SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil | dpa

Corona-Impfstart Klingbeil wirft Spahn "Chaos" vor

Stand: 04.01.2021 12:06 Uhr

SPD-Generalsekretär Klingbeil erhebt Vorwürfe gegen Gesundheitsminister Spahn: Es könne nicht sein, dass das Land, in dem ein Impfstoff erforscht wurde, zu wenige Dosen habe. Spahn prüft offenbar eine Beschleunigung der Impfungen.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat seine Kritik an der Corona-Impfstrategie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekräftigt. Deutschland stehe "viel schlechter da als andere Länder", beklagte Klingbeil im ARD-Morgenmagazin. Es sei zu wenig Impfstoff bestellt worden und gebe "kaum vorbereitete Strategien mit den Bundesländern zusammen".

"Chaotische Zustände"

Zwar sei die gemeinsame Beschaffung des Corona-Impfstoffs auf EU-Ebene richtig gewesen. "Aber Europa muss ja nicht automatisch langsamer bedeuten", kritisierte er. Man sehe jetzt "chaotische Zustände".

Klingbeil verwies auf Äußerungen des Biontech-Chefs Ugur Sahin, wonach dessen Unternehmen der EU-Kommission mehr Impfstoffdosen angeboten habe. Dies sei jedoch abgelehnt worden, "weil die Osteuropäer skeptisch sind und die Franzosen das nicht wollten", sagte Klingbeil.

Spahn prüft Maßnahmen zur Impf-Beschleunigung

Derweil erwägt Spahn nach übereinstimmenden Medienberichten mehrere Maßnahmen, um die Impfungen zu beschleunigen: So lässt er die Möglichkeit prüfen, die beim Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer vorgesehene zweite Impfung zeitlich zu strecken, um mit der Impfung von mehr Menschen starten zu können. Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Institut solle nach Sichtung entsprechender Daten dazu eine Empfehlung abgeben, heißt es in einem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Schreiben des Gesundheitsministeriums – auch die Nachrichtenagentur Reuters berichtet darüber.

Zeitspanne zwischen Einzelimpfungen verlängern?

In dem Schreiben, über das zunächst der "Spiegel" berichtet hatte, wird auf die in Großbritannien geübte Praxis verwiesen, den zeitlichen Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung weit über die in der Zulassung maximal vorgesehenen 42 Tage hinaus zu verlängern. "Eine solche Entscheidung in Abweichung von der Zulassung bedarf einer vertieften wissenschaftlichen Betrachtung und Abwägung", heißt es in dem Papier des Ministeriums.

In dem Schreiben befürwortet das Ressort von Spahn zudem erneut die Möglichkeit, wegen der "Über-Füllung" der Fläschchen mit dem Biontech-Impfstoffs daraus jeweils Dosen für sechs statt der zunächst vorgesehenen fünf Impfungen zuzulassen  "Diese Maßnahme kann die Zahl der zur Verfügung stehenden Impfdosen um bis zu 20 Prozent erhöhen", heißt es. "Bezogen auf die bereits ausgelieferten 1,34 Millionen Impfdosen könnten so beispielsweise bis zu 1,6 Millionen Impfungen durchgeführt werden." Allerdings wird darauf verwiesen, dass dafür die EU-Arzneimittelbehörde EMA noch ihre Zustimmung geben muss, was "sehr zügig" geschehen solle.

Keine bilateralen Verträge 

Klingbeil beklagte weiter, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und Spahn keine bilateralen Verträge mit Biontech abgeschlossen hätten, obwohl bereits im November klar gewesen sei, "dass das ein guter Impfstoff ist".

"Es kann nicht sein, dass ein Land, in dem dieser Impfstoff sogar erforscht wurde", am Ende zu wenige Dosen habe, sagte Klingbeil weiter. Er erwarte, dass die Bundesregierung "jetzt alle Pharmaunternehmen an einen Tisch" hole und prüfe, wie Kooperationsverträge aussehen und weitere Impfstoffdosen produziert werden könnten.

Impfstart direkt nach Weihnachten

Die Impfkampagne hatte in Deutschland am 27. Dezember begonnen. Nach jüngsten Angaben (Stand 03.01.) des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden inzwischen mehr als 188.000 Menschen einmal geimpft. Für den vollen Schutz sind zwei Impfungen nötig.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 04. Januar 2021 um 07:10 Uhr.