Demonstranten der "Querdenken"-Bewegung geraten in Leipzig mit Polizisten aneinander. | Bildquelle: AFP

Strategie bei "Querdenken"-Demos Warten auf den Kontrollverlust

Stand: 08.11.2020 20:58 Uhr

Auch Leipzig hat wieder gezeigt: Die Ohnmacht der Polizei erfüllt die Corona-Leugner mit einem Gefühl der Selbstermächtigung. Neonazis stehen in der ersten Reihe.

Von Olaf Sundermeyer, rbb

Kurz vor dem Durchbruch steht Patrick Wieschke am Willy-Brandt-Platz feixend vor der Kette aus wenigen Polizisten. Hinter ihm drängen die Massen. Er kann ahnen, was angesichts dieser zahlenmäßigen Übermacht wenige Minuten später passieren wird. Der bekannte Eisenacher Neonazi ist einer von Hunderten Rechtsextremisten an eben dieser entscheidenden Stelle - darunter zahlreiche Hooligans. Quer durch Deutschland sind sie der Einladung von "Querdenken" nach Leipzig gefolgt.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise versuchten Hooligans und Rechtsextremisten als "Legida" bereits vergeblich, genau diesen "Leipzig-Moment" zu schaffen, der nun unmittelbar bevor steht: Dass Zehntausende über den Ring ziehen, eine mehrheitlich friedliche Masse, viele mit Kerzen in den Händen.

Demonstranten der "Querdenken"-Bewegung in Leipzig | Bildquelle: AFP
galerie

"Querdenken"-Demonstranten in Leipzig: Mit Kerzen das Wendegefühl imitieren

Leipzig für einen Abend in Besitz nehmen

An diesem Novemberabend nun wollen sie hier im Osten das Wendegefühl des Jahres 1989 aufgreifen - auf den Tag genau 31 Jahre nachdem der Ministerrat der DDR geschlossen zurücktrat. Sie wollen es machen, obwohl diese Massendemonstration aus Gründen des Infektionsschutzes verboten ist. Zur Not erzwingen sie es eben. Mit der Wucht von Zehntausenden "Querdenkern" muss es gelingen. Auch der Gegenprotest von Antifa und linksextremer Szene hat sich schon längst in den Szenestadtteil Connewitz zurückgezogen. Jetzt können sie Leipzig für einen Abend lang in Besitz nehmen. Der Magdeburger Soziologe David Begrich beschreibt diese Inszenierung später als "politisches Reenactment".

Erst brüllen die Hooligans wiederkehrend: "Keine Gewalt!" Wie immer ist es das Zeichen zum Angriff. Dann fliegen Flaschen, Straßensperren- und Schilder, die Masse drückt. Polizisten wehren sich kurz mit Pfefferspray, Journalisten werden nervös zurückgedrängt. Medienaktivisten der Bewegung streamen via Smartphone und kommentieren die "Polizeigewalt gegen friedliche Bürger". Auch diese Umkehr von Tatsachen im freien Resonanzraum des Internets gehört zur Strategie der Bewegung. Schließlich ziehen sich die Polizisten zurück, sie sind zu wenige. Es ist vorbei. Die Masse drängt aus zwei Richtungen zum Ring, singt "Oh wie ist das schön!" und skandiert: "Friede, Freiheit, keine Diktatur!"

Bei der "Querdenken"-Demonstration in Leipzig liegen Brandsätze auf der Straße. | Bildquelle: dpa
galerie

Brandsätze auf den Straßen: Sie riefen "Keine Gewalt!"

Hilfe von verblassten Helden einer vergangenen Zeit

Ein paar Stunden zuvor war den "Querdenkern" bereits der Coup gelungen, den ehemaligen Bürgerrechtler Christoph Wonneberger als Redner auf ihre Bühne zu kriegen. 1989 hatte der lutherische Pfarrer die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche koordiniert. In jeder Stadt ihres Demonstrationsnetzwerks bringen die "Querdenker" so einen lokalen Prominenten auf die Bühne: in München den ehemaligen Fernsehpfarrer des Bayerischen Rundfunks, Jürgen Fliege, in Stuttgart den Fußballweltmeister und Ex-VfB-Spieler Thomas Berthold. Die Helden einer vergangenen Zeit bekommen bei den "Querdenkern" neue Anerkennung.

Was im Frühjahr als friedlicher Protest in Stuttgart begann, ist über die Großdemonstrationen im Sommer in Berlin allmählich zur Bewegung gewachsen. Ihr Professionalisierungsgrad ist enorm. "Querdenken" funktioniert arbeitsteilig - aufgeteilt in Planung, Organisation, IT, Logistik, Marketing, dem eigenen Merchandising sowie den wesentlichen Aufgaben von Fundraising und juristischer Beratung für die Auseinandersetzung mit Versammlungsbehörden und Verwaltungsgerichten.

Demonstranten der "Querdenken"-Bewegung halten Schilder in die Höhe. | Bildquelle: AFP
galerie

Protestschilder der Demonstranten: Kampf gegen die angebliche "Corona-Diktatur"

"Maskenpflicht ist nicht mit dem Wasserwerfer durchzusetzen"

Seit dem 1. August schließen sich Rechtsextremisten und Hooligans auch deshalb dieser Sache an. Die allgemeine Ohnmacht der Polizei im Umgang mit den Protesten in der Pandemie haben sie längst erkannt. Zuvor waren viele von ihnen schon bei anderen, kleineren "Hygienedemonstrationen" dabei, die oft mit strengen Auflagen belegt waren: Abstandsregeln, Maskenpflicht, je nach Zeit und Bundesland. Aber die Polizei verhielt sich in den meisten Fällen defensiv, galt es doch die Bilder von der Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten zu vermeiden - eben um die Behauptung der "Corona-Diktatur" nicht zu bestätigen, der die Regierenden durch ihre Kritiker auf der Straße seit dem Frühjahr ausgesetzt sind. Der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) erkannte für sich deshalb, dass die "Maskenpflicht nicht mit dem Wasserwerfer durchzusetzen ist".

Staatlicher Kontrollverlust

So hält es auch die sächsische Polizei bei ihrem Einsatz am Samstag in Leipzig - obwohl die Wasserwerfer in Bereitschaft sind. Der Leipziger Polizeipräsident Thorsten Schultze sagt nach dem Einsatz einen Satz von politischer Tragweite: "Man bekämpft eine Pandemie nicht mit polizeilichen Mitteln, sondern nur mit der Vernunft der Menschen." Der Staat kann seine eigenen Regeln des Infektionsschutzes wieder mal nicht durchsetzen. Leipzig erlebt den staatlichen Kontrollverlust an diesem Abend, der billigend in Kauf genommen wird.

Über Monate ist den Innenbehörden bundesweit kein Mittel gegen die Corona-Leugner eingefallen, die ihren Widerstand vor allem durch die Verweigerung von Maskenpflicht und Mindestabstand manifestieren. In derselben Zeit ist ihr Gefühl der Selbstermächtigung und damit die Wirkungsmacht einer Bewegung gewachsen, die noch immer nichts anderes ist als der gut organisierte Protest einer lauten Minderheit, die sich aber zunehmend radikalisiert. Viele in der Bewegung hoffen nun, dass daraus inmitten der staatlichen und gesellschaftlichen Krise ein Momentum erwächst, über das sich der Hebel an die Grundfesten des Staates ansetzen lässt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. November 2020 um 20:00 Uhr.

Darstellung: