Winfried Kretschmann und Susanne Eisenmann | imago images / Arnulf Hettrich
Analyse

Wahl in Baden-Württemberg Kretschmann kam an, Eisenmann gar nicht

Stand: 14.03.2021 19:45 Uhr

Der neue Negativrekord der CDU in Baden-Württemberg dürfte viel mit ihrer Spitzenkandidatin zu tun haben. Die AfD hatte eher ein Problem mit ihren Themen. Und die Grünen dürfen sich vor allem bei einem bedanken.

Von Holger Schwesinger, tagesschau.de

Dass die Grünen in Baden-Württemberg laut Hochrechnung erneut klarer Wahlsieger sind, hat viel mit ihrem Spitzenkandidaten zu tun. Winfried Kretschmann kommt an. In Umfragen, die infratest dimap kurz vor der Wahl durchgeführt hat, sagen 60 Prozent der Grünen-Wähler, Kretschmann sei für sie der wichtigste Grund, die Grünen zu wählen. 36 Prozent sagen, ohne Kretschmann kämen sie gar nicht auf die Idee, für die Grünen zu stimmen.

Holger Schwesinger

Kretschmann kommt selbst bei AfD-Wählern an

Und 77 Prozent aller Wähler in Baden-Württemberg sagen, Kretschmann ist ein guter Ministerpräsident. Das sind nicht mehr ganz so viele wie 2016, wo Kretschmann bei dieser Frage auf einen absoluten Spitzenwert von 89 Prozent kam. Trotzdem ist der aktuelle Wert einer der besten, den ein Regierungschef oder einer Regierungschefin bei den Landtagswahlen der vergangenen vier Jahre erreicht hat - nur Annegret Kramp-Karrenbauer toppte Kretschmann 2017 im Saarland noch.

Der Grünen-Politiker kommt in allen politischen Lagern an: Die Anhänger der eigenen Partei sind nahezu geschlossen der Ansicht, dass er ein guter Ministerpräsident ist. Auch bei den Wählern anderer Parteien kommt er auf extrem hohe Zustimmungswerte: 89 Prozent der SPD- und 81 Prozent der CDU-Wähler halten ihn für einen guten Ministerpräsidenten. Und selbst bei den AfD-Wählern kommt der Grüne immerhin noch auf eine Zustimmung von 42 Prozent.

Wie stark die Wahl vom Profil der Spitzenkandidaten geprägt war, zeigt sich auch bei der "Direktwahlfrage". Wenn es möglich wäre, den Ministerpräsidenten bzw. die Ministerpräsidentin direkt zu wählen, hätten sich 69 Prozent der Baden-Württemberger für Kretschmann entschieden und nur 16 Prozent für seine Herausfordererin Susanne Eisenmann von der CDU - der Partei die über viele Jahrzehnte den Regierungschef in Stuttgart gestellt hat.

Selbst viele CDU-Anhänger würden lieber den Grünen wählen

Besonders bitter für die CDU-Politikerin: Selbst von den Anhängern ihrer eigenen Partei hätten sich bei einer Direktwahl 56 Prozent für den Grünen Kretschmann entschieden und nur 35 Prozent für sie. So dürfte das schlechte Abschneiden der CDU, die laut Hochrechnung einen neuen Negativrekord in dem einst "schwarzen Ländle" einfährt, vermutlich zu einem großen Teil auch auf die Wahl der falschen Spitzenkandidatin zurückzuführen sein.

Auch wenn man die Wähler nach den Eigenschaften der Politiker fragt, ergibt sich für Eisenmann ein desaströses Bild. Egal ob es um Sympathie, Kompetenz, Führungsstärke oder Glaubwürdigkeit geht: Kretschmann schneidet besser ab als Eisenmann - und das nicht nur ein wenig sondern deutlich. Bei der Frage, wer führungsstärker ist, sagen zum Beispiel 69 Prozent Kretschmann und nur 13 Prozent Eisenmann.

Bild: Profilvergleich

Abstand der Spitzenkandidaten schon lange groß

Dass Eisenmann - die derzeit Kultusministerin in der schwarz-grünen Koalition in Stuttgart ist - viel Kritik für ihre Schulpolitik in der Pandemie einstecken musste, scheint übrigens keinen Einfluss gehabt zu haben. Der Abstand zwischen ihr und Kretschmann in der "Direktwahlfrage" war vor Beginn der Pandemie ähnlich groß wie heute.

Dass der Abstand im Wahlergebnis zwischen den Grünen und ihrem bisherigen Regierungspartner CDU noch größer als 2016 ist, hängt aber natürlich nicht allein an den Personen. Fragt man die Menschen, wie sie die Arbeit der bisherigen grün-schwarzen Landesregierung bewerten, sagen 57 Prozent, sie sind zufrieden damit. Das ist kein schlechter Wert, allerdings auch kein Spitzenwert. Innerhalb der Koalition kommen die Grünen dabei aber deutlich besser weg als die CDU: Mit der Arbeit der Grünen sind 52 Prozent zufrieden, mit der der CDU nur 34.

