Tilman Kuban (r), Bundesvorsitzender Junge Union, und Kevin Kühnert (l), Bundesvorsitzender der Jusos, nehmen an der Gesprächsrunde "Berlin Salon" teil. | Bildquelle: dpa

Kühnert und Kuban Zwischen Derbystimmung und Eintracht

Stand: 14.01.2020 04:33 Uhr

Beim "Berliner Salon" sinnierten der Juso-Vorsitzende Kühnert und JU-Chef Kuban über den Wunsch nach mehr Polarisierung, politische Gegner - und darüber, dass ihr Job doch eigentlich wie der eines Fußballers ist.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

Der volle Saal der Geschäftsstelle der Berliner CDU strafte all diejenigen Lügen, die das Gähnen anfangen, wenn sie hören, dass ein CDU- und ein SPD-Politiker gemeinsam über die Zukunft der Volksparteien debattieren. Aber es waren ja auch nicht irgendwelche Politiker, die da auf der Bühne saßen, nein. Es waren "die beiden Nachwuchsstars von CDU und SPD", wie sie Moderator Stefan Evers, im Hauptberuf Generalsekretär der Hauptstadt-CDU, gänzlich unironisch einführte.

Kevin Kühnert ist mittlerweile sogar SPD-Vize, also ziemlich weit oben angekommen in der Volkspartei SPD. Die wirklich immer noch eine Volkspartei ist? Kühnert meint ja, schränkt aber ein.

"Auf Dauer ist es ein bisschen lachhaft, sich Volkspartei zu nennen, wenn man es nicht schafft, mehr als 10, 15, vielleicht auch ein paar mehr Prozent der Wählerinnen und Wähler hinter sich zu kriegen. Aber der inhaltliche Anspruch scheint mir schon das Entscheidende zu sein, wirklich alle in der Gesellschaft ansprechen zu wollen."

Plädoyer für die Polarisierung

Die SPD will das ja durchaus. Nur wollen große Teile der Gesellschaft derzeit von der SPD wenig wissen. Möglicherweise liegt es an der schlechten Unterscheidbarkeit, dass die Zukunft der ehemals so großen Volksparteien nicht mehr so rosig erscheint. Tilman Kuban jedenfalls fehlt die zünftige Polarisierung, wie es sie früher noch gab.

"Das ist in den letzten Jahren abhanden gekommen, sicherlich auch seit 2005 mit dieser superlangen Zeit der Großen Koalition."

Da war sie wieder. Die Große Koalition durfte natürlich auch an diesem Abend nicht fehlen. Sowohl Kuban als auch Kühnert sehen in den fortgesetzten GroKos die Mutter aller Probleme der Volksparteien. Denn eigentlich, sagt der Juso-Chef, ist eine Partei doch wie ein Verein.

"Die große Koalition ist eine Spielgemeinschaft aus Schalke 04 und Borussia Dortmund. So, man ist plötzlich Fan einer Mannschaft, bei der man die eine Hälfte super findet und die andere, da ist einem mal beigebracht worden, das sind die Gegner, da sind die Erzfeinde, mit denen finden die großen Derbys und Auseinandersetzungen statt. Und jetzt spielen die zusammen und schießen gemeinsam ein Tor, Gute-Kita-Gesetz, und die Freude ist irgendwie ein bisschen eingetrübt."

Diskussion um SPD-Parteivorsitz

Zustimmung von Tilman Kuban, der Abend ist reichlich harmonisch. Lediglich als es um den SPD-Parteivorsitz geht, setzt Kuban Kühnert eine kleine Spitze, als der das Abstimmungsverhalten lobt. "Wir haben damit 53 Prozent der Mitglieder im zweiten Wahlgang erreicht, die abgestimmt haben, wir hätten uns auch ein bisschen mehr vorstellen können …" "Das heißt, fast der Hälfte der Mitglieder ist es egal, wer ihr Parteivorsitzender wird."

Das will Kühnert, das Mastermind hinter der Walter-Borjans- und Esken-Bewerbung, so nicht stehen lassen. Schließlich hätten die beiden frischen Wind und neue Mitglieder gebracht. 800 seien allein am Wahl-Wochenende eingetreten. Der Juso-Chef klingt fast wie Olaf Scholz, als er fordert, solche Erfolge endlich besser zu verkaufen.

"Da müssen wir vielleicht auch an unserer Selbstbegeisterungsfähigkeit arbeiten."

Gemeinsam gegen die Grünen

Ob die Nachwuchsstars bei den Wählern Begeisterungsstürme mit ihrem jeweiligen Herzensthema ernten würden? Wäre Kuban CDU-Chef, würde er eine Verwaltungsreform in Deutschland umsetzen. Kühnert würde als SPD-Chef Daseinsvorsorge und Gemeinwohl stärken. Zur Erinnerung: Die beiden sind knapp über dreißig.

Auch beim Grünen-Bashing passt kaum ein Blatt zwischen Kühnert und Kuban. Der Juso-Chef vermisst beim Grünen-Duo Habeck-Baerbock die Frische.

"Es gibt sicherlich Leute, die finden die frisch, aber ich finde das eher ökomenischer Kirchentag.“

Kritik an Umgang mit den Grünen

Kuban sieht in den Grünen den politischen Gegner. Man werde das noch bereuen, sie nicht früher attackiert zu haben, und sich fragen:

"Warum haben wir die immer nur mit Samthandschuhen angefasst und geguckt, dass wir sie möglichst an der einen oder anderen Stelle übertreffen? Das kann nicht unser Anspruch sein, da müssen wir zusehen, dass wir sie stellen, weil sie aus meiner Sicht eine linke Partei sind und keine Volkspartei."

Wohl aber die Partei der Stunde und auch künftig ein echter Konkurrent. Mit dem man ja durchaus koalieren kann, wie es der konservative Kurz in Österreich gerade vormacht. Beim österreichischen Kanzler gerät Kuban ins Schwärmen, sagt: "Eine charismatische Persönlichkeit ist nie verkehrt."

Kühnert verzieht das Gesicht. An Kurz schieden sich an diesem Abend die Geister. Aber nicht lange.

Kuban gegen Kühnert - Harmonie ist eine Strategie
Barbara Kostolnik, ARD Berlin
14.01.2020 06:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 14. Januar 2020 um 06:36 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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