Das Logo und der Schriftzug der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hängen an einem Banner vor dem Gebäude

Corona-Pandemie Leopoldina für sofortige Kontaktbeschränkungen

Stand: 27.11.2021 14:36 Uhr

Die Leopoldina-Wissenschaftler empfehlen angesichts der Corona-Lage sofortige umfassende Kontaktbeschränkungen. Auch zur Impfpflicht äußerten sie sich. SPD-Kanzlerkandidat Scholz kündigte konsequentes Handeln an.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert vor dem Hintergrund des drastischen Anstiegs der Corona-Infektionen eine Impfpflicht und Kontaktbeschränkungen. Ungeimpfte müssten motiviert oder in die Pflicht genommen werden, heißt es in einem veröffentlichten Appell von Wissenschaftlern: "Nur so können die Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft vor weiteren desaströsen Folgen bewahrt werden."

Die Unterzeichner plädierten für Freiheitseinschränkungen wie eine stufenweise eingeführte Impfpflicht und drastischere Kontaktbeschränkungen, da diese offenkundig in Einklang mit Grundwerten stünden, die von der Mehrheit der Bevölkerung aus guten Gründen geteilt würden, hieß es.

"Unmittelbar wirksam ist es aus medizinischer und epidemiologischer Sicht, die Kontakte von Beginn der kommenden Woche an für wenige Wochen deutlich zu reduzieren", so die Verfasser. Aufgrund der nachlassenden Immunität müssten diese Maßnahmen vorübergehend auch für Geimpfte und Genesene gelten, die in dieser Zeit eine Auffrischungsimpfung erhalten müssten.

Gebäude der Leopoldina in Halle | dpa
Leopoldina

Die Leopoldina ist eine der weltweit ältesten naturwissenschaftlichen Gelehrtengesellschaften und seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands. Unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen berät sie Entscheidungsträger über gesellschaftlich relevante Themen.

1652 in Schweinfurt als "Academia Naturae Curiosorum" gegründet, erhielt sie ihren heutigen Namen von Kaiser Leopold I., der sie 1687 zur Reichsakademie erhob. Seit 1878 hat sie ihren Sitz in Halle.

Die derzeit mehr als 1500 Mitglieder sind wegen ihrer herausragenden wissenschaftlichen Leistungen in die Leopoldina gewählt worden. In der Vergangenheit waren das Forscher wie Albert Einstein, Marie Curie, Charles Darwin, Max Planck und Niels Bohr.

Andere Berufsgruppen bei Impfungen einbeziehen

Die Unterzeichner, darunter der Leiter der Virologie an der Charité Berlin, Christian Drosten, riefen dazu auf, bis Weihnachten neben Erst- und Zweit-Immunisierungen rund 30 Millionen Drittimpfungen zu ermöglichen.

Um mehr Menschen die nötigen Dosen verabreichen zu können, müssten demnach andere medizinische Berufsgruppen wie Apotheker, Amtsärzte, Zahnärzte, Pflegekräfte und Hebammen mit einbezogen werden. Dazu sei gegebenenfalls fachliche und logistische Unterstützung der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks und anderer anerkannter privater Hilfsorganisationen in der Katastrophenvorsorge nötig.

Schulen und Kitas sollen offen bleiben

Mit Blick auf Kinder und Jugendliche empfiehlt die Leopoldina vorgezogene Weihnachtsferien und regelmäßige Corona-Tests mindestens dreimal pro Woche. Während des gesamten Aufenthalts in den Schulen sollten Lehrer und Schüler aller Klassenstufen Masken tragen. Die Leopoldina erklärte weiter:

Eine Aussetzung der Präsenzpflicht und ein Wechselunterricht an Schulen sowie die Schließung von Kitas sollten möglichst vermieden werden.

Scholz: "Wieder neue dramatische Herausforderungen"

Auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sprach sich angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Corona-Pandemie für konsequentes Handeln aus. Man werde alles tun, was getan werden muss, sagte er in Frankfurt beim Bundeskongress der Jusos und sprach von "wieder neuen dramatischen Herausforderungen". Es gebe nichts, was nicht in Betracht genommen werde.

Ehrgeiziges Ziel sei, dass jetzt alle Betreffenden eine Booster-Impfung zur Auffrischung bekommen. Er habe ja bereits angekündigt, dass ein Krisenstab eingesetzt werden soll. Es gebe derzeit eine enge Zusammenarbeit der künftigen und der jetzigen Regierung, sagte Scholz.

Kretschmann für volles "Instrumentarium"

Seitens der Grünen, des zukünftigen Koalitionspartners der SPD, werden verschärfte Maßnahmen ebenfalls nicht ausgeschlossen. So sprach sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zwar für ein "verhältnismäßiges" Agieren aus. Dies berge aber "immer die Gefahr, dass wir zu langsam sind", sagte der Grünen-Politiker der "Schwäbischen Zeitung".

Kretschmann ist für eine rasche Ministerpräsidentenkonferenz und "das volle Instrumentarium" aus dem Infektionsschutzgesetz: "Einen Lockdown für alle schließe ich nicht aus." Kretschmann verteidigte zudem seine gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder erhobene Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht.

FDP nennt Lage "sehr ernst"

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, bezeichnete die Corona-Lage als "sehr ernst". Sie erklärte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa: "Gerade mit Blick auf die Berichte über die Virusvariante B.1.1.529 nehmen wir die Situation sehr ernst und beraten uns mit Experten. Derzeit wissen wir wenig über die Variante. Daher ist es richtig, den Flugverkehr nach Südafrika einzuschränken. Denn es ist Vorsicht geboten."

Zugleich müssten weiterhin Impf- und Testangebote massiv ausgeweitet werden, um die Bevölkerung zu schützen. "Impfen ist und bleibt der Weg aus der Pandemie. Es ist gut, dass wir in den Koalitionsgesprächen den umfassenden Impfschutz als gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe definiert haben."

Landsberg für Absage von Großveranstaltungen

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, sprach sich für eine Absage von Großveranstaltungen sowie einen baldigen Lockdown in besonders betroffenen Gebieten aus. "Volle Fußballstadien und Großveranstaltungen gehen in dieser kritischen Phase der Pandemie nicht und setzen ein vollkommen falsches Signal", sagte er der dpa.

"In Teilgebieten Deutschlands mit extrem hohen Inzidenzzahlen wird es ohne einen Lockdown nicht gehen. Mit dem Auslaufen der epidemischen Notlage fehlt dafür allerdings die notwendige Rechtsgrundlage." Hier sei die künftige Ampel-Koalition von SPD, Grünen und FDP gefordert, im Bundestag noch vor der Weihnachtspause erneut die epidemische Notlage festzustellen, um so die notwendigen Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. November 2021 um 14:00 Uhr.