Kommentar

Sexueller Kindesmissbrauch Wann wacht die Politik endlich auf?

Stand: 28.01.2020 16:24 Uhr

Es wird nun mehr über sexuellen Kindesmissbrauch gesprochen - doch damit ist es nicht getan, meint Corinna Emundts. Die Politik muss das Thema priorisieren, statt es nur dem Missbrauchsbeauftragten zu überlassen.

Ein Kommentar von Corinna Emundts, tagesschau.de

Es ist leider kein Zufall, dass ein seltener und vergleichsweise starker Klartext-Satz zum sexuellen Kindesmissbrauch von Annegret Kramp-Karrenbauer ihrer Grundsatzrede beim jüngsten CDU-Parteitag im Anschluss kaum zitiert wurde. Es ist ein Symptom dafür, wie oft es bei verbalen Lippenbekenntnissen bleibt. Ausgesprochen hatte die CDU-Parteivorsitzende immerhin in ihrer zentralen Rede, es sei "eine Schande", dass jährlich laut Statistik rund 14.000 Kinder sexuellen Missbrauch zu erleiden hätten.

Zu spät, zu schleppend reagiert

Doch zu oft wird noch spät und schleppend reagiert, wenn überhaupt - auf allen Ebenen. Zwar wird inzwischen mehr über die strafbewährte, alltägliche Qual von Mädchen und Jungen gesprochen - die nicht nur in Institutionen, sondern vor allem auch im familiären Umfeld stattfindet. Die Politik hat in den vergangenen zehn Jahren dagegen zu wenig unternommen. Eine alltägliche Katastrophe das Leiden der Kinder, eine Schande das zu lahme Verhalten der Politik.

Kampf gegen Missbrauch müsste "nationale Aufgabe" werden

Zwar hat die Bundesregierung nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs-Skandals am Berliner Canisius-Kolleg einen "Runden Tisch" eingerichtet. Und einen "Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs" eingesetzt, der seitdem einen exzellenten Job macht und versucht, mit Mahnungen und alarmierenden Zahlen das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Mit dem Ziel, eine "nationale Aufgabe" auszurufen:  Dass nicht nur Politik und Kirche, sondern Institutionen wie Schulen und Kindergärten, aber auch Sportvereine - Orte, in denen Minderjährige in Vertrauensbeziehungen zu erwachsenen Bezugs- und Betreuungspersonen stehen - den Kampf gegen alltäglichen Kindesmissbrauch angehen.

"Sexuelle Gewalt ist das Grundrisiko für jede Kindheit in Deutschland", sagt der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig - allein diese Aussage müsste nicht nur Kramp-Karrenbauer, Merkel, Giffey und Co., sondern allen Verantwortlichen, die etwas für Kinderschutz tun könnten, den Schlaf rauben. Und zum beschleunigten Handeln zwingen.

Brandbeschleuniger Internet

Es geht nicht nur um Aufarbeitung von Fällen der bereits für ihr Leben traumatisierten, missbrauchten Menschen. Es geht darum, die Dimension sexuellen Missbrauchs im heutigen Alltag der Kinder zu erkennen und den Brandbeschleuniger Internet dabei gesetzlich stärker anzugehen. Zwar wurden gerade beim Anbahnen von möglichen Straftaten im Netz ("Cybergrooming") und bei der Strafverfolgung gesetzliche Maßnahmen ergriffen.

Doch die Kriminalbehörden beklagen seit Jahren, dass ihnen aufgrund der geltenden Datenschutzverordnungen die Hände gebunden sind, Täter im Netz zu identifizieren. Es gibt laut Missbrauchsbeauftragtem noch keine Meldepflicht solcher gefilmten Straftaten für Internetprovider - warum nicht? Täter und Täterinnen können so noch zu oft ungestört von den Behörden täglich weiterquälen, ihre brutalen sexuellen Gewaltübergriffe auch noch filmen und im Netz zu verbreiten, ohne allzu große Angst vor Verfolgung zu haben - diese sind bis heute ein "Bestseller" im Internet.

Datenschutz vor Kinderschutz?

Rörig hat Recht, wenn er fordert, es brauche eine politische Debatte darüber, ob bei diesen Fällen Datenschutz weiterhin über Kinderschutz stehen solle. Datenschutz ist ein wichtiges Freiheits- und Bürgerrecht - aber da, wo Kinder jeden Tag deswegen weitergequält werden, kann er nicht als unantastbare heilige Kuh behandelt werden.

Natürlich muss das beim keine Ländergrenzen kennenden Internet EU-weit passieren. Aber Deutschland sollte hier bei so viel verbalen Lippen- und Problembekenntnissen endlich eine Vorreiterrolle im politischen Handeln einnehmen.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. Januar 2020 um 15:23 Uhr.

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