Janine Wissler | dpa
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Linkspartei Vorsitzende Wissler will wieder antreten

Stand: 21.05.2022 13:18 Uhr

Trotz zahlreicher Wahlniederlagen und Sexismus-Debatte in der Linkspartei will Wissler Parteichefin bleiben. Das sagte sie dem ARD-Hauptstadtstudio. Sie tritt auf dem Parteitag Ende Juni in Erfurt noch einmal an.

Von Sarah Frühauf, ARD-Hauptstadtstudio

Die verschiedenen Phasen der Krisenbewältigung: bei Janine Wissler waren sie in den vergangenen Wochen gut zu beobachten. Am Anfang stand der Schock über den überraschenden Rücktritt ihrer Co-Chefin Susanne Hennig-Wellsow und die Sexismus-Vorwürfe in ihrem Landesverband Hessen. Es wurde viel darüber spekuliert, ob auch Wissler hinschmeißen würde. Dann kam der Trotz.

Sarah Frühauf ARD-Hauptstadtstudio

Wissler versuchte die Flucht nach vorn und machte klar, dass sie die Linkspartei allein führen werde, mindestens bis zum Parteitag im Juni. Nun steht die Entscheidung, auch darüber hinaus bleiben zu wollen. Sie wolle einen Beitrag dazu leisten, dass die Linkspartei Vertrauen zurückgewinnt und wieder erfolgreich wird. Die Partei habe großes Potenzial, schließlich sei sie die einzige Opposition von links.

Ausschließlich Niederlagen seit Amtsantritt

Dass ausgerechnet Wissler die Linkspartei neu aufstellen möchte, werden einige skeptisch sehen. Sie und ihre Co-Vorsitzende Hennig-Wellsow kamen im Februar vergangenen Jahres ins Amt. Seitdem hat die Partei fast ausschließlich Niederlagen erlebt: Bei der Bundestagswahl scheiterte die Linkspartei an der Fünfprozenthürde und zog nur dank drei gewonnener Direktmandate ins Parlament ein. Bei allen Landtagswahlen, die folgten, verlor die Partei.

Zuletzt erschütterten Sexismus-Vorwürfe die Linkspartei. Ein Fall betrifft Wissler sehr persönlich. Ihr ehemaliger Lebensgefährte, der gleichzeitig auch ihr Mitarbeiter war, soll sexuell übergriffig gewesen sein. Die Betroffene, die auch Mitglied der Linkspartei ist, hatte sich nach eigenen Angaben wegen der Vorwürfe an Wissler gewandt. Die habe aber nicht reagiert. Wissler bestreitet das.

Gute Chancen auf Wiederwahl?

Wissler räumt aber ein, dass die Partei in einer schwierigen Situation sei. Es ist nur wenige Wochen her, als sie auf einer Pressekonferenz sagte, es gehe um nicht weniger als die Existenz der Linkspartei. Sie selbst habe jahrelang erfolgreich ihren Landesverband geführt und traut sich deswegen zu, die Linke neu aufzustellen. Ob auch die Delegierten des Parteitages das so sehen, ist offen.

Allerdings gibt es einige in der Linkspartei, die glauben, Wissler habe gute Chancen, wiedergewählt zu werden, wenn auch mit einem schlechten Ergebnis. Wichtig sei nun, so Wissler, geschlossen aufzutreten und mit einer Stimme nach außen zu sprechen. Auch wenn der Name nicht fällt, ist klar, dass Wissler auf Sahra Wagenknecht anspielt, die häufig in Talkshows Positionen vertritt, die nicht den Beschlüssen des Parteivorstands entsprechen.

Wagenknecht-Anhänger als Co-Chef?

Doch Wissler braucht noch eine oder einen Co-Vorsitzenden. So schreibt es das Parteistatut vor. Noch hat sich kein weiterer Kandidat offiziell erklärt. Nur Sören Pellmann hat Interesse bekundet. Er hat bei der Bundestagswahl das dritte Direktmandat gewonnen und somit den Fraktionsstatus der Partei gerettet.

Pellmann gilt als Wagenknecht-Anhänger, ihm wird eine Nähe zu Russland nachgesagt. Erst vor wenigen Tagen erschien im "Spiegel" ein Artikel über sein, so hieß es, ungewöhnlich hohes Wahlkampfbudget. Woher die Gelder kamen, sei unklar. Pellmann wollte sich dazu nicht äußern. Auf Pellmann angesprochen, reagiert Wissler ausweichend. Sie wolle als Team beim Parteitag antreten. In den nächsten Tagen werde sie einige Gespräche führen.

Wissler muss sich beeilen

Bisher bestand die Doppelspitze aus einem westdeutschen und einem ostdeutschen Parteimitglied. Das ist keine Pflicht, aber ein Konstrukt, an dem sich bisher noch niemand traute zu rütteln. Auch Wissler will sich nun in den Ostverbänden umschauen. Als möglicher weiterer Vorsitzender wird auch immer wieder Benjamin Hoff genannt, Chef der Staatskanzlei in Thüringen und Vertrauter des linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Hoff bringt sich bisher zwar mit zahlreichen inhaltlichen Vorschlägen zum Parteitag ein, dass er eine Kandidatur verkünden wird, scheint unwahrscheinlich.

Auch Jan Korte, parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, können sich viele als Linkspartei-Chef vorstellen. Korte stammt zwar aus Niedersachsen, hat seinen Wahlkreis aber in Sachsen-Anhalt. Fraglich ist, ob er als Ost-Kandidat zählen würde. Noch fraglicher ist, ob er motiviert ist, den Posten zu übernehmen.

Nicht wenige haben sich Korte nach der verlorenen Bundestagswahl als neuen Fraktionsvorsitzenden gewünscht. Auch damals schon wollte er nicht antreten. Bis zum Parteitag Ende Juni sind es nur noch wenige Wochen, auf der Suche nach einem Kandidaten für den Co-Vorsitz muss sich Wissler also beeilen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Mai 2022 um 14:11 Uhr.