Ein Reinraum-Labor einer Apotheke, in dem Krebsmedikamente hergestellt werden.

Abgelaufene Medikamente Kostendruck zulasten von Krebspatienten

Stand: 01.09.2016 11:32 Uhr

Eine neue Sparmaßnahme der AOK führt offenbar zu einem Sicherheits-Risiko bei der Versorgung von Krebspatienten. Die Krankenkasse verlangt nach Recherchen des Politikmagazins "Panorama" von Ärzten, bedenkliche Krebsmedikamente zu verabreichen.

Von Christian Baars, Jasmin Klofta, Oliver Schröm, Kristopher Sell (NDR).

Karl Gruber.
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Karl Gruber bekommt gegen seine Krebs-Erkrankung ein neues, teures Medikament.

Karl Gruber hat Knochenmarkkrebs. Behandelt wird er mit einem noch recht neuen Medikament, das hochkomplex und teuer ist. Eine Dosis kostet mehr als 1000 Euro. Für jeden Patienten wird es in Spezialapotheken individuell bemessen und frisch zubereitet. Dann muss das Mittel innerhalb von acht Stunden gespritzt werden. So schreibt es der Hersteller vor.

Doch bei einer für Mitte August geplanten Behandlung stellte Irmhild Mönninghof, die Ärztin von Karl Gruber, fest, dass sein Medikament bereits am Vortag zubereitet worden war, 16 Stunden vor dem Termin. Sie sorgt sich nun um das Wohl ihrer Patienten. Denn bereits mehrfach hat sie seit Anfang August Krebsmedikamente zu spät geliefert bekommen.

AOK will Geld bei Krebsmedikamenten sparen

Logo der AOK an einer Hauswand.
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Die AOK hat als erste Kasse die Zubereitung von Krebsmitteln ausgeschrieben.

In allen Fällen ging es um Patienten, die bei der AOK versichert sind. Sie hat in diesem Jahr als erste Krankenkasse die Zubereitung für Krebsmittel in fünf Bundesländern ausgeschrieben. Die günstigsten Anbieter erhielten für bestimmte Regionen den Zuschlag. Seit dem 1. August dürfen Onkologen Krebsmedikamente für ihre AOK-Patienten nur noch von dort beziehen. Irmhild Mönninghof, die ihre Praxis in dem Ort Erbach im Odenwaldkreis (Hessen) hat, konnte bis Ende Juli die Mittel noch bei einer Apotheke auf der anderen Straßenseite bestellen. Nun bekommt sie die Mittel für die AOK-Versicherten aus Ludwigshafen - etwa 70 Kilometer entfernt.

Die Krankenkasse will durch die Ausschreibungen Geld sparen. Apotheker sehen sich nun unter Druck gesetzt. Einige, wie Franz Stadler aus München, befürchten, dass die Ausschreibungen zulasten der Qualität führen, dass möglicherweise Vorgaben - wie die zur Haltbarkeit - nicht mehr so streng eingehalten werden. Die Kassen würden die Apotheker in einen "Graubereich" drängen, sagt Stadler. Wenn sie Wirkstoffe länger verwenden als in der Zulassung angegeben, lässt sich viel Geld sparen. Denn bei der Herstellung von Krebsmedikamenten fallen oft Reste an, die vernichtet werden müssen, falls sie nicht innerhalb des vorgeschriebenen Zeitraums für einen weiteren Patienten verwendet werden können. Diese Medikamenten-Abfälle kosten jedes Jahr etliche Millionen Euro und müssen von den Krankenkassen bezahlt werden.

Mehrere Flaschen des Mittels Velcade (Bortezomib).
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Das Krebsmittel Velcade muss innerhalb von acht Stunden nach Anbruch verbraucht werden.

Die Ludwigshafener Apotheke, die nun für die AOK die Mittel zubereitet, agiert offenbar genau in diesem "Graubereich". Sie verwies gegenüber der Onkologin Irmhild Mönninghof auf eine Studie aus dem Ausland, laut der das Medikament länger verwendbar sei als vom Hersteller angegeben. Auf dem Etikett der Spritze für Karl Gruber gab sie sogar eine Verwendbarkeit von 14 Tagen an - und das obwohl es in der Zulassung für das Mittel eindeutig heißt: "Vor der Anwendung darf die gesamte Aufbewahrungsdauer für das gebrauchsfertige Arzneimittel einen Zeitraum von acht Stunden nicht überschreiten."

"Verantwortungsloser Umgang"

"Ganz klar verantwortungslos" sei ein solcher Umgang mit den Medikamenten, sagt Uli Lösch. Er leitet die Herstellung der Krebsmedikamente im Universitätskrankenhaus Basel, wo täglich Krebsmedikamente für Hunderte Patienten hergestellt werden. Wenn man ein Mittel über die angegebene Haltbarkeit verwendet, sei das eine "Risikokalkulation", sagt Lösch. Möglich ist dies, allerdings übernimmt dann die herstellende Pharma-Firma keine Haftung mehr. Die Sicherheit der Patienten werde dabei infrage gestellt, sagt Lösch - und das offenbar aus finanziellen Gründen.

Wenn Krankenkassen mit einzelnen Apotheken Exklusivverträge abschließen, könne dies dazu führen, dass die Behandlungsqualität sinke, befürchtet auch Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke). Ihr Bundesland hat gemeinsam mit Bayern bereits im Juni einen Beschluss der Gesundsheitsministerkonferenz der Länder auf den Weg gebracht. Darin wurde die Gefahr einer erheblichen Verschlechterung der Versorgung von Krebspatienten beschrieben.

Onkologin will Risiko nicht mitgehen

Irmhild Mönninghof.
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Onkologin Irmhild Mönninghof moniert Lieferungen von abgelaufenen Mitteln.

Die Onkologin Irmhild Mönninghof will dieses Risiko nicht mitgehen. Sie hat die späten Lieferungen moniert.  Teils bekam sie dann am nächsten Tag frische Medikamente geliefert, zweimal ließ sie auf eigene Kosten die Mittel woanders neu zubereiten. Mönninghof beschwerte sich bei der AOK. Die Antwort der Krankenkasse konnte sie kaum fassen. In einer Mail schrieb die AOK, sie solle die "bereits zugestellten und qualitativ einwandfreien Zubereitungen" verwenden. Für die Ärztin eine Aufforderung dazu, Produkte zu verabreichen, die sie für bedenklich hält.

Die AOK Hessen sieht jedoch kein Problem. Auf Anfrage von "Panorama" teilte sie mit, sie würde nicht von einem Mediziner die Verabreichung eines bestimmten Medikaments fordern. Außerdem verantworte die Apotheke die Produktqualität für die jeweiligen Mittel. Ihr obliege die "Ordnungsgemäßheit der Zubereitungen", so die AOK. "Zu den Details einzelner Wirkstoffe sind wir nicht eingebunden, dies unterliegt dem Handlungsbereich der Apotheke." Die Ludwigshafener Apotheke wollte sich auf Anfrage von "Panorama" nicht zu dem konkreten Fall äußern, teilte jedoch mit, sie halte sich an die gesetzlichen Vorschriften. Die zuständige Aufsichtsbehörde habe die Abläufe überprüft und für in Ordnung befunden.

Mehr zu dem Thema in der Sendung Panorama am 01.09.2016 um 21:45 Uhr im Ersten.

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