Verteidigungsministerin Lambrecht bei der Bundeswehr in Litauen | dpa

Verteidigungsministerin in Litauen Mehr Krise als Christstollen

Stand: 19.12.2021 23:43 Uhr

Die neue Verteidigungsministerin Lambrecht wollte bei ihrer ersten Auslandsreise nach Litauen die Truppe kennenlernen und Weihnachtsgrüße überbringen. Doch russische Drohgebärden überschatten den Besuch.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die neue Verteidigungsministerin steht vor einem wahren Fahrzeug-Ungetüm - dem vier Meter hohen, gepanzerten Schwerlasttransporter "Mammut" - und bittet um Geduld: "Vielen Dank, dass Sie mir das alles so vorgestellt haben. Und sehen Sie es mir nach, wenn ich noch laienhafte Fragen gestellt habe." Gerade hat Christine Lambrecht vom NATO-Kampfverband in Litauen unter anderem einen Schützenpanzer und eine Flugabwehrrakete vorgeführt bekommen, in einen rollenden Gefechtsstand ist sie sogar selber eingestiegen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Oberfeldwebel Julia hat die SPD-Politikerin mit einem gepanzerten Sanitätsfahrzeug vertraut gemacht - zu kurz war der Austausch, als dass sie schon allzu viel über die "Neue" im Amt sagen könne, gesteht sie: "Der erste Eindruck ist erstmal positiv - wir werden weiter sehen, wie sie sich so macht."

Wie mit Russland umgehen?

Vieles jedenfalls macht Lambrecht in diesen Tagen zum ersten Mal, und dazu gehört nicht nur das Probesitzen in gepanzerten Fahrzeugen oder der Dialog mit der Truppe: Gezwungenermaßen muss sie sich der Frage stellen, wie Deutschland, wie die NATO mit Russland umgehen sollen. Eine alte Frage, die aber brandaktuell geworden ist, seit Präsident Wladimir Putin nahe der ukrainischen Grenze mehr als 70.000 Soldaten aufmarschieren ließ.

Ganz bewusst, unterstreicht die SPD-Politikerin, habe sie als Ziel ihrer ersten Auslandsreise Litauen - also Osteuropa - gewählt: "Um auch ein deutliches Signal zu senden: Dass wir an der Seite unserer Verbündeten stehen, dass sich die EU und die NATO nicht auseinanderdividieren lässt. Und dass wir sehr wohlüberlegt, aber auch sehr konsequent auf Aggressionen von Russland reagieren."

Nur: Wie genau Deutschland, EU und NATO auf die jüngsten Drohgebärden reagieren sollen, scheint noch nicht ausgemacht. Innerhalb der Militärallianz kursieren Ideen, statt Putin Zugeständnisse zu machen, die NATO-Ostflanke weiter zu verstärken. Lambrechts litauischer Amtskollege Arvydas Anusauskas bekundet, er könne sich vorstellen, auch letale Waffen an die Ukraine zu liefern.

Doppelstrategie aus Druck und Dialog

Was die deutsche Ministerin sagt, klingt nach der bekannten Doppelstrategie aus Druck und Dialog, aus Gesprächsangebot und Abschreckung. Ohne dass schon klar wäre, in welche der beiden Waagschalen Christine Lambrecht mehr Gewicht packen wird: "Momentan ist die Zeit, auf diplomatischem Weg und über Sanktionen nachzudenken und solche auch klar aufzuzeigen. Aber wir müssen auch die militärische Abschreckung im Blick haben," betont die SPD-Politikerin in Rukla vor Journalisten. Womit sie sich und der Bundesregierung zunächst alle Türen im Umgang mit Moskau offen hält. Dass sie in dieser Frage nach gerade mal zehn Tagen im Amt abtastend-vorsichtig agiert,ist keine Überraschung.

Respekt für Soldatinnen und Soldaten

Russland jedenfalls ist der Grund, weshalb die Bundeswehr überhaupt in Litauen präsent ist: Die NATO hatte als Reaktion auf die Annexion der Krim Anfang 2017 vier jeweils rotierende Kampfverbände an die Ostflanke entsandt. Den in Litauen führen die rund 570 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an.

Sie verbringen auch die Feiertage hier: "Es ist nun mal eine besondere Herausforderung, Soldatin und Soldat zu sein in so einem Einsatz. Dass Sie das auch über die Weihnachtszeit wahrnehmen, dafür unser ganzer Respekt", sagte die Ministerin zum Abschluss ihres Besuchs und an Hunderte vor mit roten Kerzen und Christstollen gedeckten Tischen sitzende Soldatinnen und Soldaten gewandt.

Ob angesichts der Weltlage in dem NATO-Kampfverband aber wirklich Weihnachtsstimmung aufkommen kann, ist eine andere Frage.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.