Bobby-Cars, andere Spielautos und Gefährte für Kinder liegen angeschlossen vor einer Kita | Bildquelle: dpa

Kita-Schließung wegen Corona "Kinder sortieren das ins Erinnerungsregal"

Stand: 29.04.2020 17:35 Uhr

Durch die Kita-Schließungen fehlt Kindern etwas Elementares. Dass sie dadurch in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, glaubt Psychologe Neumann aber nicht. Im Interview mit tagesschau.de gibt er Tipps für gestresste Eltern.

tagesschau.de: Wie erleben Kinder die derzeitige Situation?

Klaus Neumann: Früher sind Kinder einfach zum Spielen rausgeschickt worden, kamen erst am Abend wieder zurück und haben sich den ganzen Tag mit irgendwas beschäftigt. Dieses Kinderleben findet heute so nicht mehr statt, sondern spielt sich in der Kita ab: Da trifft sich die Crew, da tauscht man sich aus, lernt, tobt, spielt. Darauf jetzt verzichten zu müssen, ist sehr verunsichernd.

tagesschau.de: Was fehlt den Kindern am meisten?

Neumann: Es fehlen die persönlichen Kontakte zu Erziehern und vor allem zu anderen Kindern. Deshalb ist die größte Schwierigkeit, zu Hause bleiben zu müssen und dort wieder ihren Ort ihren Rhythmus zu finden.

alt Klaus Neumann, Therapeut | Bildquelle: privat

Zur Person

Klaus Neumann ist Systemischer Familien- und Gesprächstherapeut und hat 30 Jahre lang im Kinderschutzzentrum München gearbeitet. Er ist Präsidiumsbeauftrager für Kindeswohl und Kinderrechte des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen und gehört der SPD-Fraktion im Bezirksausschuss München 17 an.

"Jeder braucht seinen Rückzugsort"

tagesschau.de: Wie kann das gelingen?

Neumann: Zum Beispiel braucht - wie im Tigergehege im Zoo - jeder seinen Rückzugsort: Einen kleinen Platz, wo ich sein kann, wie ich bin, wohin ich gehen kann, wenn ich die Nase voll habe. Das kann für eine Mutter ein bestimmter Sessel sein. Die Kinder wissen dann, wenn sie sich dahin zurückgezogen hat, dann braucht sie ihre Ruhe. Wer dann stört, wird angefaucht. Und umgekehrt müssen auch die Kinder diese Orte haben.

Außerdem ist es wichtig, dass es bestimmte Rituale gibt. Das kann die Gutenachtgeschichte sein, auch wenn die Kinder schon größer sind, oder ein Lied, das man gemeinsam singt.

Und ganz wichtig ist es, Strukturen zu schaffen, die vielleicht vorher gar nicht nötig waren. Jeder muss wissen, wer ist für was zuständig. Wenn es mehrere Kinder gibt, können die Älteren lernen, auf die Jüngeren aufzupassen. Da kann man vielleicht manches von früher wiederbeleben, wo Kitas noch nicht zur Verfügung standen. Bei Einzelkindern und Alleinerziehenden Homeoffice-Eltern wird das aber schwer.

"Kindgerecht erklären, was los ist"

tagesschau.de: Welche psychischen Folgen könnte diese Krise für Kinder haben?

Neumann: Da gibt es unter Psychologen zwei Fraktionen: Die einen sagen, das kriegen die Kinder schon geregelt. Die anderen sagen, man könne gar nicht beziffern, was das für Spätfolgen haben wird. Entscheidend ist die Elternsituation. Natürlich werden sich Kinder an diese Zeit erinnern, wie man sich auch an einen heftigen Schneesturm, eine Überschwemmung erinnert und vielleicht zwar Jahre später sagt: Das war damals schlimm, aber heute ist es wieder gut.

Wichtig ist vor allem, dass Eltern kindgerecht erklären, was gerade los ist. Dass es zurzeit eine Krankheit gibt in unserem Land, vor der wir uns aber schützen können - und deshalb im Moment nicht alle in der Kita zusammen spielen können und viele eine Maske tragen.