Bild: Zufriedenheit mit der Arbeit …

Einfluss der Masken-Affäre unklar

Und auch bei der Zuschreibung von Kompetenzen in wichtigen Politikfeldern schneiden die Grünen in vielen Punkten besser ab als die CDU oder zumindest nicht deutlich schlechter. Bei der Frage, wem die Wähler am ehesten zutrauen, eine gute Umwelt- und Klimapolitik zu betreiben, liegen sie mit 60 Prozent klar vor der CDU mit neun Prozent. Bei der Corona-Politik haben sie einen kleinen Vorsprung, bei den Kompetenzen in Sachen Digitalisierung liegen sie nur knapp hinter der CDU. Lediglich bei der wichtigen Frage der Wirtschaftskompetenz liegt die CDU mit 41 Prozent deutlich vor den Grünen mit 17.

Corona-Politik nur für wenige des wichtigste Thema

Inwieweit die Masken-Affäre der CDU bei der Wahl geschadet hat, lässt sich auf Grundlage der Umfragen nicht sagen. Die Corona-Politik hat bei der Wahl ohnehin nicht die entscheidende Rolle gespielt: Nur zwölf Prozent der Wähler in Baden-Württemberg sagen, die Bekämpfung der Pandemie sei für sie das Thema gewesen, das bei ihrer Wahlentscheidung die größte Rolle gespielt habe. Deutlich wichtiger waren Themen, die bei Landtagswahlen in Flächenländern fast immer weit oben auf der Agenda stehen: Bildung, soziale Sicherheit, Umwelt und Wirtschaft - letzteres war für 22 Prozent das wichtigste Thema.

Bild: Welches Thema spielt für Ihre Wahlentscheidung die größte Rolle?

Zwar spielt bei all den genannten Themen die Pandemie natürlich indirekt auch eine Rolle - etwa in Form des Lockdowns, der Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat. Aber deutlich wird: Während im Alltag und in der medialen Berichterstattung die Bekämpfung der Pandemie das alles dominierende Thema zu sein scheint, war sie das bei der Landtagswahl nicht.

AfD punktet nicht mit Kritik der Corona-Politik

Die AfD, die bei der Wahl 2016 aus dem Stand mit 15,1 Prozent drittstärkste Kraft im Landtag geworden war, schafft es nicht, dieses Ergebnis zu halten. Sie ist neben der CDU die zweite Partei, die deutlich verliert.

80 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg werfen der AfD vor, sich nicht genug von rechtsextremen Positionen abzugrenzen. Und der Partei scheint das zentrale Wahlkampfthema abhanden gekommen zu sein. 2016 konnte sie mit ihrer ablehnenden Haltung zur Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik punkten. Dieses Thema spielt für AfD-Anhänger immer noch eine wichtige Rolle - aber eben nur für die. Von allen Baden-Württembergern sagen gerade einmal fünf Prozent, dass Zuwanderung derzeit das wahlentscheidende Thema sei.

Im Wahlkampf hatte die AfD diesmal auch stark darauf gesetzt, sich als Kritikerin der aktuellen Corona-Einschränkungen zu profilieren. Auch das scheint aber außerhalb des eigenen Lagers nicht zu ziehen. Auf die Frage, welcher Partei sie am ehesten zutrauen, das Land gut durch die Corona-Krise zu führen, sagen nur vier Prozent: der AfD.

Bild: Welcher Partei trauen Sie am ehesten zu, das Land gut durch die Corona-Krise zu führen?

FDP gewinnt mit kritischer Haltung zum Lockdown

Ohnehin halten 48 Prozent die aktuellen Corona-Maßnahmen für angemessen, 20 Prozent sprechen sich sogar für eine Verschärfung aus und nur 28 Prozent sind für eine Lockerung. Bei diesen 28 Prozent konnte aber offenbar eher die FDP punkten, die im Vergleich zur Wahl 2016 laut Hochrechnung deutlich zulegen konnte.

Sie hatte sich ebenfalls dafür ausgesprochen, die Maßnahmen zu lockern - ohne dabei aber die Gefahr durch die Pandemie an sich in Frage zu stellen. 86 Prozent der FDP-Wähler und immerhin noch 56 Prozent aller Wähler sagen, sie finden es gut, dass die FDP die Corona-Beschränkungen für Handel und Wirtschaft lockern will.

Viele wissen nicht mehr, wofür die SPD steht

Und die SPD? Für die einstige Volkspartei sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg inzwischen ein ähnliches Trauerspiel wie im Nachbarland Bayern. Laut Hochrechnung bleibt ihr aber zumindest das Schicksal erspart, einstellig zu werden.

Warum kann die SPD beim Wähler nicht punkten? In den Umfragen, die infratest dimap in Baden-Württemberg durchgeführt hat, zeigt sich ein ähnliches Phänomen, das bereits bei mehreren anderen Landtagswahlen in den vergangenen Jahren zu beobachten war: Die Menschen wissen, nicht, wofür die Partei inhaltlich steht. 76 Prozent der Befragten in Baden-Württemberg stimmen dieser Aussage zu und selbst 46 Prozent der SPD-Wähler sehen das so.

Bild: „SPD sorgt am ehesten für soziale Gerechtigkeit“

Hinzu kommt, dass ihr selbst bei den Themen, die jahrzehntelang als Kernthemen der SPD galten, immer weniger Kompetenzen zugeschrieben werden. 67 Prozent sagen, sie stehe heute nicht mehr eindeutig auf der Seite der Arbeitnehmer. Und nur noch 23 Prozent halten sie für die Partei, die sich am ehesten für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Vor zehn Jahren kam die SPD hier noch auf einen Wert nahe der 50-Prozent-Marke.