Blick durch eine Glastür auf den Flur vom Intensiv- und Überwachungsbereich einer Klinik.  | dpa

Krankenhäuser überlastet Krebszentren warnen vor Triage

Stand: 21.12.2021 14:57 Uhr

Weil viele Corona-Patienten intensivmedizinisch betreut werden müssen, kommen Krebszentren an ihre Belastungsgrenzen. Zuständige Organisationen warnen vor Triage und appellieren an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen.

Deutsche Krebsforscherinnen und Krebsforscher sehen die Versorgung von Patientinnen und Patienten akut gefährdet. Schon jetzt hätten zwei Drittel der befragten Krebszentren keine Kapazitäten mehr, um weitere Betroffene aufzunehmen, teilten das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft gemeinsam mit.

Für die Erhebung hatten die Organisationen 18 große universitäre Krebszentren (Comprehensive Cancer Center) befragt. "Die Versorgungskapazitäten der Zentren sind nahezu ausgeschöpft, das Personal arbeitet unter maximaler Belastung", heißt es in der Mitteilung.

Wenn die Corona-Infektionszahlen erneut steigen, wie es wegen der Ausbreitung der Omikron-Variante befürchtet wird," müssen wir mit einem erneuten Anstieg an Patienten rechnen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen", warnte der Vorstandsvorsitzende des DKFZ, Michael Baumann. "Die Intensivstationen können aber schlichtweg niemanden mehr aufnehmen - das gilt sowohl für Corona-Patienten als auch für Menschen mit anderen schweren Erkrankungen", fügte er hinzu. "Tritt dies ein, wird die Triage zum Klinikalltag."

"Versorgungskapazitäten sicherstellen"

Auch Thomas Seufferlein, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, erklärte, es sei wichtiger als je zuvor, Versorgungskapazitäten in den Kliniken und Krankenhäusern für Krebspatienten sicherzustellen. "Der Anteil an freien Intensivkapazitäten liegt aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie in weiten Teilen Deutschlands bei zehn Prozent oder darunter", sagte er.

Er werde täglich damit konfrontiert, dass aufgrund des enormen Betreuungsaufwands von Covid-19-Erkrankten personelle Engpässe in der stationären Krebsversorgung entstünden, dringende Operationen verschoben würden oder Patientinnen und Patienten nach einer Krebs-OP frühzeitig die Intensivstation verlassen müssten, weil ihr Bett dringend gebraucht wird.

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, appellierte an die Menschen, sich gegen Corona impfen zu lassen und sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. "Wir müssen die Zahl der Neuinfektionen unbedingt verringern, um alle schwerkranken Patienten adäquat versorgen zu können", mahnte er.

Intensivmediziner sehen Beschäftigte psychisch am Limit

Intensivmediziner verwiesen zudem auf die aktuell hohe psychische Belastung der Beschäftigten auf Intensivstationen hin. Der Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, sagte: "Die Auslastung ist weiterhin sehr hoch, die Arbeitsbelastung noch höher, die psychologische Belastung der Teams geht schon teilweise sehr an das Menschenmögliche", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Dass die Zahl der Covid-Patientinnen und -Patienten zuletzt wieder etwas gesunken sei, liege auch daran, dass "sehr viele Patienten versterben", sagte Marx. Allein in der vergangenen Woche seien auf den Intensivstationen mehr als 1000 Menschen wegen Corona gestorben, seit Anfang November sogar mehr als 5100. "Das ist für die Teams sehr schwer zu ertragen", so der Divi-Präsident.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2021 um 14:00 Uhr.