Urlauber aus dem Kreis Gütersloh schon am Montag aufgefordert worden, Mecklenburg-Vorpommern wieder zu verlassen.

Was in Gütersloh und Warendorf erlaubt ist - und was nicht

Zeitrahmen: In den Kreisen Gütersloh und Warendorf treten wieder die Kontaktbeschränkungen vom März 2020 in Kraft. Das gilt laut Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet bis zum 30. Juni 2020.

Treffen: Diese Beschränkungen schreiben vor, dass sich nur Menschen aus einer Familie, Lebenspartner oder einem Hausstand in der Öffentlichkeit zusammen aufhalten dürfen. Treffen dürfen sich auch zwei Personen, die weder der Familie angehören noch zusammen leben.

Freizeit: Bis zum 30. Juni sind wieder viele Kulturveranstaltungen sowie Sport in geschlossenen Räumen verboten. Fitnessstudios werden ebenso geschlossen wie Kinos und Bars.

Gastronomie: Thekenbetriebe müssen geschlossen werden, Restaurants dürfen unter Auflagen geöffnet bleiben. Es dürfen maximal zwei Personen oder alternativ eine Familie an einem Tisch sitzen.

Schulen, Kitas: Bereits seit dem 17. Juni sind die Schulen und Kitas in Gütersloh wieder geschlossen. Im Kreis Warendorf geschieht das am Donnerstag, zwei Tage vor Ferienbeginn in NRW. Quelle: dpa

Gesundheitsminister der Länder beraten

In einer Telefonkonferenz wollen die Gesundheitsminister der Länder an diesem Mittwoch über eine einheitliche Linie im Umgang mit Reisenden beraten. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) warnte davor, Urlauber aus dem Kreis Gütersloh zu stigmatisieren. "Die Botschaft an alle, die jetzt auf Gütersloh schauen: Es sind außerhalb der Beschäftigten in der Fleischindustrie so gut wie keine Fälle bisher bekannt", sagte er am Abend in den tagesthemen.

Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) verteidigte die Beschränkungen für Urlauber aus Corona-Risikogebieten dagegen als unbedingt notwendige Sicherheitsmaßnahme für alle Beteiligten. "Wir möchten nicht, dass der Urlaub in Bayern für viele Leute unsicher wird", sagte er in der ARD und im Bayerischen Fernsehen.

Rumänien fordert bessere Bedingungen für Beschäftigte

Unterdessen fordert Rumänien angesichts der zahlreichen rumänischen Staatsangehörigen unter der Tönnies-Belegschaft einen besseren Schutz seiner Bürger in deutschen Schlachthöfen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten müssten "dringend verbessert werden", sagte der rumänische Botschafter in Berlin, Emil Hurezeanu, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sei "zu Recht immer heftiger" geworden.

Hurezeanu sagte, die Hälfte der Tönnies-Mitarbeiter seien rumänische Staatsangehörige. Sein Land erwarte daher, dass die Bundesregierung gesetzliche Vorhaben zur besseren Regulierung der Branche umsetze. Rumänien begrüße das Vorhaben der Bundesregierung zu einer stärkeren Regulierung der Beschäftigung in Schlachtbetrieben. Es führe "hoffentlich zu mehr Transparenz bei den Arbeitsbedingungen" und "zu mehr Verantwortung der Unternehmen".

Deutlich mehr Tests

Mit Inkrafttreten der strengen Regeln werden in den Landkreisen Güterloh und Warendorf die Corona-Tests deutlich ausgeweitet. Laut Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sollen Bewohner und Beschäftigte in Pflegeeinrichtungen, Mitarbeiter der Krankenhäuser, Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel und Kioskpersonal durchgetestet werden. Das gilt auch für die Beschäftigten von Unternehmen und Subunternehmen, die zentrale Gemeinschaftsunterkünfte betreiben oder viele Werkvertragsarbeitnehmer beschäftigen. Alle Bürger der beiden Kreise sollen die Möglichkeit erhalten, sich kostenlos testen zu lassen.

Mehr als 1500 Tönnies-Beschäftige sind nach bisherigen Angaben des Kreises Gütersloh nachweislich infiziert. Rund 7000 Mitarbeiter wurden schon vor den Tests unter Quarantäne gestellt. Zudem wurden im Kreis Gütersloh schon vor Tagen alle Schulen und Kitas vorsorglich geschlossen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 24. Juni 2020 um 05:37 Uhr.