Mehrere Polizisten stehen neben dem Kölner Hauptbahnhof, im Hintergrund der Dom. | Bildquelle: 20160110

Juristische Aufarbeitung Kaum Urteile nach Kölner Silvesternacht

Stand: 11.03.2019 16:14 Uhr

Hunderte Opfer von sexuellen Übergriffen, mehr als 1300 Anzeigen - das war die Bilanz der Polizei zur Silvesternacht 2015 in Köln. Doch bis heute ziehen die Ereignisse juristisch kaum Folgen nach sich.

Mehr als drei Jahre liegt die Silvesternacht in Köln mittlerweile zurück, deren Ereignisse bundesweit für Empörung und den Ruf nach Konsequenzen nach sich zogen. In den nächsten Tagen gingen bei der Polizei Hunderte Anzeigen ein, vor allem von Frauen: Sie wurden belästigt, bedrängt, begrapscht. Es folgten umfassende Ermittlungen, doch bis heute wurden gerade einmal drei Täter wegen sexuellen Übergriffen von Gerichten verurteilt - zwei von ihnen zu einer Bewährungsstrafe.

Lediglich eine Haftstrafe wegen sexueller Nötigung

Die Zahl beruht auf einer Aufstellung, die das Amtsgericht Köln dem WDR auf Anfrage vorlegte. Zuerst hatte der "Spiegel" darüber berichtet. Die Urteile fielen gegen einen Mann aus dem Irak, einen aus Algerien und einen Beschuldigten aus Libyen, der wegen tätlicher Beleidigung und des Verstoßes gegen das Aufenthaltsgesetz zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Der Vorwurf der sexuellen Nötigung gegen ihn wurde fallen gelassen. Gegen die beiden anderen Männer war in einem gemeinsamen Verfahren wegen sexueller Nötigung geurteilt worden. Sie erhielten jeweils eine Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung, wegen sexueller Nötigung beziehungsweise Beihilfe zur Nötigung.

Rund 600 Frauen betroffen

Einer der beiden zur Bewährung verurteilten Männer, Hassan Tabaa, hatte in der Silvesternacht eine 20-Jährige gegen deren Willen geküsst und ihr Gesicht abgeleckt, wie es die junge Frau später selbst schilderte. In der ARD-Dokumentation "Die Story - Der Silvester-Schock" hatte Tabaa die Schuld Dritten zugewiesen. Er selbst habe nichts getan. Das Verfahren gegen ihn wurde nur möglich, weil die 20-Jährige ihn später identifizieren konnte.

Insgesamt gaben rund 660 Frauen nach Silvester an, Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein. Bei der Kölner Staatsanwaltschaft gingen 1304 Strafanzeigen in Zusammenhang mit dieser Nacht ein. Und das sind nur die Zahlen für Köln. Auch in anderen Städten kam es in der Silversternacht 2015 zu Übergriffen. In Hamburg zählten die Ermittler rund 400 Opfer.

Täter waren kaum zu identifizieren

In Köln mündeten die Anzeigen in Ermittlungsverfahren gegen 290 Verdächtige und bis heute in 43 Anklagen gegen insgesamt 52 Angeklagte, zudem wurden sechs Strafbefehle ausgestellt. Sechs der Verfahren laufen nach Angaben des Amtsgerichts noch. Doch die meisten Verfahren behandeln Vorwürfe wie Diebstahl, Raub oder Hehlerei. Der Vorwurf der sexuellen Nötigung wurde in nur drei Verfahren gegen insgesamt sechs Beschuldigte erhoben.

Die größte Schwierigkeit für die Ermittler: Viele der mutmaßlichen Täter sexueller Übergriffe aus der Silvesternacht konnten im Nachhinein nur schwer ausgemacht und identifiziert werden. Zwar werteten die Ermittler mehr als 1000 Stunden Bildmaterial aus, etwa von Überwachungskameras. Doch einzelne Personen darauf auszumachen, war in den meisten Fällen nicht möglich.

Mit Informationen des WDR

Über dieses Thema berichtete das Erste am 20. Dezember 2016 um 00:10 Uhr in "Der Silvester-Schock" und der WDR am 29. Dezember 2016 um 22:40 Uhr in "Die Story im Ersten".

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