Ich würde positiv denken. Kinder haben ganz große Selbstheilungskräfte, sonst würden sie mit uns Eltern und Erwachsenen gar nicht klarkommen. Und sie werden das in aller Regel einsortieren können in ihr persönliches Erinnerungsregal, das sie mit sich herumtragen. So können sie auch damit zurecht kommen, wenn die Situation nicht zu lange anhält.

"Kinder finden auch zu Hause genügend Anregung"

tagesschau.de: In der Diskussion um Kita-Öffnungen ist von bildungs- und entwicklungspsychologischen Beeinträchtigungen die Rede. Sehen Sie diese Gefahr?

Neumann: Auf keinen Fall dürfen wir so tun, als wäre das Elternhaus eine Art Labor, in das die Kinder gesteckt werden und völlig reizarm vor sich hinvegetieren. Natürlich gibt es Familien, in denen ein Großteil der Förderung in Schule und Kita stattfindet. Und natürlich gibt es in manchen Familien auch Probleme mit Vernachlässigung und Misshandlung. Da können wir nur aufeinander achten und erstmal versuchen nachbarschaftliche Entlastung geben, und nicht unbedingt gleich nach dem Amt rufen.

Auch gutbürgerliche Familien können in dieser Situation enorm unter Stress geraten. Ich gehe aber davon aus, dass in den meisten Familien die Kinder zu Hause ausreichend Anregung vorfinden. Gelangweilte Kinder entdecken dann ihre Kreativität und denken sich was aus - und zwar mit dem, was sie gerade vorfinden.

"Liebe Eltern, ihr macht das gut!"

tagesschau.de: Das heißt, Eltern im Homeoffice müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich nicht so aktiv mit den Kindern beschäftigen?

Neumann: Ich kann den Eltern nur zurufen: Ihr macht, was ihr könnt! Und ihr macht das gut! Und wenn ihr heute mal scheitert, dann ist das normal und ihr versucht ihr es am nächsten Tag wieder. Kinder brauchen diese Verlässlichkeit und Struktur, um Vertrauen zu entwickeln. So lange man jeden Tag wieder neu aufsteht, und es neu versucht, reicht das.

tagesschau.de: Für wie drängend halten Sie die jetzt diskutierte Kitaöffnung?

Neumann: Da muss man letztlich auf den Rat von Virologen hören. Aber wenn man weiß, dass Kitabetrieb nicht zur sprunghaften Verdoppelung von Infektionen führt, dann bin ich sofort für eine Öffnung. Die Frage muss sein: Haben wir hier einen Ort, an dem nicht nur Kinder betreut, sondern auch Viren ausgebrütet werden? Dann eher nicht.

"Abstandhalten bei Kleinkindern geht nicht"

tagesschau.de: Wie könnte ein Kitabetrieb in Pandemie-Zeiten aussehen? Maskenpflicht und Abstandsregeln lassen sich bei Kleinkindern doch kaum durchsetzen?

Neumann: Erzieher können Masken tragen, das kann man den Kindern auch erklären und die kann man lustig anmalen. Aber bei den Kindern selbst kann ich mir das kaum vorstellen. Auch Abstand zu halten, kann man von kleinen Kindern nicht verlangen. Das können sie gar nicht begreifen. Und wenn das dann dazu führen würde, dass man die Kinder alle drei Minuten ermahnen muss, dann könnte das sogar für kleinere kurzzeitige Traumata sorgen.

Wenn die Kita wieder öffnet, könnte es hilfreich sein, ein kleines Fest oder Ritual zu veranstalten. Nach dem Motto: jetzt sind wir alle wieder an Bord, jetzt geht es wieder los. Vielleicht singt man auch ein Lied zusammen über diese blöde Corona-Zeit. Damit die Kinder langsam und stufenweise für sich abschließen können und merken, jetzt beginnt etwas gutes Neues.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. April 2020 um 10:05 Uhr.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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