Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand. | dpa
Kommentar

Missbrauch in katholischer Kirche Verbrecher - nicht "Brüder im Nebel"

Stand: 18.03.2021 17:21 Uhr

Kardinal Woelki war Auftraggeber der Studie, die ihn nun entlastet - und die Verfasser waren auf die Quellen angewiesen, die ihnen die Kirche zur Verfügung stellte. Das sind nur zwei Gründe, warum die Aufarbeitung scheitert.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Der frühere Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, hatte seine Aktensammlung über Missbrauchstäter so getauft: "Brüder im Nebel". Dies ist nur ein Detail aus der 800-Seiten-Untersuchung, die die Kölner Kanzlei "Gercke & Wollschläger" zum Missbrauchsgeschehen im Erzbistum Köln vorgelegt hat. Ein Detail, an dem deutlich wird, wie Verantwortliche in der Kirche mit dem Missbrauch in den eigenen Reihen umgegangen sind.

Tilmann Kleinjung

Die Täter wurden "Brüder im Nebel" genannt, nicht Verbrecher. Es wurde vieles unternommen, um die Taten zu bagatellisieren, zu vertuschen, zu vernebeln. Als 2010 der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zum ersten Mal für Schlagzeilen sorgte, versicherte eben jener Kardinal Meisner treuherzig, "nichts geahnt" zu haben.

Nichts geahnt? Seit heute wissen wir: Der 2017 verstorbene Kirchenmann hat in 24 Fällen seine Pflichten als Vorgesetzter verletzt. Er kann nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Andere schon.

Heße kaum im Amt zu halten

Meisners Nachfolger, Kardinal Rainer Maria Woelki, hat unmittelbar nach der Präsentation der Studie zwei hochrangige Mitarbeiter von ihren Ämtern freigestellt.

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, ehemaliger Personalchef und Generalvikar in Köln, kann nach dem verheerenden Ergebnis der Untersuchung kaum im Amt bleiben. Sein Rücktrittsangebot an den Papst ist die logische Konsequenz aus einem Gutachten, das ihn mit dem Satz zitiert: "Man sollte aus den vorhandenen Dingen keine große Sache machen, da sich bisher von außen keine offiziellen Beschwerden ergeben haben und die Anhaltspunkte viel zu gering sind."

Und Woelki selbst? Er hat sich keiner Pflichtverletzung schuldig gemacht, stellen die Anwälte fest.

"Meine eigene Anklageschrift"

Doch hier beginnen die Probleme: Woelki ist Auftraggeber der Studie, die ihn nun entlastet. "Ich habe sozusagen meine eigene Anklageschrift in Auftrag gegeben", hatte Woelki vor einem Jahr gesagt. Die Untersuchung mag gründlich und rechtlich einwandfrei sein; das Prädikat "unabhängig" verdient sie nicht.

Noch schwerer wiegt, dass Woelki die erste von ihm beauftragte Studie einer Münchner Kanzlei zurückgehalten hat und mit seiner desaströsen Kommunikationsstrategie sein Bistum - ja, die ganze katholische Kirche in Deutschland - in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt hat.

Rekordaustrittszahlen in Köln und der Konkurrenzkampf zweier Anwaltssozietäten, das ist eine Gemengelage, bei der die Aufarbeitung eines schweren Verbrechens immer mehr zur Nebensache wird. Verloren haben wieder einmal die Betroffenen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch. Viele fühlten sich durch die Vorgehensweise Woelkis instrumentalisiert, wieder missbraucht.

Was wurde verschwiegen und nicht aufgeschrieben?

Auf diese Weise muss Aufarbeitung scheitern: Kanzleien untersuchen im Auftrag eines Bistums alte Personalakten, die ihnen eben dieses Bistum zur Verfügung gestellt hat. Auf das Problem der Quellenlage haben die Anwälte in Köln heute mehrfach hingewiesen: Sie können nur das abbilden, was in den Akten steht.

Es gibt Jahre, in denen kein einziger Verdachtsfall gemeldet wurde. Und noch im Jahr 2010 findet sich der Satz: "Es wird von uns aus kein Protokoll hierüber gefertigt, da dieses beschlagnahmefähig wäre." Und der Zusatz: "Prälat Dr. Heße ist mit dem Prozedere einverstanden." Hinter solchen Zeilen tut sich ein Abgrund auf: Was wurde noch alles verschwiegen, nicht aufgeschrieben, nicht abgeheftet?

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals darf sich die Kirche nicht mehr auf ihr eigenes Archiv verlassen. Sie muss die Perspektive der Betroffenen einnehmen und deren Fragen stellen: Wer hat mir nicht geglaubt? Wer hat mich wieder weggeschickt? Wer hat sich mehr um die Nebelmänner gekümmert als um deren Opfer?

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. März 2021 um 17:00 Uhr.