Kommentar

Wahlen im Osten Der Spalt sitzt tief

Stand: 01.09.2019 16:21 Uhr

Wer Interesse daran hat, die Schieflage zwischen Ost und West zu überwinden, muss Fakten schaffen. Der Westen muss sich mehr für den Osten interessieren - auch, wenn dort keine Protestwahl droht.

Ein Kommentar von Juliane Leopold, Redaktionsleiterin tagesschau.de

Zwei von drei Menschen in Sachsen und Brandenburg sagen, Ostdeutsche seien in der Bundesrepublik Deutschland Menschen zweiter Klasse. Diese Zahl sitzt. Dreißig Jahre nach der Wende ist vom Wunder der friedlichen Wiedervereinigung beider Deutschlands und der zarten Pflanze Euphorie nur wenig übrig, nämlich Ernüchterung und eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Situation.

Auf der einen Seite ist da ein großer Teil von Menschen im Osten, der sich nicht wertgeschätzt fühlt. Auf der anderen Seite gibt es Reaktionen darauf, die von Unverständnis, Schulterzucken und bisweilen Häme geprägt sind. Die finden den Weg auf Titelblätter auflagenstarker Qualitätspresse und bestärken damit emotionale Entfremdung.  

Wieso das Zweiteklasse-Gefühl?

Womit begründen die Menschen im Osten das Gefühl, in dieser gemeinsamen großen Republik nur zweitklassig zu sein, obwohl sie ihre wirtschaftliche Lage mehrheitlich gut einschätzen und "abgehängte" Regionen auch im Westen zu finden sind?

Da ist zum einen der Eindruck, in den Kreisen von Entscheiderinnen und Entscheidern in Wirtschaft, Medien und Politik nicht häufig genug vertreten zu sein. Das ist mehr als die sprichwörtliche gefühlte Wahrheit. Es ist eine Realität, die viele Zahlen immer wieder bestätigen. So kommt eine Studie der Universität Leipzig aus dem Jahr 2016 zu dem Ergebnis: "Nur 1,7 Prozent der betrachteten Spitzenpositionen auf Bundesebene sind von Ostdeutschen besetzt - bei einem Bevölkerungsanteil von bundesweit 17 Prozent." Wie kommt das?

Sind Ostdeutsche blöder, fauler, weniger mobil als der Rest Deutschlands? Keineswegs. Sachsen und Thüringen belegten beispielsweise 2018 die ersten beiden Plätze im Bildungsmonitor, einem Ranking des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

Und während in Westdeutschland 2017 laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung nur noch für 8,3 Prozent tariflich beschäftigter Angestellter die 40-Stunden-Woche galt, waren es in Ostdeutschland 40,3 Prozent.

Gleichzeitig gibt es weiterhin eine Wohlstandslücke zwischen Ost und West. 60 der einkommensschwächsten Landkreise und Städte der Republik sind im Osten, sagen Daten der Agentur für Arbeit aus dem Sommer 2019.

Warme Worte werden nicht helfen

Es ist also tatsächlich was in Schieflage zwischen Ost und West. Es ist nicht nur eine emotionale Debatte, die mit ein paar warmen Worten zu erledigen wäre. Wählerinnen und Wähler im Osten damit entgegen zu treten, wird nicht helfen. Schon gar nicht, wenn diese Worte nicht aus aufrichtigem Interesse für die andere Seite kommen.

Wer aber dieses Interesse hat, die Risse zwischen Ost und West zu kitten, der muss anfangen, Fakten zu schaffen. Zum Beispiel, indem bei Standortfragen von Wirtschaft und Politik auf Bundesebene die Entscheidung auf den Osten fällt. Indem bei Führungspositionen eine Vielfalt aus ost- und westdeutscher Herkunft gefördert wird. Und bei jeder und jedem Einzelnen im Westen, indem  man sich für mehr im Osten interessiert als die urbanen Leuchttürme Leipzig und Berlin, die Ostsee, die Sächsische Schweiz oder andere Ferienorte.

Schlechte Gefühle, mit denen Menschen aus dem Osten auf ihre Situation in Deutschland blicken, können enden, wenn der Westen sich für den Osten interessiert - auch,  wenn dort keine Protestwahl droht. Und wenn einige Menschen in Westdeutschland aufhören, mit blasierter Distanz auf den Osten zu blicken, weil das, was dort passiert, sie vermeintlich nicht betrifft.  

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. August 2019 um 23:35 Uhr.

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