Kitesurfer auf Fehmarn

tagesthemen mittendrin Wie viel Tourismus verträgt Fehmarn?

Stand: 10.07.2020 15:16 Uhr

Fehmarn ist das Surfer-Paradies im Norden. Himmel und Meer sind bunt gepunktet von den Drachen der Kite- und Windsurfer. Umweltschützer befürchten, dass der Massensport die letzten Biotope zerstört.

Von Torben Dreyer, NDR

Es ist ein buntes Treiben hoch oben am Himmel über Fehmarn. Egal ob schwarz, grün, gelb oder blau, an windigen Tagen tanzen über der größten Insel Schleswig-Holsteins Hunderte Drachen. Wenn es für viele Badegäste ungemütlich zugig wird, lassen sich Kiter oder andere Windsurfer von ihren Segeln über das Wasser ziehen.

So machen es auch Hannes Harnack und Fabian Spormann. Die beiden kommen aus dem niedersächsischen Lüneburg und sind selbst jetzt zum Wochenstart auf Fehmarn. Und das bei wenig sommerlichem Wetter. Am Surfspot Püttsee im Westen der Insel wechselt es fast minütlich von ungemütlich nasskalt bis hin zu sonnig und trocken. Die einzige Konstante: Der starke und teilweise böige Wind.

"Egal, ob es regnet"

"Es ist eben ein Natursport. Uns ist also eigentlich auch egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Auf dem Wasser bin ich dann sowieso im Tunnel", sagt Hannes Harnack, während ihm die Regentropfen ins Gesicht prasseln und er seinen Kite für die erste Surf-Session vorbereitet.  

Kitesurfer auf Fehmarn

Surfzeit ist immer. Ein Kiter bereitet sich vor.

Egal ob Kitesurfer, Windsurfer, Segler oder Angler, die sogenannte Sonneninsel zieht immer mehr Natursportler an. Vor allem aus dem einstigen Trendsport Kitesurfing ist längst ein Massensport geworden. Aktuell gibt es auf Fehmarn 17 Kite- und Surfschulen. Die Kiter kommen aus ganz Deutschland. Egal ob München, Erfurt oder Berlin. Die meisten aber aus Norddeutschland.

Konzept für Nachhaltigkeit ist in Arbeit

Doch Kritiker warnen, gerade jetzt in Corona-Zeiten, vor einem Insel-Koller. Für Einheimische, vor allem aber auch für die sensiblen Ökosysteme. Deshalb hat sich die Stadt Fehmarn entschlossen, ein Konzept für nachhaltigen Tourismus zu erarbeiten.

"Wir brauchen sowohl den Tourismus als auch den Naturschutz. Fehmarn lebt von Urlaubern, das ist kein Geheimnis", sagt Bürgermeister Jörg Weber. In der Tat generieren Urlauber bis 70 Prozent der Einnahmen auf der Insel, nicht zuletzt auch die Wassersportler.

Für besseren Naturschutz sollen in dem Gutachten unter anderem auch die Anfänger-Kitespots, die so genannten Stehreviere, untersucht werden. Denn Biologen vermuten dort, wo an windigen Tagen hunderte Kitesurfer ihrem Hobby nachgehen, schützenswerte Unterwasserpflanzen. Konkret geht es um Armleuchter- Algen. Sie sind Indikator für gute Wasserqualität, produzieren Sauerstoff und bieten Lebensraum für Muscheln, Krebse und Fische.

Selten intaktes Ökosystem

Also nehmen  Dr. Kerstin Maczassek und Dr. Malte Unger in dieser Woche vor Fehmarns Küste Proben, messen Salzgehalt und Wassertemperatur. Sie wollen herausfinden, wie sich der Wassersport auswirkt. "Die Orther Bucht hier auf Fehmarn ist ein einzigartiges Refugium für Unterwasserpflanzen. Es gibt in Norddeutschland nur noch wenige so intakte Ökosysteme für Makrophyten wie hier. Wir haben hier eine gute Wasserqualität und viele Unterwasserpflanzen", sagt Maczassek.

Das liegt laut Maczassek vor allem daran, dass es kilometerlang so flach ist. So nämlich komme viel Licht an den Meeresboden und das wiederum sei gut für die Photosynthese und begünstige den Artenreichtum.

Kitesurfer auf Fehmarn

Trügerische Idylle? Wie gut sich Sport und Umwelt vertragen, sollen Untersuchungen klären

Die Wassersportler und Surfschulen schauen zwiegespalten auf die Untersuchungen. Auf der einen Seite wollen auch sie die Natur schützen, auf der anderen Seite sorgen sie sich wegen möglicher Surf-Verbote. Arne Sieck ist Kitelehrer, er arbeitet im Sommer auf Fehmarn. Das ist seine Haupteinnahmequelle. "Wenn wir jetzt noch Reviere abgeben müssten, dann würden die Spots kleiner werden und es würde noch voller werden. Wir hätten also nicht mehr diese idealen Schulungsbedingungen."

Die Surfschulen bangen

Seit Jahren schon diskutieren Politiker, Naturschützer und Surfer in ganz Norddeutschland über das richtige Maß. Lange warnten Naturschützer immer wieder davor, dass die Kitesurfer die Vögel beim Brüten stören oder auch eine Bedrohung für Säugetiere wie zum Beispiel Schweinswale seien. Jetzt werden die Stehreviere auf Fehmarn unter die Lupe genommen.

Die Ergebnisse der Studie kommen im September. Viele Wassersportler fragen sich, ob sie ihr Hobby hier dann noch ausüben dürfen. Wassersportschulen bangen um ihre Existenz. Doch alle sind sich einig, es geht nur mit statt gegeneinander.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. Juli 2020 um 21:45 Uhr.