Erzbischof Reinhard Kardinal Marx spricht zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz bei einer Pressekonferenz. | dpa
Kommentar

Kardinal Reinhard Marx Nicht amtsmüde, aber genervt

Stand: 04.06.2021 17:11 Uhr

Kardinal Marx will sein Rücktrittsgesuch als Signal des Aufbruchs verstanden wissen. Auch Dank ihm ist zuletzt viel passiert in der katholischen Kirche. Doch er ist genervt vom fehlenden Reformwillen anderer.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Vor fast drei Jahren hat Kardinal Reinhard Marx noch mit einem Nein geantwortet. Auf die Frage, ob er oder seine Kollegen jemals an Rücktritt gedacht hätten. Damals hatte Marx als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz gerade eine Studie vorgestellt, die den massenhaften Missbrauch von Minderjährigen in der Kirche erstmals umfassend dokumentierte. Rücktritt? Diese Frage hat in Marx gearbeitet. Und er hat sie nun mit einem Ja beantwortet und Papst Franziskus um die Entpflichtung von seinen Ämtern gebeten.

Tilmann Kleinjung

Ein bisschen Wandel, auch Dank Marx

Woher der Gesinnungswandel? Es ist viel passiert in der katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahren. Auch Dank Kardinal Marx. Er hat gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen synodalen Weg gestartet. Die Kirche soll die richtigen Lehren aus dem Missbrauchsskandal ziehen. Denn dessen Ursachen sind ja auch systemimmanent: das Männerbündische, die steile Hierarchie, der Ausschluss von Frauen von geistlichen Ämtern.

Darüber diskutieren Deutschlands Katholikinnen und Katholiken seit mehr als einem Jahr. Und immer wieder tauchen Stoppschilder auf: Frauen als Priesterinnen? Ausgeschlossen. Die Kontrolle und Verteilung von Macht in den Gemeinden? Ist schwierig in einer Kirche, in der nahezu alles auf den Priester zugeschnitten ist.

Einheit ist keine Uniformität

Die Diskussion der letzten Zeit hätte gezeigt, "dass manche in der Kirche jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend" gegenüberstehen, schreibt Marx in seinem Brief an den Papst. Das klingt nach reichlich Frust über eine Kirche, die nicht lernfähig scheint.

Er sei nicht amtsmüde, betont Marx. Aber genervt ist er wohl schon von den Bischofskollegen, die kaum eine Reformidee für diskussionswürdig halten. Oder von den Einsprüchen aus dem Vatikan, wo manche immer noch Einheit mit Uniformität verwechseln.

"An einem gewissen toten Punkt"

"Wir sind an einem gewissen toten Punkt", schreibt Marx an den Papst. Diese Standortbestimmung aus dem Mund eines Kardinals muss die Institution Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Denn Marx ist schließlich nicht irgendwer. Er gehört zu der kleinen Gruppe handverlesener Kardinäle, die Papst Franziskus bei der Reform der römischen Kurie beraten.

Die Erfahrungen, die Marx in diesem Gremium gemacht hat, haben offenbar zu seinem Frust über den Reformstau in der katholischen Kirche beigetragen. Seine Rücktrittsbitte ist also auch eine versteckte Kritik an einem Papst, dem es nicht gelungen ist, Blockaden zu lösen. Dem es nicht gelungen ist, die katholische Kirche vom toten Punkt weg zu manövrieren. Noch nicht gelungen ist?

In seinem Schreiben an den Papst will Marx seinen Rücktritt auch als Signal des Aufbruchs verstanden wissen. Viele haben den Glauben an diesen Aufbruch aber schon lange verloren.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juni 2021 um 21:45 Uhr.