Halbmond über dem Eingang einer Moschee | Bildquelle: picture alliance / dpa

Moscheeverbände in Deutschland Gefährliche Solidarität mit Muslimbrüdern?

Stand: 21.06.2019 06:00 Uhr

Nach dem Mursi-Tod solidarisieren sich deutsche Moscheeverbände laut Kontraste-Recherche mit den islamistischen Muslimbrüdern. Beobachter warnen vor einem "gefährlichen Schulterschluss".

Von Sascha Adamek, rbb

Anlässlich des Todes des ehemaligen ägyptischen Präsidenten und Muslimbruders Mohammed Mursi bekunden große Moscheeverbände ihre Solidarität mit der islamistischen Muslimbruderschaft. Wie das ARD-Magazin Kontraste berichtet, sollen an diesem Freitag unter anderem in sämtlichen gut 300 deutschen Moscheen der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG) Gebete für Mursi stattfinden.

Der Vorsitzende der Deutschen Muslimischen Gesellschaft (DMG), Khalled Swaid, erklärte, der Verlust von Mursi stehe "symbolhaft für die Krise, die das ägyptische Volk unter dem autokratischen Militärregime" durchleben müsse. Die DMG, bis vor kurzem "Islamische Gemeinschaft in Deutschland" IGD genannt, wird von Deutschlands Verfassungsschutzbehörden als wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbrüder in Deutschland angesehen. Sie ist auch Mitglied im Zentralrat der Muslime (ZMD).

Der Präsident des ZMD, Ayman Mazyek, schrieb zu Mursis Tod: "Wir gehören zu Allah und zu ihm werden wir zurückkehren. Erster frei gewählter Präsident Ägyptens stirbt im Gefängnis." Auch der Leiter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, kündigte ein landesweites Gedenken in der Türkei an. Zu Diyanet gehören auch mehr als 900 Moscheen des Moscheeverbandes Ditib in Deutschland. Auf Anfrage von Kontraste, wie Ditib sich verhalte, antwortete der Verband nicht.

"Zum Märtyrer stilisiert"

Die Muslimbruderschaft wird von deutschen Verfassungsschutzbehörden als islamistisch eingestuft. Das Bekenntnis dieser weltweit organisierten Bruderschaft lautet: "Allah ist unser Ziel, der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unser Gesetz. Der Dschihad ist unser Weg. Sterben auf dem Weg zu Allah unsere größte Hoffnung."

Kritik an den Trauer-Bekundungen aus den Reihen der Islamverbände übt Volker Beck, Lehrbeauftragter des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien in Bochum und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen: "Was gerade von islamischen Organisationen zum Tod Mursis geäußert wird, hat nichts mehr mit Pietät zu tun. Hier wird jemand zum Märtyrer stilisiert." Insbesondere die Reaktionen vom ZMD und von Milli Görüs könnten "als offene Sympathien für die Muslimbrüder verstanden werden", so Beck gegenüber Kontraste. Wer Mursi oder auch seinen Nachfolger Al-Sisi glorifiziere oder verharmlose, meine es "mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht ernst."

Strategie des türkischen Präsidenten?

Auch Professorin Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam, kritisierte das Vorgehen der Moscheeverbände: Der Tod Mursis werde für einen "Märtyrerkult" missbraucht, um die "Legende des muslimischen Leidens am Westen und seinen Vasallen" zu nähren. Schröter sieht darin einen "gefährlichen Schulterschluss" zwischen türkischen Moscheeverbänden und der Muslimbruderschaft: "Das zeigt zugleich das Erstarken der Muslimbruderschaft."

Tatsächlich praktizieren türkische Moscheeverbände seit Beginn des Jahres eine offene Kooperation mit den Muslimbrüdern. So lud die Ditib zu Jahresbeginn Organisationen, die den Muslimbrüdern nahe stehen, zu einer Konferenz in Köln ein. Ein Ditib-Funktionär war auch bei der von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten Gründung des "Deutschen Fatwa-Ausschusses" in Berlin anwesend - an dem vor allem Persönlichkeiten und Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbrüder beteiligt sind. Susanne Schröter sieht dahinter die Strategie des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, den politischen Islam unter türkischer Führung und mit den Muslimbrüdern global auszubauen.

Erdogan nennt seinen früheren Verbündeten Mursi einen "Märtyrer" und behauptet öffentlich, Mursi sei in Wahrheit ermordet worden. Bereits im Streit mit Saudi-Arabien erhielt das muslimbrudernahe Emirat Katar große Hilfen aus der Türkei. Sowohl die Türkei als auch Katar unterstützen die Muslimbruderschaft sowie wichtige Ableger wie die Terrororganisation Hamas. Mursis Tod scheint diese neuen Bande noch enger werden zu lassen - international, aber auch in Deutschland.

 

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