Kommentar

Organspende Zustimmungslösung - eine vertane Chance

Stand: 16.01.2020 17:40 Uhr

Die Zustimmungslösung wird zu mehr Informationen führen. Zu mehr Organspenden wohl kaum, meint Birthe Sönnichsen. Der Bundestag hat die Chance vertan, dass sich die Menschen diesem heiklen Thema stellen müssen.

Ein Kommentar von Birthe Sönnichsen, ARD-Hauptstadtstudio

Wer setzt sich schon gerne mit dem Tod auseinander, erst recht mit dem eigenen? Die wenigsten. Der Bundestag hat die Chance verpasst, dafür zu sorgen, dass alle sich mit diesem unangenehmen Thema beschäftigen müssen, damit in Deutschland in Zukunft weniger Menschen vergeblich auf ein Spenderorgan warten.

Das vom Bundestag verabschiedete Gesetz wird zwar dafür sorgen, dass die Menschen mehr Informationen zum Thema Organspende bekommen und alle paar Jahre mit der Frage konfrontiert werden, ob sie Organspender werden wollen oder nicht.

Dass dadurch wirklich mehr Menschen in Deutschland zu Organspendern werden, muss bezweifelt werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Informationskampagnen nicht dazu führen, die Spenderzahl in Deutschland zu erhöhen. Die Zahl der Spenden ist im letzten Jahr sogar auf ein Rekordtief gesunken. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn man alle paar Jahre, zum Beispiel im überfüllten Bürgeramt, beim Abholen des Ausweises gebeten wird, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen, wie es das neue Gesetz vorsieht.

Widerspruchslösung hätte mehr erreichen können

Daher wird sich wenig ändern. Das hätte die Widerspruchslösung erreichen können. Kritiker sagen, dass die Widerspruchslösung ein zu hoher Eingriff in die Grundrechte gewesen wäre. Die Bedenken sind nachvollziehbar. In Abwägung mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte das in Kauf genommen werden sollen. 80 Prozent der Menschen in Deutschland stehen der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber, aber nur rund ein Drittel hat einen Organspendeausweis. Es geht im wahrsten Sinne um Leben oder Tod.

Die Widerspruchsregelung wäre keine Pflicht gewesen, Organe zu spenden, aber eine Verpflichtung sich einmal im Leben mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das kann man in einer Solidargemeinschaft von jedem oder jeder erwarten. Ein Zettel im Portemonnaie oder ein Gespräch mit den Angehörigen hätte gereicht, um zu widersprechen. Ohne Begründung.

Keine Entlastung für Ärzte und Angehörige

Die Widerspruchsregelung hätte die Chance gehabt, eine schweigende, aber zustimmende Mehrheit zu erreichen. Diese Regelung hätte Angehörige und Ärzte entlastet. Denn häufig müssen Hinterbliebene in Ausnahmesituationen, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, eine Entscheidung darüber treffen, ob oder welche Organe gespendet werden sollen. Dabei ist häufig unklar, was die Verstorbenen wollten.

Deshalb entscheiden sich Angehörige oft gegen eine Organspende, auch wenn es für sie in der Regel ein Trost ist, wenn durch den Tod wenigstens andere Menschenleben gerettet werden können. Die Widerspruchslösung hätte auch für Angehörige klarere Regeln aufgestellt. Der Bundestag hat die Chance auf eine vermutlich lebensrettende Maßnahme vertan.

Kommentar: Bundestag hat Chance auf lebensrettende Maßnahme vertan
Birthe Sönnichsen, WDR
16.01.2020 16:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Januar 2020 um 17:00 Uhr.

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