Karl Lauterbach | dpa

Gesundheitsminister Lauterbach "Omikron ersetzt Impfung nicht"

Stand: 16.01.2022 17:01 Uhr

Sich mit der milderen Omikron-Variante infizieren und danach gegen Corona geschützt sein - diese Hoffnung hegen nicht wenige. Doch Gesundheitsminister Lauterbach warnt: Eine Omikron-Infektion biete wenig Schutz vor anderen Varianten.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sieht in einer Ansteckung mit der milder verlaufenden Omikron-Variante des Coronavirus keine Alternative zur Impfung. "Der Ungeimpfte, der jetzt Omikron Infektion bekommt, wird im Herbst gegen andere Varianten wenig Schutz haben", twitterte der SPD-Politiker. "Omikron ersetzt Impfung nicht."

Lauterbach stimmte einem Tweet des Impfstoff-Forschers Florian Krammer zu. Dieser hatte mit Verweis auf vorhandene Daten argumentiert, die von der Omikron-Variante ausgelöste Immunantwort sei sehr spezifisch. Sie schützt demnach also vor der Omikron-Variante, aber nicht oder schlecht vor anderen Virusvarianten. Eine Grundimmunität, wie sie durch eine vollständige Impfung erreicht wird, umfasse hingegen eine sehr breite Immunantwort.

"Uns drohen sehr schwere Wochen"

Zuvor hatte Lauterbach angesichts der Omikron-Welle und der geringen Impfquote in Deutschland vor einer hohen Zahl an Toten und starken Einschränkungen bei Krankenhausbehandlungen gewarnt. "Uns drohen in Deutschland sehr schwere Wochen", sagte der Minister der "Bild am Sonntag".

Derzeit erkrankten vor allem die Jüngeren mit vielen Kontakten. Doch sobald sich auch die Älteren infizierten, werde die Zahl der Krankenhauseinweisungen wieder steigen. Dann könne der Platz auf den Intensivstationen und auf den Normalstationen knapp werden. Deutschland habe im internationalen Vergleich eine ältere Bevölkerung mit vielen chronisch Kranken. Dies sei "brandgefährlich".

Inzidenz steigt erstmals auf mehr als 500

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete erneut einen Höchstwert bei der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz. Demnach lag der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Sonntagmorgen bei 515,7 - und damit erstmals über der Schwelle von 500. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 497,1 gelegen. Vor einer Woche lag die bundesweite Inzidenz bei 362,7.

Der Schwerpunkt der Virus-Ausbreitung liegt weiterhin in Norddeutschland und dort in den Stadtstaaten: Die höchste Sieben-Tage-Inzidenz weist laut RKI Bremen auf mit einem Wert von 1401,2. Dahinter folgen Berlin mit 965,3 und Hamburg mit 831,5. Schleswig-Holstein verzeichnet einen Wert von 665,6. Aber auch in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg und Hessen liegen die Werte inzwischen wieder über der Schwelle von 500.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 52.504 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 36.552 Ansteckungen. Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 47 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 77 Todesfälle.

Drosten sieht in Omikron eine "Chance"

Der Virologe Christian Drosten sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag", die milder verlaufende Omikron-Variante biete grundsätzlich die Möglichkeit, in einen endemischen Zustand zu kommen. "Es wäre eine Chance jetzt, breite Immunität vorausgesetzt", sagte er. In einer Endemie ist das Virus zwar dauerhaft präsent, allerdings treten weniger Infektionswellen auf. Die Zahl der Erkrankungen bleibt also über die Zeit relativ konstant.

Drosten sagte, alle Menschen müssten sich früher oder später mit Sars-CoV-2 infizieren. "Ja, wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative", sagte er. "Wir können nicht auf Dauer alle paar Monate über eine Booster-Impfung den Immunschutz der ganzen Bevölkerung erhalten." Das müsse das Virus machen. "Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes" - sonst würden "zu viele Menschen sterben".

Kliniken verzeichnen mehr Patientenaufnahmen

Die Zahl der Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung sank derweil laut DIVI-Register innerhalb eines Tages um 58 auf nun 2741. 61 Prozent davon werden invasiv beatmet. Allerdings berichten die Kliniken von tendenziell mehr Patientenaufnahmen mit Covid-Erkrankungen - vor allem auf den Normalstationen.

"Wir sehen diesen Anstieg auf den Normalstationen bereits in manchen Regionen, so zum Beispiel in Bremen, Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein", sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, der "Augsburger Allgemeinen". "Im Unterschied zu vorangegangenen Wellen werden Patienten in den kommenden Wochen aber wohl vermehrt in den Normalstationen ankommen, da die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf zu haben, bei Omikron geringer ist."

Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte Gaß: "Wir werden elektive Leistungen verschieben müssen." Dies betreffe orthopädische Operationen genauso wie Therapien für chronische Erkrankungen und Krebspatienten. "Wir können auch nicht ausschließen, dass das in vielen Fällen auch zu echten Schäden führt."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Januar 2022 um 16:00 Uhr.