Lehrer vor Schultafel | AFP

Schulstart in Corona-Zeiten Mit mulmigem Gefühl zurück in die Schule

Stand: 17.08.2020 05:09 Uhr

In drei weiteren Bundesländern beginnt das neue Schuljahr. Manche Lehrerinnen und Lehrer fürchten, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Doch auch Risikopatienten unter ihnen bekommen nicht einfach ein Attest.

Von Frank Helbert und Tanja Praschak, SWR

Carsten Jung aus Mainz ist einer der wenigen Lehrer, der vor dem Schulbeginn in Rheinland-Pfalz offen über seine Sorgen spricht. Der Gymnasiallehrer leidet unter Asthma und Bluthochdruck. Deshalb wollte Jung vor Schulbeginn wissen, wie gefährlich Covid-19 für ihn werden könnte. Er ließ sich am Institut für Lehrergesundheit untersuchen.

Ein solches arbeitsmedizinisches Institut nur für Lehrerinnen und Lehrer gibt es in Rheinland-Pfalz. Hier haben sich einige Hundert Pädagogen in den vergangenen Wochen von Betriebsärzten checken lassen. Das Ergebnis: Etwa 20 bis 25 Prozent der Untersuchten wurde empfohlen, keinen Präsenzunterricht zu halten. "Was aber nicht heißt, dass die Lehrer nicht an der Schule dann noch andere Tätigkeiten machen können", so der Direktor des Instituts, Stephan Letzel.

Viele Lehrer lassen sich befreien

Das Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz geht davon aus, dass etwa 820 von 41.000 Lehrkräften vom Unterricht im Klassenzimmer befreit werden. In Brandenburg sind es etwa 190 von 21.000 Lehrern. In Hamburg fehlen coronabedingt zurzeit etwa 300 von rund 22.000 Lehrkräften.

Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), kann die Vorsicht mancher Lehrkräfte verstehen: "An keinem anderen Arbeitsplatz in Deutschland müssen Mitarbeiter mit 30 Menschen ohne Abstand im Raum sitzen", sagt sie und fordert mehr Verständnis in der öffentlichen Diskussion.

Die Hälfte der Lehrer erhält kein Attest

Vor den Sommerferien konnten Lehrerinnen und Lehrer in den meisten Bundesländern einfacher vom Präsenzunterricht befreit werden. Wenn sie sich zur Risikogruppe zählten und beispielsweise älter als 60 Jahre alt waren, konnten sie ohne weitere Nachfragen Zuhause bleiben. Die zuständigen Ministerien richteten sich damals nach den Einschätzungen für Risikogruppen des Robert Koch-Instituts, doch die haben sich mittlerweile geändert. Nun ist eine individuelle medizinische Einschätzung nötig. Die Hürden sind damit vielerorts gestiegen.

Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist diese Anpassung zwar richtig. Kritisch sieht die Gewerkschaft aber, dass noch nicht einmal die Hälfte der Lehrkräfte, die sich zur Corona-Risikogruppe zählt, auch ein Attest ausgestellt bekommt. "Der Verdacht kommt auf, dass die Lehrer besonders streng begutachtet werden", erklärt GEW-Vorstandsmitglied Hoffmann.

GEW kritisiert die Ministerien

"Es gibt sowieso schon zu wenige Lehrer, wenn die dann auch noch keinen Präsenzunterricht halten, würde sich ja die Situation in den Schulen verschlimmern", sagt Hoffmann. Im Gegensatz zu anderen Arbeitsplätzen in Deutschland gebe es für Schulen keine Gefährdungsbeurteilung.

Wie gut lassen sich die Klassenräume lüften, wie sieht es mit der Hygiene in den Klassenzimmern aus und wie kann man den Abstand zwischen den Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer einhalten? Alles Fragen, um die sich die zuständigen Ministerien hätten kümmern müssen - vor Schulstart. "Wir wissen von Schulen, in denen sich Fenster nicht richtig öffnen lassen, weil sie kaputt sind oder eine Durchlüftung nur durch schmale Fenster möglich ist. Das kann nicht sein", kritisiert Hoffmann.

Susanne Lin-Klitzing | picture alliance / Maurizio Gamb

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, kritisiert die Schulklassen als zu groß. Bild: picture alliance / Maurizio Gamb

Sind die Schulklassen zu groß?

Diese Probleme kennt auch der Deutsche Philologenverband, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt. Der Verband fordert außerdem, dass Schulklassen kleiner werden müssen. "33 Schüler in einer Klasse, das ist prinzipiell zu groß, nicht nur zu Corona-Zeiten", so die Vorsitzende des Verbandes, Susanne Lin-Klitzing.

Der Pressesprecher der Bundesschülerkonferenz, Torben Krauß, kann die Diskussion der Lehrerverbände verstehen. Denn auch unter Schülern gibt es Risikogruppen, die geschützt werden müssen. Aus seiner Sicht ist das Problem die digitale Ausstattung der Schulen: "Wenn alle Schulen gute WLAN-Verbindungen hätten, könnten sich gefährdete Lehrer auch gut von außerhalb in die Klassenzimmer schalten."

Gymnasiallehrer Carsten Jung aus Mainz wird von heute an wieder in der Schule unterrichten müssen. Er gilt als gesund genug, um im Klassenraum zu arbeiten. Jung bereitet das Sorgen: "Mit Schülern auf engstem Raum gibt mir schon ein gewisses ungutes Gefühl."

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 17. August 2020 um 05:40 Uhr.