UKE in Hamburg | dpa

Operationen in Corona-Pandemie Nicht dringend wird oft verschoben

Stand: 05.11.2020 08:43 Uhr

Wegen der steigenden Zahl von Corona-Infektionen verschieben Krankenhäuser viele planbare Operationen. Nun hoffen sie auf einen finanziellen Ausgleich für freigehaltene Betten.

Von Nicole Kohnert, WDR

An der Uniklinik Köln wurde in den vergangenen Tagen viel organisiert, um für weitere Corona-Patienten Platz im Normalpflege- und Intensivbereich zu schaffen. Das Krankenhaus führe zunächst zehn Prozent weniger Operationen durch, sagt Professor Edgar Schömig, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Köln. Das betreffe alle Bereiche. Dadurch frei werdendes Personal werde nun auf Stationen mit Corona-Erkrankten eingesetzt. Noch sei das vergleichsweise wenig - derzeit fünf von rund 120 Mitarbeitern.

"Selbst scheinbar weniger dringliche Operationen können nicht endlos verschoben werden, ohne dass der Patient Schaden nimmt", warnt Schömig. "Wenn man einen Eingriff an einer Herzklappe über Wochen verschiebt, kann es zu einer lebensbedrohlichen Verschlechterung der Herzkreislaufsituation kommen, die sich im schlimmsten Fall nicht mehr beherrschen lässt."

Derzeit entscheiden die behandelnden Ärzte gemeinsam mit einem Team der Klinikleitung täglich neu, welche Operationen verschoben werde können und welche dringend nötig seien. Für die nächsten Wochen könnten steigende Covid-19-Fallzahlen zu noch mehr Einschränkungen im OP-Betrieb führen.

Bundesweit verschieben Kliniken Operationen

Bundesweit werde es zu Verschiebungen von planbaren und nicht lebensnotwendigen Operationen kommen, sagt Georg Baum von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Krankenhäuser würden dabei angepasst an die jeweilige Situation und Region agieren, da die Pandemie regional sehr unterschiedlich sei. So werden im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf derzeit jede dritte nicht dringliche Operation und auch ein Teil der ambulanten Termine verschoben, sagte Sprecherin Saskia Lemm. Das Krankenhaus bereite sich mit Stufenplänen auf unterschiedliche Szenarien vor.

Krebsbehandlungen finden weiterhin statt

Die Charité in Berlin hat bereits vor einiger Zeit die nicht dringend notwendigen Operationen reduziert. "Aktuell liegt die Auslastung sowohl im Klinikbetrieb als auch im ambulanten Bereich bei 75 Prozent. Die Versorgung von Menschen beispielsweise mit Krebserkrankungen ist trotz Covid-19-Pandemie sichergestellt", sagt Charité-Sprecherin Manuela Zingl. "Onkologische Operationen werden weiterhin durchgeführt, Chemotherapien durchgeführt."

Keine bundesweiten Zahlen für den Herbst

Wie viel weniger Patienten jetzt in dieser neuen Pandemie-Phase noch behandelt werden, ist unklar. Im Frühjahr zumindest ging die Patientenzahl in Kliniken deutlich zurück. Das zeigte eine Auswertung der Krankenhausfälle unter den 27 Millionen AOK-Versicherten. Darin stellte  das Wissenschaftliche Institut der AOK zwischen März und April 2020 zum Beispiel bei  Hüftoperationen einen Rückgang von  insgesamt 79 Prozent fest.

Im Frühjahr wurden jedoch auch lebensbedrohliche Notfälle seltener behandelt: Die Zahl der Herzinfarktbehandlungen ging um 31 Prozent zurück, die der Schlaganfallbehandlungen um 18 Prozent. Betroffene Patientinnen und Patienten hätten im Frühjahr den Rettungsdienst seltener alarmiert, so die Auswertung.

"Wer einen Unfall oder Notfall hat, muss ein Krankenhaus aufsuchen und auch operiert werden", appelliert Jürgen Mahlzahn vom AOK-Bundesverband heute. "Die Patienten sollten keine Scheu haben, wegen Corona Kliniken aufzusuchen. Nur planbare Operationen werden verschoben."

Forderung nach finanzieller Unterstützung

Diskutiert wird in den kommenden Tagen auch, wie es mit der Finanzierung freigehaltener Klinikbetten aussieht. So hatten in der ersten Welle der Corona-Pandemie Krankenhäuser auf Wunsch der Bundesregierung planbare Operationen - soweit medizinisch vertretbar - verschoben. Die damit verbundene schwache Auslastung im März und April führte in manchen Kliniken zu einer enormen finanziellen Belastung, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft.

Pro Bett bekamen die Krankenhäuser eine Einmalzahlung von 560 Euro. Dann erhielten die Kliniken bis  September eine "Freihaltepauschale", die zwischen 350 und 750 Euro variierte, abhängig vom Umsatz des Krankenhauses.

Ab September ging man zum Normalbetrieb über. Nun fordert die Deutsche Krankenhausgesellschaft: "Wir vertrauen darauf, dass die Aussage von Minister Spahn, dass 'keine Klinik [...] wegen Corona wirtschaftlich benachteiligt sein' soll, gilt", so Hauptgeschäftsführer Baum.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2020 um 06:51 Uhr.