Minister Lauterbach in Israel | dpa

Bundesgesundheitsminister in Israel Auf der Suche nach einem neuen Image

Stand: 12.09.2022 16:49 Uhr

Als einer der beliebtesten Minister der Ampel war Karl Lauterbach gestartet, dann rieb er sich auf zwischen FDP und Corona-Regeln. Jetzt will er die Digitalisierung voranbringen - mit neuen Impulsen aus Israel.

Von Barbara Kostolnik und Oliver Sallet, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Tel Aviv

Der Bundesgesundheitsminister ist ganz in seinem Element: In 11.500 Metern Höhe, irgendwo über den griechischen Inseln, erzählt Karl Lauterbach im Airbus A340 "Konrad Adenauer", wie sehr er sich auf die vielen spannenden Begegnungen in Israel freue und dass diese Reise eine lange Vorgeschichte habe.

Barbara Kostolnik ARD-Hauptstadtstudio
Oliver Sallet ARD-Hauptstadtstudio

Im September 2021 nämlich - Karl Lauterbach war zu diesem Zeitpunkt ein vielerorts geschätzter Gesundheitsexperte - war er vom israelischen Gesundheitsminister eingeladen worden. Selbst wenn Lauterbach nicht Gesundheitsminister geworden wäre, "ich wäre auf jeden Fall geflogen, nur eben nicht in dieser Regierungsmaschine", scherzt er mit den mitreisenden Journalistinnen und Journalisten, die wie er alle ausnahmslos Maske tragen.

Durchwachsene politische Bilanz

Zuhause in Deutschland lief es zuletzt eher mäßig. Das neue Infektionsschutzgesetz ist zwar vom Bundestag verabschiedet, der FDP musste Lauterbach aber Zugeständnisse machen, herausgekommen ist ein Flickenteppich. Gesichtsmasken bleiben in Fernzügen auch ab Oktober verpflichtend, in Nahverkehrszügen entscheiden das die Länder, in Flugzeugen hingegen wird die Maskenpflicht abgeschafft.

Immerhin - die Maskenpflicht in Arztpraxen konnte Lauterbach am Ende noch durchsetzen. Das sorgt für Verwirrung und in Teilen der Bevölkerung für blanken Hass. Die Wut bekommt der Gesundheitsminister jeden Tag zu spüren, von Anfeindungen auf Twitter - "ihr haltet uns wohl für unendlich blöd" - bis hin zu Demonstrationen direkt vor seinem Bürofenster.

Dabei hat Lauterbach eine erstaunliche Wandlung hingelegt, von einem der beliebtesten Politiker Deutschlands, der mit großer Sachkenntnis in Talkshows das Coronavirus erklärte und von vielen als Wunschgesundheitsminister gesehen wurde, hin zu einem der gefährdetsten Politiker des Landes. 

Abschied vom "Corona-Minister"?

Auch deshalb will Lauterbach weg vom Image des Corona-Ministers, denn es gibt Projekte, mit denen er glaubt, mehr gewinnen zu können. Das e-Rezept hat er bereits angeschoben, Prestigeprojekt ist die elektronische Patientenakte, bei der Daten von Millionen Patienten digital gespeichert werden und später auch zu Forschungszwecken ausgewertet werden können.

"Hier kann Deutschland noch viel von Israel lernen," sagt Lauterbach mit einiger Bewunderung. In Deutschland nämlich reden beim Datentransfer nicht nur der Bundesdatenschutzbeauftragte, sondern auch noch 18 Datenschutzbeauftragte der Bundesländer mit. Die Bedenken sind groß, die Krankheitsdaten von Millionen deutscher digital zu speichern und auszuwerten. 

Lob für israelischen Weg

In Israel sind die Hürden weniger hoch - auch deshalb ist das Land in puncto Digitalisierung weiter als Deutschland. Auch deshalb scheint Lauterbach die Reise in vollen Zügen zu genießen. "Ich bin entzückt" hört man Karl Lauterbach in der Jerusalem Hall im israelischen Parlament, der Knesset, strahlen. Sein Nebenmann, der israelische Gesundheitsminister Nitzan Horowitz, hört das gern. Lauterbach lobt überschwänglich die israelischen Erfolge in der Pandemiebekämpfung und die enge Zusammenarbeit mit Deutschland.

Besonders lebhaft wird der Minister, als er den Programmpunkt anspricht, der ihn geradezu in helle Aufregung zu versetzen scheint: ein Besuch im renommierten Weizmann-Institut, wo er sich über künstliche Intelligenz informieren will. Da bricht aus dem Gesundheitsminister der Wissenschaftler Lauterbach hervor.

Er wäre liebend gerne länger geblieben, sagt er noch. Das wiederum bringt ihm umgehend eine weitere Einladung von Horowitz ein. Und Lauterbach besteht darauf, dass im Protokoll festgehalten wird, dass er wiederkommen soll.

Minister Lauterbach in Yad Vashem | dpa

In der Gedenkstätte Yad Vashem betonte Lauterbach, wie ihn das Wissen um den Holocaust mitgeprägt hat. Bild: dpa

Nachdenkliche Worte in Yad Vashem

Beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Pflichttermin für politische Besucher aus Deutschland, erlebt man einen in sich gekehrten, nachdenklichen Minister. Lauterbach, der als Bundesgesundheitsminister zu den am meisten gefährdeten Politikern Deutschlands gehört, schreibt in das Gästebuch der Gedenkstätte:

Das Wissen um den Holocaust hat meine Sicht auf die Menschheit und auch auf mein Land mitgeprägt. Für mich war und ist es das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Keine Krise, weder Pandemie noch Krieg, darf missbraucht werden für Antisemitismus und alte Ressentiments. Nicht Angst oder Abgrenzung, sondern Humanität und Wissenschaft bergen die Antworten auf Fragen der Gegenwart. Ich gedenke aller Opfer des Holocaust und ihrer Familien und werde gerade auch um ihrer willen nicht nachlassen, gegen all jene zu sprechen, die durch Hass und Verleumdung gegen das Volk Israels Zwietracht und Gewalt säen.

Noch später am Tag, als er sich bei einem Runden Tisch mit Experten des israelischen Gesundheitssystems ein weiteres Mal über die Pandemie austauscht, fragt Lauterbach seine Gegenüber, wie die denn mit Fake News im Zusammenhang mit der Pandemie umgehen. Statt einer Antwort gibt es Gelächter. Auch in Israel hat man offensichtlich nicht alle Antworten für den Minister.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. September 2022 um 07:00 Uhr.