Christine Lieberknecht im Thüringer Landtag | Bildquelle: imago images/Jacob Schröter

CDU-Politikerin Lieberknecht Bescheiden, aber nicht zu unterschätzen

Stand: 18.02.2020 13:15 Uhr

Ihre Polit-Rente verbringt Christine Lieberknecht mit Wandern und Skat - doch dafür könnte bald keine Zeit mehr sein. Denn die CDU-Politikerin steht in Thüringen vor einem überraschenden Comeback.

Von Jan Schönfelder, MDR

Oktober 2017: Deutschland feiert 500 Jahre Reformation. In der Stadtkirche von Schmalkalden sind Bodo Ramelow und Christine Lieberknecht dabei. Er als Ministerpräsident, seine Amtsvorgängerin nur noch als einfache Abgeordnete im Thüringer Landtag. Während Ramelow die Bühne nutzt und nach dem Gottesdienst das Gespräch mit den Bürgern sucht, hält sich Lieberknecht unauffällig und bescheiden im Hintergrund. Sie wird schnell unterschätzt.

Christine Lieberknecht, Bodo Ramelow, Anja Siegesmund und Heike Taubert (v.r.n.l.) | Bildquelle: dpa
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Lieberknecht und Ramelow wird ein gutes Verhältnis nachgesagt.

CDU in Thüringen erneuert

Dabei hat die 61-Jährige einen starken Willen. Wenn es darauf ankommt, steht sie auf. Im Herbst 1989 machte sie erstmals Schlagzeilen, als sie zusammen mit drei anderen Mitgliedern der damaligen Blockpartei CDU in der DDR den "Brief aus Weimar" unterschrieb. Es ging um eine Erneuerung ihrer Partei und um Distanz zur SED. Lieberknecht hatte zu lange die SED-treue Politik der Christdemokraten unterstützt.

Nun wendet sie sich ab und gehört zu den Erneuerern ihrer Partei. Der ersten Thüringer Landesregierung gehört sie als Kultusministerin an. Sie muss nun das sozialistische Bildungssystem umgestalten und belastete Lehrer entlassen. Eine Aufgabe, die ohne klaren Kompass und Härte nicht zu erledigen ist. Auch in der CDU ist Lieberknecht kompromisslos: Als es Stasi-Vorwürfe gehen ihren Chef, Ministerpräsident Josef Duchač gibt, tritt sie von ihrem Ministeramt zurück und löst damit den Rücktritt von Duchač Anfang 1992 aus.

Die 1990er-Jahre über gehört Lieberknecht den verschiedenen Landesregierungen in unterschiedlichen Ämtern an. Nach der Wahl 1999, bei der die CDU die absolute Mehrheit in Thüringen holt, wird sie Landtagspräsidentin, später CDU-Fraktionschefin. 2008 gibt sie das Amt an den jungen Mike Mohring ab, der ebenso wie sie aus dem Weimarer Land kommt. 2009 wird sie Spitzenkandidatin der CDU und Thüringer Ministerpräsidentin. Sie führt eine CDU-SPD-Regierung.

Blumen von der Vorgängerin: Mike Mohring übernimmt von Christine Lieberknecht den Vorsitz der Thüringer CDU.
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Blumen von der Vorgängerin: Mike Mohring übernimmt von Christine Lieberknecht den Vorsitz der Thüringer CDU.

Turbulente Regierungszeit

Wenn es darauf an kommt, dann zeigt sie sich hart: In ihre Amtszeit fällt die Selbstenttarnung des Nazi-Terror-Trios NSU. Sie zeigt sich beschämt über das Versagen der Sicherheitsbehörden und will Aufklärung. Sie drängt auf ein NPD-Verbot und demonstriert gegen Nazis. Ihre Amtsvorgänger haben den Rechtsextremismus im Freistaat lieber verschwiegen.

Aber ihre Regierungszeit ist nicht ohne Turbulenzen: Affären und Personalquerelen, die sie auch mit zu verantworten hat, machen sie angreifbar. Im Pensionsskandal um ihren ehemaligen Regierungssprecher wirkt sie getrieben und zeitweise hilflos. Nach der Landtagswahl 2014 wird Lieberknecht von Ramelow abgelöst. Sie bleibt weiter im Landtag - als einfache Abgeordnete. Zur Landtagswahl 2019 tritt sie nicht wieder an.

Staatskanzlei statt Skat?

Seitdem ist sie politisch nicht wieder in Erscheinung getreten. Über ihr Privatleben verrät Lieberknecht nicht viel. Ihr Mann ist ebenfalls Pfarrer. Politisch tritt er nicht in Erscheinung. Ihre Hobbys sind sehr bodenständig: Sie ist gerne in der Natur unterwegs, ist Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes. Außerdem ist sie leidenschaftliche Skatspielerin. Auch hier braucht sie Verstand, Aufmerksamkeit und Risikobereitschaft.

Nun hat Ramelow in einem durchaus cleveren Schachzug seine Vorgängerin als seine Nachfolgerin vorgeschlagen. Lieberknecht soll mal wieder in schwierigen Situationen aushelfen und mit einer "technischen Regierung" Neuwahlen in Thüringen organisieren. Mohring, der jahrelang auf das Ministerpräsidentenamt geschielt hat, hat nun erneut das Nachsehen: Die Polit-Rentnerin könnte abermals in das Amt gewählt werden - während er all seine Ämter verliert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Februar 2020 um 06:40 Uhr und MDR-aktuell um 13:37 Uhr.

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