Eine Erzieherin liest mit Zwillingen ein Buch in einer Kindertagesstätte | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Kitas im Zwiespalt

Stand: 21.11.2020 02:33 Uhr

Insgesamt bleiben in Deutschland die Corona-Ansteckungszahlen hoch. Kindertagesstätten sollen weiter offen bleiben - und zugleich möglichst hohen Infektionsschutz bieten. Nicht nur für das Betreuungspersonal ist das eine Gratwanderung.

Von Johanna Wahl, SWR

"Ich bin ein Gespenst", ruft der vier Jahre alte Colin, während er mit einer Decke um die Schultern durch den Flur seiner Kindertagesstätte rennt. Dicht hinter ihm: sein Freund Matheo, der in jeder Hand ein Kissen hält - unklar, ob zur eigenen Verteidigung oder für einen möglichen Angriff auf das Gespenst.

Im "Haus der Entdecker" in der rheinhessischen Gemeinde Zornheim in der Nähe von Mainz ist die gesamte Einrichtung Spielzone: Feste Gruppen gibt es nicht, die 85 Kinder dürfen kreuz und quer durch die Kita laufen, selbst entscheiden, ob sie lieber gerade toben wollen wie Colin und Matheo oder stattdessen vielleicht im Kreativraum basteln.

Die Kita hat ein sogenanntes offenes Konzept. Das kostet ganz nebenbei auch weniger Personal als Betreuung in festgelegten Gruppen. "Nur wegen dieses Konzepts können wir trotz angespannter Personalsituation überhaupt noch Öffnungszeiten von 7:15 Uhr bis 16 Uhr anbieten", erklärt die Kita-Leiterin Kristin Starck-Fürsicht.

Erzieherin in einer Kita | Bildquelle: SWR
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Hin- und hergerissen zwischen Gesundheitsschutz und Betreuungsdienstleistung: Kita-Leiterin Kristin Starck-Fürsicht

Das offene Konzept bringt Nachteile

In Corona-Zeiten bringt das offene Konzept aber wegen der größeren Durchmischung auch zusätzliche Gefahren und Nachteile. So musste vergangenen Monat das gesamte "Haus der Entdecker" schließen, weil drei Kinder mit dem Coronavirus infiziert waren. Aus Gründen des Infektionsschutzes wäre es daher sicherlich besser, Kita-Kinder würden in festen Gruppen mit festen Erzieherinnen betreut und dadurch Kontakte verringert. Dessen ist sich Kristin Starck-Fürsicht bewusst.

In Rheinland-Pfalz sind derzeit 5780 der insgesamt 165.000 Kinder, die in Kitas betreut werden, in Quarantäne. Das zuständige Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung in Rheinland-Pfalz empfiehlt den Einrichtungsträgern in der aktuellen Situation dringend, auf offene Konzepte zu verzichten - zugunsten fester Gruppenkonzepte.

"Die Politik will alles. Das funktioniert nicht"

Eine Verpflichtung zur Umstellung wie im Frühjahr aber gibt es nicht. Außerdem gilt gleichzeitig die Vorgabe, den Regelbetrieb und damit den Umfang der Öffnungszeiten aufrecht zu erhalten.

Genau das macht die Leiterin der Kita "Haus der Entdecker" wütend. Sie sieht sich mit dem Rücken an der Wand, ihre Einrichtung sei von der Personallage her am Limit. Feste Gruppen und weiterhin Regelbetrieb - das sei aufgrund der engen Personalsituation in ihrer Kita mit 85 Kindern unmöglich: "Die Politik will alles. Das funktioniert nicht."

Starck-Fürsicht würde wegen der hohen Infektionszahlen in Deutschland gern vorübergehend mit kleineren, festen Gruppen arbeiten. Dann müsste sie ihre Einrichtung aber auch mindestens eine Stunde früher schließen - oder sie bräuchte zusätzliches Fachpersonal.

Kita-Mitarbeiterteams an der Belastungsgrenze

Die Kita-Leiterin fühlt sich und ihr Team von der rheinland-pfälzischen Landesregierung im Stich gelassen. "Empfehlen kann die Politik vieles, aber Eltern haben einen Anspruch auf Regelbetrieb und auf einen Betreuungsplatz, den sie notfalls einklagen könnten", gibt Starck-Fürsicht zu bedenken.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht sich für kleinere Gruppen und angepasste Betreuungszeiten in Kitas aus. Die Einschränkung von Öffnungszeiten dürfe kein Tabu sein, sagt der Vorsitzende der GEW Rheinland-Pfalz Klaus-Peter Hammer.

Aber auch viele Eltern in Deutschland sind an der Belastungsgrenze: 3,7 Millionen Kinder werden deutschlandweit in Kitas betreut. Für Familien waren die Herausforderungen zu Beginn der Pandemie groß, als Einrichtungen zunächst geschlossen und danach Kinder-Betreuung nur eingeschränkt angeboten wurden. Die Urlaubstage vieler Berufstätiger sind aufgebraucht.

Verkürzte Öffnungszeiten?

Eltern, die arbeiten, seien auf die Kita-Betreuung angewiesen, sagt Philipp Kotter, dessen Tochter Helena eines der 85 Kinder im "Haus der Entdecker" ist. Der berufstätige Vater ist Vorsitzender des Elternausschusses. Wenn die Kita nun noch früher schließen würde als 16 Uhr, hätten viele Eltern ein Problem. "Wenn ich meine Tochter künftig um 15 Uhr abholen müsste, lohnt es sich für mich fast gar nicht mehr, zur Arbeit zu fahren", schildert Kotter. Manche Eltern sähen verkürzte Öffnungszeiten aber auch entspannter.

Annika Conradt, die Mutter von Colin, dem kleinen Gespenst, holt ihren Sohn zum Beispiel ohnehin schon nach dem Mittagessen ab. Aber auch sie kritisiert die angespannte Personalsituation in der Kita ihres Sohnes, die vieles auch für die Eltern komplizierter mache.

Starck-Fürsicht möchte gerade in Corona-Zeiten ihren Job gut machen, für Kinder und Eltern da sein. Die Kita-Leiterin sieht sich derzeit aber im Zwiespalt, hin- und hergerissen zwischen Gesundheitsschutz und Betreuungsdienstleistung.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell am 20. November 2020 um 18:30 Uhr.

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Johanna Wahl, SWR

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