Schülerinnen und Schüler in München nehmen mit Mund- und Nasenschutz am Unterricht teil. (Archivbild) | dpa

Corona-Krise in Deutschland Zweifel an schnellem Schul-Neustart

Stand: 04.01.2021 13:43 Uhr

Heute beraten die Kultusminister über neue Regeln an Schulen und Kitas. Schon im Vorfeld zeichnet sich ein breiter Konsens ab, dass es keine Rückkehr zum Regelbetrieb geben wird. Lehrer und Schüler fordern Wechselunterricht.

Unterricht in vollen Klassen - das scheint angesichts der weiter angespannten Lage in der Corona-Pandemie für viele Politiker nicht vorstellbar. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek äußerte Zweifel an einer raschen Rückkehr zur Normalität.

Die Infektionszahlen seien "weiter besorgniserregend hoch" und die Auswirkungen der Feiertage auf die Corona-Lage noch unklar, warnte Karliczek. Sie sprach sich in den Zeitungen der Funke Mediengruppe gegen "eine vollständige Rückkehr zum vollständigen Präsenzunterricht in allen Jahrgängen" aus. Die Lage an den Schulen werde in den nächsten Wochen schwierig bleiben. Sie denke aber, dass Deutschland in diesem Jahr wieder Schritt für Schritt an den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zur Normalität zurückkehren könne.

"Regelbetrieb illusorisch"

Heute beraten die Kultusminister der Länder über das Schulkonzept in der Corona-Pandemie. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) plädierten für eine Verlängerung des harten Lockdowns bis Ende Januar. Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sagte, um eine dritte Ausbreitungswelle des Virus zu verhindern, "müssen wir weiterhin an einem harten Lockdown festhalten". Einen Regelbetrieb an Schulen und Kitas im Januar bezeichnete Hans in den Zeitungen der Funke Mediengruppe als kaum denkbar. 

Auch SPD-Chefin Saskia Esken nannte eine rasche Rückkehr der Schulen zum Regelbetrieb "illusorisch". Sie sagte der "Rheinischen Post", selbst wenn Ende Januar die Infektionszahlen erste Lockerungen möglich machen sollten, werde "volle Präsenz" dann zunächst nur in den Grundschulen möglich sein.

Schüler wollen Wechselmodell

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hält derzeit einen normalen Präsenzunterricht für nicht möglich. Im ARD-Morgenmagazin plädierte er für einen Wechselunterricht mit Abstandsregelungen besonders für die Grundschüler und Distanzunterricht für älteren Jahrgänge. "Wir müssen volle Klassen bei diesem hohen Infektionsgeschehen vermeiden", sagte Meidinger. Er forderte aber auch, die Abschlussjahrgänge zu einem ordentlichen Abitur oder mittlerer Reife zu führen. "Im Einzelfall müssten Prüfungsanforderungen angepasst werden."

Zugleich machte Meidinger den Schulministerien Vorwürfe. Sie hätten im Frühjahr einen schweren Fehler gemacht, da sie es versäumt hätten, die Schulen digital nachzurüsten. "Da ist in diesem halben Jahr zu wenig passiert", sagte er. Die Auswirkungen des Lockdowns auf die Schulen seien falsch eingeschätzt worden.

Die Bundesschülerkonferenz fordert einen Start der Schulen nach dem 10. Januar im Wechselmodell. "Wir müssen die Schulen jetzt auf Wechselmodelle vorbereiten und jüngere Schülerinnen und Schüler sowie Abschlussklassen hierbei bevorzugen", sagte der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm. Außerdem forderte er einen Nachteilsausgleich für die anstehenden Abschlussprüfungen.

Eltern: Überfüllte Busse und Bahnen vermeiden

Auch der Bundeselternrat fordert geteilte Klassen. "Nur so können auch in der Schule die Abstände eingehalten werden, was in der derzeitigen Lage in der Corona-Pandemie unbedingt notwendig ist", sagte die stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats, Sabrina Wetzel, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Mit dem Wechselunterricht wäre es auch besser möglich, dass die Kinder nicht mehr in überfüllten Bussen und Bahnen zur Schule fahren müssen", fügte Wetzel hinzu. "Das sind unmögliche Zustände in Zeiten der Pandemie, die jetzt unbedingt vermieden werden müssen." Wetzel erinnerte zudem daran, dass Merkel und die Ministerpräsidenten bei ihrem letzten Treffen angekündigt hätten, neue Möglichkeiten von bezahltem Urlaub für die Kinderbetreuung zu schaffen: "Da müssen sie jetzt auch liefern."

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, warf der Politik Konzeptlosigkeit in Sachen Schulen und Kitas in der Corona-Krise vor und forderte ein nachvollziehbares Gesamtkonzept. "Die Diskussion um gesicherten Schulunterricht und zum Betreiben von Kitas in der Corona-Pandemie ist seit dem Sommer kein Stück weitergekommen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Besonders die Schulen brauchen aber ein Gesamtkonzept, das über das Hangeln von Feiertag zu Feiertag hinausgeht."

"Eine Woche verlängern"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, den Lockdown in den Schulen mindestens solange zu verlängern, bis klar sei, wie sich Silvester auf die Corona-Infektionszahlen auswirke. Die Bundesländer sollten deshalb die Schulschließungen um "mindestens eine Woche" verlängern, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Gewerkschaftschefin führte weiter aus, es spreche sehr viel dafür, "dass Wechsel- und Distanzunterricht in den kommenden Wochen mit Blick auf die Corona-Pandemie das Gebot der Stunde bleiben".

Merkel und Ministerpräsidenten beraten am Dienstag

Im Vorfeld der Beratungen von Bund und Ländern am Dienstag zeichnet sich ein breiter Konsens über eine Verlängerung des harten Lockdowns ab, in dessen Rahmen Schulen und Kitas weitgehend geschlossen sind. Ministerpräsidenten verschiedener Parteien machten deutlich, dass sie keine Grundlage für größere Lockerungen sehen. Unklar sind allerdings noch die Dauer der Verlängerung und der Umgang mit Schulen und Kitas. Der seit Mitte Dezember geltende harte Lockdown war zunächst bis zum 10. Januar befristet worden.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 04. Januar 2021 um 06:08 Uhr.

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