Ein Polizist steht vor der Apotheke am Kölner Hauptbahnhof, in der die Geiselnahme stattfand. | Bildquelle: dpa

Nach Geiselnahme in Köln Zweifel an islamistischem Motiv

Stand: 26.10.2018 17:00 Uhr

Nach der Geiselnahme in Köln deutete zunächst vieles auf einen islamistischen Hintergrund hin. Doch die Ermittlungen zeigen, dass der Täter offenbar psychische Probleme hatte.

Von Georg Mascolo und Marc Steinhäuser, WDR

Es waren erschreckende Szenen am Kölner Hauptbahnhof: Vor knapp zwei Wochen hatte Mohammed Abo R. zunächst einen selbstgebauten Molotow-Cocktail in einem Schnellimbiss gezündet und sich anschließend mit einer Geisel in einer Apotheke verschanzt. Er überschüttete sie mit Benzin und soll verlangt haben, mit einem Flugzeug zum "Islamischen Staat" nach Syrien gebracht zu werden. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei stürmte die Apotheke. Der 55-Jährige wurde niedergeschossen und schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Sie sah "Anhaltspunkte für einen radikal-islamistischen Hintergrund".

Täter hatte offenbar schwere psychische Probleme

Bei Durchsuchungen seiner Unterkunft im Kölner Stadtteil Neuehrenfeld beschlagnahmten die Ermittler persönliche Gegenstände. Diese und erste Auswertungen von Internet- und Handy-Kommunikation deuten nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" allerdings nicht auf einen islamistischen Hintergrund hin. Stattdessen zeigt sich mehr und mehr, wie massiv die psychischen Probleme des Täters waren. Mindestens seit 2017 soll er sich in ambulanter Behandlung befunden und Psychopharmaka und Medikamente gegen eine Depression genommen haben.

Die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft und der Ermittlungsgruppe "Hbf" zu den Hintergründen der Kölner Geiselnahme laufen nach wie vor. Sohn und Bruder des Täters wurden inzwischen verhört. Sie sagten demnach aus, Mohammed Abo R. sei süchtig nach Tabletten gewesen.

Gegenüber dem WDR haben Nachbarn ebenfalls berichtet, der 55-Jährige habe "dauernd irgendwelche Pillen" genommen und "Kopfprobleme" gehabt. "Dass er psychisch krank ist, war bei ihm klar", so ein Nachbar. Auch in seiner Heimat Syrien soll der Mann bereits Probleme gehabt haben. Zeugen berichten davon, er soll dort bereits in Haft gewesen sein. R. habe ihnen erzählt, dass er damals auch gefoltert worden sei.

Keine Anzeichen von radikalem Denken

Bei den Ermittlern bleiben viele Fragen. War die Gewaltbereitschaft absehbar? Lässt sich der Fall klar abgrenzen von IS-Terrorismus? Obwohl die Terrormiliz sonst immer sehr schnell Gewalttaten für sich reklamiert, schweigt sie zum Geschehen in Köln. Andererseits fanden die Ermittler große Benzinvorräte in der Wohnung des Geiselnehmers, und er hatte für seine Tat Camping-Gaskartuschen mit Stahlkugeln präpariert.

Doch beim Staatsschutz war der 55-Jährige nie als Radikaler aufgefallen. Als auf seinem Facebook-Account vor zwei Jahren offenbar eine IS-Flagge gepostet wurde, stellte er selbst Strafanzeige und gab an, sein Konto sei gehackt worden.

In seiner Wohnung fanden Polizeibeamte zwar in arabischer Schrift die Worte "Allahu Akbhar", "Gott ist groß". Bisher deutet aber nichts darauf hin, dass der Mann besonders religiös oder gar radikal gewesen sein könnte. Die Benzinvorräte, so vermuten Ermittler nun, nutzte Mohammed Abo R. wahrscheinlich, um daran zu schnüffeln. R. selbst werden die Ermittler vielleicht nie befragen können. Zu schwer sind offenbar seine Kopfverletzungen, auch wenn er nicht mehr in akuter Lebensgefahr schwebt.

Fall offenbart Dunkelfeld

Für die Sicherheitsbehörden ist die Tat in jedem Fall beunruhigend - und offenbart ein Dunkelfeld zwischen Terror und Wahn. "Es gibt gewisse Parallelen zwischen Amoktätern und radikalisierten Islamisten", sagt Sebastian Fiedler, Chef des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Zwar ist die Wachsamkeit der Behörden bei Personen mit IS-Kontakten inzwischen hoch; und die Zahl islamistisch motivierter Anschläge geht seit 2016 in ganz Europa zurück. Doch psychisch labile Täter, die nicht im Vorfeld als Radikale auffallen, können deutlich schlechter entdeckt und überwacht werden, sagt Fiedler. Beratungsnetzwerke seien Betroffenen und ihrem Umfeld oft "zu wenig bekannt", Mitarbeiter in Unterkünften nicht immer mit den Sicherheitsbehörden im Austausch.

Auch jener Täter, der in Ansbach im Juli 2016 einen Sprengstoffanschlag verübte, war kein polizeibekannter Islamist, aber psychisch labil und kleinkriminell. Ein Messerangreifer in einem Hamburger Supermarkt im Juli 2017 wollte unbedingt als islamistischer Attentäter gesehen werden. Gutachter weisen aber auf psychische Auffälligkeiten hin.

R. wollte "sein eigenes Recht durchsetzen"

Im Leben des Kölner Geiselnehmers lief schon lange Vieles in die falsche Richtung. An Integrationskursen nahm der Syrer nicht teil, immer wieder geriet er ins Visier der Justiz. Nachdem seine Frau nicht nach Deutschland ziehen durfte, habe er versucht, "immer sein eigenes Recht durchzusetzen", sagte ein direkter Zimmernachbar dem WDR. 13 Mal wurde er angezeigt, unter anderem wegen Drogenbesitz, Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Die meisten Ermittlungen wurden eingestellt. Aber auch dem Kölner Amtsgericht fiel auf, dass mit dem 55-Jährigen offenbar etwas nicht stimmte. Bei einer Verhandlung wegen Betrugs in diesem Jahr beauftragte das Gericht einen Sachverständigen - mit einem psychiatrischen Gutachten.

Hilfe bei seelischen Problemen oder psychischen Erkrankungen

Sollten Sie selbst, Angehörige oder Personen in Ihrem Umfeld von psychischen Problemen oder Erkrankungen betroffen sein, können Sie bei folgenden Anlaufstellen Hilfe und Beratung finden:

Telefonseelsorge: Anonyme Beratung per Telefon, Chat oder E-Mail - 24 Stunden am Tag

Tel.: 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222

Nummer gegen Kummer: Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche

Tel.: 0800 / 11 10 333

Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Vermittelt Kontakt zu Experten und Anlaufstellen
( Mo, Di, Do: 13 - 17 Uhr und Mi, Fr: 08.30 - 12.30 Uhr)

Tel.: 0800 / 33 44 533

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: In akuten gesundheitsgefährdenden Notfällen werden Sie hier zu dem nächsten Bereitschaftsdienst in Ihrer Region weitergeleitet.

Tel.: 116 117

Sämtliche telefonischen Angebote stehen Betroffenen kostenfrei zur Verfügung.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Oktober um 19:07 Uhr.

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