Operation in einem Krankenhaus | Bildquelle: dpa

Empfehlung einer Studie Zahl der Kliniken soll deutlich reduziert werden

Stand: 15.07.2019 05:00 Uhr

600 statt 1750 Krankenhäuser würden einer Studie zufolge in Deutschland ausreichen. Denn im OP zähle vor allem Erfahrung. Und die wäre in wenigen großen Kliniken besser gebündelt als in vielen kleinen.

Von Jens Eberl, WDR

Vielen Patienten ist es wichtig, dass das Krankenhaus, in dem sie behandelt werden, in der Nähe liegt. Auch Gisela Poelmeyer aus der Umgebung von Bremen achtete bei der Wahl des Krankenhauses darauf, dass die Fahrtwege nicht zu weit sind. Sie musste sich ein neues Hüftgelenk einsetzen lassen. Zunächst schien alles gut, erzählt sie.

Mangelnde Erfahrung in regionalen Krankenhäusern: Grund zur Sorge?
tagesthemen 23:40 Uhr, 14.07.2019, Rupert Wiederwald/Meike Hemschemeier, WDR

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Doch in der Physiotherapie traten massive Schmerzen auf. Sie ging noch einmal in das Krankenhaus, in dem ihr das Gelenk eingesetzt wurde. Dort wurde festgestellt, dass der Oberschenkelknochen gebrochen war. Trotzdem wurde nicht erneut operiert. Die Prothese sackte daraufhin insgesamt vier Zentimeter in den Knochen. Die Schmerzen wurden unerträglich.

Als sie es nicht mehr aushielt, fuhr sie in die Endo-Klinik nach Hamburg, eine Spezial-Klinik für Hüftoperationen. Dort hatte Professor Thorsten Gehrke einen schlimmen Verdacht. Er vermutete, dass man ihr eine zu kleine Prothese eingebaut hatte. Vor allem aber kritisiert er, dass die Prothese nach dem Bruch unbedingt hätte ausgetauscht werden müssen. "Das würde in einer Klinik mit Operateuren, die viele dieser Operationen durchführen, nicht passieren", ist sich Gehrke sicher.

Spezialklinik: 2400 Operationen; Krankenhaus: 22 Operationen

In der Hamburger Klinik werden jährlich rund 2400 Hüftgelenke eingebaut. Was auf den ersten Blick wie Massenabfertigung wirkt, garantiert den Patienten viel Erfahrung. Jeder Arzt operiert fast täglich. Auch die schwierigen Auswechseloperationen werden hier häufig gemacht: rund 800 Mal im Jahr. Nicht so in dem kleinen Krankenhaus, das sich Gisela Poelmeyer für ihre Operation ausgesucht hatte. Hier werden jährlich gerade mal 22 Hüftgelenke ausgetauscht.

Die Bertelsmann Stiftung hat in einer neuen Studie Modellberechnungen durchgeführt. Das Ergebnis: Weniger ist mehr. Führende Experten weisen darauf hin, dass viele Krankenhäuser in Deutschland zu klein sind und oftmals nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung verfügen, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall angemessen zu behandeln.

Qualität wichtiger als Entfernung

Die Sichtweise müsse sich verändern. Man dürfe sich nicht an einer schnellen Erreichbarkeit orientieren, sondern an Qualitätskriterien. Dazu gehören Punkte wie eine gesicherte Notfallversorgung, eine Facharztbereitschaft rund um die Uhr, ausreichend Erfahrung und Routine des medizinischen Personals sowie eine angemessene technische Ausstattung.

"Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet, wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden", so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Thomas Mansky hat sich intensiv mit dem Problem beschäftigt. Der Arzt und Informatiker ist seit kurzem im Ruhestand. Zuvor hat er an der TU Berlin zehn Jahre lang die Qualität der Behandlung in unseren Krankenhäusern erforscht. Er sagt:

"Wir verteilen die Patienten, die wir haben, auf viel zu viele Kliniken. Und was herauskommt, ist: In vielen Kliniken sind eben die Mengen viel zu klein, um einerseits die Erfahrung zu sammeln, die nötig ist, um diese Behandlungen durchzuführen, andererseits um auch Personal und Apparate vorhalten zu können, die eine adäquate Behandlung auf heutigem Niveau ermöglichen."

Modellrechnungen in Köln und Leverkusen

Die Bertelsmann Stiftung hat Köln, Leverkusen und Umgebung als Modellregion untersucht. Die Simulation zeigt, dass die Region mit 14 statt den aktuell 38 Akutkrankenhäusern eine bessere Versorgung bieten könnte, ohne dass die Patienten im Durchschnitt viel längere Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten. Die Bündelung von medizinischem Personal und Gerät würde zu einer höheren Versorgungsqualität in den verbleibenden Häusern beitragen, vor allem in der Notfallversorgung und bei planbaren Operationen, heißt es in der Studie.

Gisela Poelmeyer hatte sich damals ein paar Minuten Fahrzeit gespart. Dafür musste sie anschließend viel Zeit und Leid investieren, um die Probleme, die durch die fehlerhafte Operation entstanden sind, wieder in den Griff zu bekommen. Könnte sie die Zeit zurückdrehen, würde sie sich für eine Spezialklinik entscheiden und eine längere Fahrtzeit in Kauf nehmen.

Mehr zum Thema sehen Sie in der ARD-Story "Krankenhäuser schließen - Leben retten" um 20:15 Uhr oder schon jetzt in der Mediathek:

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Juli 2019 um 23:40 Uhr.

Korrespondent

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