Grunschule | dpa

Studie zu Grundschulen Lehrermangel offenbar noch gravierender

Stand: 09.09.2019 05:08 Uhr

Der Lehrermangel an Grundschulen wird laut Bertelsmann-Studie weiter zunehmen - auf 26.300 Frauen und Männer bis zum Jahr 2025. Die Zahl liegt deutlich über der Schätzung der Kultusminister.

Von Petra Boberg und Frederik von Castell, HR

Der Lehrermangel an den Grundschulen in Deutschland wird in den nächsten Jahren deutlich größer als erwartet. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die heute veröffentlicht wird. Demnach liegt die Zahl der Lehrer, die bis 2025 fehlen, mit mindestens 26.300 deutlich höher als bisher prognostiziert. Die Kultusminister waren im vergangenen Oktober 2018 noch von 15.300 fehlenden Grundschullehrern ausgegangen.

Petra Boberg
Frederik von Castell

"Schon in den nächsten Jahren wird der Lehrermangel an den Grundschulen in einigen Bundesländern dramatisch ansteigen", sagt Bildungsforscher Dirk Zorn. Gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm hat er für die Bertelsmann-Stiftung die neue Studie erstellt.

Grafik: Schülerzahlen im Primarbereich |

Die Bertelsmann-Studie setzt eine konstante Geburtenrate voraus. Im Ergebnis liegen die Zahlen weit über den von der KMK verwendeten Zahlen.

Zahlen steigen doppelt so stark an wie erwartet

Wie kann es sein, dass die Schätzung der Kultusministerkonferenz (KMK) so viel niedriger ausfällt? "Die Diskrepanz von 11.000 weiteren benötigten Lehrern bis 2025 geht auf einen doppelt so starken Anstieg der Schülerzahlen zurück", erklärt Zorn. Die KMK geht von deutlich weniger Schülern aus als die beiden Forscher, die sich für ihre Analyse auf die neueste Bevölkerungsschätzung des Statistischen Bundesamtes vom Juni dieses Jahres stützen. "Knapp 170.000 Schüler mehr als von der Kultusministerkonferenz bislang berechnet werden in der Grundschule im Jahr 2025 zu erwarten sein", so die Wissenschaftler.

Mehrere Varianten der Bevölkerungsprognose

Das Statistische Bundesamt hat mehrere Varianten dieser Prognose ausgegeben, die sich auf unterschiedliche Annahmen über die Entwicklung der Geburten, Bevölkerungswanderung und Lebenserwartung stützen. Klemm und Zorn haben die "Variante 2" des Statistischen Bundesamts zugrunde gelegt, die als moderat gilt und eine konstante Geburtenrate voraussetzt.

Für ihre Berechnung des Lehrerbedarfs unterstellen Klemm und Zorn zudem, dass sich das Zahlenverhältnis von Schülern zu Lehrern nicht verändert. Im Ergebnis liegen die Zahlen weit über den von der KMK verwendeten Zahlen.

Grafik: Lehrermangel |

Laut bisheriger Annahme der Kultusminister überschneiden sich Bedarf und Angebot an Lehrkräften in nicht mal zehn Jahren.

Schnelle Lösungen gefordert

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, hält es für eine "Herkulesaufgabe", den Lehrermangel zu bewältigen. "Die Zahl der Schülerinnen und Schüler wächst dynamischer als angenommen", sagt er. Gleichzeitig dauere es noch etliche Jahre, bis die zusätzlich eingerichteten Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen auch mehr Absolventen hervorbringen. "Wir brauchen daher schnelle Lösungen, um gute Bildung für alle gewährleisten zu können."

Der Präsident der KMK, Alexander Lorz (CDU), spricht ebenso von einer Herausforderung in einem bereits sehr angespannten Lehrermarkt.

Bildungsforscher fordern jährliche Prognosen

Dräger fordert zudem: "Zukünftig sollten die Bedarfsprognosen jährlich aktualisiert werden, um schneller auf die demographische Entwicklung reagieren zu können." Nur so ließen sich Überraschungen vermeiden und mehr Zeit für politische Reaktionen gewinnen.

Zorn nennt das bisherige Berechnungssystem der KMK träge. Er fordert eine Vereinheitlichung der Prognose-Methodik. "Die eigentliche Rechen- und Prognose-Arbeit findet in den 16 Bundesländern statt", sagt er. Und diese Arbeit sei sehr unterschiedlich. Nur wenige Bundesländer, darunter Bayern, hätten schon vor längerer Zeit entschieden, ihre Prognosen jährlich zu aktualisieren.

KMK-Präsident Lorz verweist darauf, dass die KMK im letzten Jahr beschlossen habe, die Prognosen nun ebenfalls jährlich zu aktualisieren. Die Bertelsmann-Stiftung sei ihnen mit den aktuellen Zahlen zuvorgekommen. Die KMK-Statistiker gingen von einer ähnlichen Größenordnung aus.

Mentorenprogramme für Quer- und Seiteneinsteiger

Um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, müssen viele Bundesländer Akademiker als Lehrer einstellen, die gar kein Lehramt studiert haben. Diese Quer- und Seiteneinsteiger unterrichten oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Entsprechend gelte es, so Dräger, diese Lehrkräfte umfassend berufsbegleitend zu qualifizieren und mit Mentorenprogrammen erfolgreich zu integrieren.

In Berlin wurden zum laufenden Schuljahr an den Grundschulen knapp 70 Prozent aller Neueinstellungen mit Quer- und Seiteneinsteigern besetzt. Bundesweit sei der Anteil von Quer- und Seiteneinsteiger an allen Neueinstellungen von unter drei Prozent auf über 13 Prozent angestiegen. "Und diese Entwicklung dürfte sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen", sagt Zorn.

Einig sind sich die Experten, dass Quer- und Seiteneinsteiger benötigt werden, um den Mangel in den kommenden Jahren abzufangen. Allerdings müsse das Personal qualifiziert werden, fordert auch KMK-Präsident Lorz: "Wenn man schon darauf zurückgreifen muss, dann ist es wichtig, dass wir ihnen pädagogische Qualifizierung mitgeben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. September 2019 um 06:00 Uhr.