In Stockholm protestieren Greta Thunberg und weitere Schüler für besseren Klimaschutz. | dpa

"Fridays for Future"-Proteste Zurück auf die Straße

Stand: 25.09.2020 02:30 Uhr

Zuletzt war es still um die Klimabewegung geworden. Jetzt will "Fridays for Future" wieder Druck machen. Zehntausende sollen heute für den globalen Klimastreik auf die Straßen gehen.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

"Wir sind wieder da! Wir sind nicht weg von der Bildfläche", sagt Quang Paasch, und seine Augen blitzen angriffslustig. Paasch ist der Berliner Sprecher der "Fridays for Future"-Bewegung. 10.000 Teilnehmende für eine Mahnwache am Brandenburger Tor und jeweils 4000 Mitfahrende bei zwei Fahrraddemos hat die Bewegung allein in Berlin angemeldet.

Angela Ulrich ARD-Hauptstadtstudio

Insgesamt sind zwischen Aachen und Zwickau mehr als 400 Demonstrationen geplant, weltweit sogar mehr als 2500. Denn die Anliegen sind dringlicher denn je, meint Ronja Weil, die für die Anti-Kohle-Bewegung "Ende Gelände" mitmarschieren wird: "Wir sehen alle, dass Appelle an die Politik nicht wirklich helfen", sagt Weil. "Wir sehen, dass die Klimakrise da ist, unglaubliche Zerstörung anrichtet und gestoppt werden muss. Und wenn die Politik es nicht tut, dann machen wir es halt selbst."

Vor einem Jahr waren die "Fridays for Future" auf dem Höhepunkt. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler waren jede Woche in Deutschland auf den Straßen, weltweit Millionen. Seit Corona war damit Schluss - die Freitags-Protestmärsche sind zum Erliegen gekommen.

Weniger sichtbar

Die Bewegung hat schwer gelitten unter dem Virus, das ist Weil klar -  "erschwerte Bedingungen eben". Viel ist ins Netz verlagert worden, viel weniger sichtbar als zuvor. Hat der Druck dadurch abgenommen? "Wir sind eine Massenprotestbewegung in einer Zeit, in der keine Massenproteste mehr organisiert werden können", so formulierte es Luisa Neubauer, die "Frontfrau" der Protestbewegung in Deutschland, kürzlich im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung".

Immerhin, sagen die Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten unisono: Durch Corona sei klar geworden, dass Politik sehr dringlich handeln kann, wenn die Notwendigkeit erkannt wird. Das geschehe beim Kohleausstieg und dem Ausbau von Erneuerbarer Energie aber nicht in ausreichendem Maße. Weil Politik aber effektive Maßnahmen ergreifen könne, "müssen wir das jetzt im Gedächtnis abspeichern, um diese Art der Krisenbewältigung später einfordern zu können", ist Neubauer überzeugt.

Aber, und da sind sich die junge Aktivistinnen sicher: "Wir müssen dafür sorgen, dass Krisen - Corona und Klima - nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es muss auch dieses Jahr ein klares Zeichen für Klimagerechtigkeit gesetzt werden, und genau das werden wir tun."

Klimaschutzbewegung will mehr

Gerade sind allerdings die Eckpunkte für eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Bundeskabinett verabschiedet worden, auf die Wirtschaftsminister Peter Altmaier stolz ist: "Wir haben mit dieser Veränderung die Weichen gestellt für eine moderne, bezahlbare, aber eben auch wirksame Energiewende", sagt der CDU-Politiker.

In zehn Jahren sollen zwei Drittel des Stroms in Deutschland aus Wind, Solar- und Wasserkraft gewonnen werden. Umweltministerin Svenja Schulze hätte es allerdings gern noch ein wenig ambitionierter gehabt. Daher unterstützt Schulze den Druck von der Straße. Dass die "Fridays for Future"-Bewegung nicht aufgibt, dass sie weiterhin im Netz und auf der Straße aktiv ist, gefällt der SPD-Politikerin: "Klimaschutz ist eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Und da kann man alle gebrauchen, die mithelfen."

Thunberg bei Merkel

Der Klimaschutzbewegung reicht das aber nicht. Ihre Ikone Greta Thunberg war vor einigen Wochen zwar bei Angela Merkel eingeladen. Gut eineinhalb Stunden haben sie und andere Aktivistinnen mit der Kanzlerin geredet. Doch mehr Rückenwind durch Merkel?

Fehlanzeige, findet auch FDP-Chef Christian Lindner. Der hatte sich durch seinen Tweet, den Klimaschutz doch den Profis zu überlassen, bei den Jugendlichen vor einiger Zeit extra unbeliebt gemacht. Jetzt will Lindner offenbar punkten und wählt plakative Worte in der Nachhaltigkeitsdebatte im Bundestag: "Es schmelzen die Eisberge, und die Schuldenberge wachsen", sagt Lindner. Beides müsse mit gleicher Aufmerksamkeit bekämpft werden.

Für die Klimabewegung geht es jetzt darum, wieder Gesicht zu zeigen - unter strengen Hygiene-Auflagen. Aber Masken und Abstand würden den "Wumms" nicht schmälern, sagt Ronja Weil. "Wir machen trotzdem weiter. Und wir zeigen, dass ungehorsamer Protest auch in Zeiten einer Pandemie verantwortungsbewusst möglich ist."

Und wie geht es weiter? Die ersten "Fridays for Future"-Vertreterinnen und -Vertreter wollen in die Politik wechseln. So hatte Jakob Blasel, einer der führenden Aktivisten, kürzlich seine Kandidatur für den Bundestag angekündigt. Setzt die Bewegung also künftig mehr auf Kompromisse als auf lautstarken Protest? Neubauer und die anderen Aktiven sind da eher zurückhaltend: "Druck machen und zeigen, wie groß der Wunsch nach Veränderung ist, das bleibt der Schwerpunkt unserer Arbeit."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. September 2020 um 06:11 Uhr.