Ein Kind wäscht sich die Hände | Bildquelle: dpa

Kinderbetreuung trotz Corona Kitas unbedingt öffnen - aber wie?

Stand: 11.05.2020 18:00 Uhr

Aufatmen bei Eltern, ein Stück Normalität für Kinder: Bundesweit öffnen die Kitas wieder – doch was Sachsen erlaubt, gilt noch lange nicht in Hamburg. Experten streiten über den richtigen Weg.

Von Judith Pape, tagesschau.de

Einfach mal wieder toben mit Gleichaltrigen, Alltag, etwas Luft für berufstätige Eltern - viele haben die Öffnung der Kitas herbeigesehnt. Doch welcher Weg ist der richtige? Die Frage wird zusätzlich erschwert, dadurch dass über die Rolle von Kindern in der Covid-19-Pandemie bislang wenig Belastbares bekannt ist. Wie häufig Kinder andere anstecken und wie oft Kinder sich bei anderen anstecken, ist noch ungeklärt.

Die Antworten der Bundesländer fallen derzeit sehr unterschiedlich - und zum Teil auch widersprüchlich aus. Geeinigt haben sich die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel bislang nur auf den Minimalkonsens: Ab heute darf die Notbetreuung in allen Ländern wieder ausgeweitet werden. Alles andere sollen die Länder regeln.

Viele von ihnen setzen auf eine schrittweise Öffnung: In Hamburg sollen zunächst die Fünf- und Sechsjährigen ab dem 18. Mai wieder betreut werden. Bevorzugt in kleinen Gruppen. In vier Stufen kehren die Kitas der Hansestadt bis Ende Juni komplett zum Normalbetrieb zurück. In Nordrhein-Westfalen soll es einen eingeschränkten Regelbetrieb hingegen frühestens im September geben. Das sagte Familienminister Joachim Stamp im WDR. Zu dynamisch sei die Lage derzeit noch, so der FDP-Politiker. Auch die Kitas in Schleswig-Holstein sollen ab Juni lediglich zu 55 Prozent ausgelastet sein.

Bobby-Cars, andere Spielautos und Gefährte für Kinder liegen angeschlossen vor einer Kita | Bildquelle: dpa
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Seit Mitte März sind die Kitas bundesweit geschlossen.

Sachsen öffnet komplett

Am weitesten geht derzeit Sachsen - und die Debatte um die Strategie des Freistaates ist dabei exemplarisch für das Ringen um Lösungen in der ganzen Republik: Ab dem 18. Mai sollen alle Kita-Kinder wieder in ihren Einrichtungen betreut werden. Das gilt auch für Grundschüler. Kultus- und Sozialministerium, Infektiologen, Ärzte, kommunale Spitzenverbände und freie Kita-Träger hätten gemeinsam ein Betreuungskonzept entwickelt, sagte das Kultusministerium am vergangenen Freitag. Der Rechtsanspruch auf Betreuung werde nicht länger eingeschränkt.

"Gerade für Eltern kleinerer Kinder war die Zeit der Schließung von Kitas und Schulen enorm belastend. Für nicht wenige ist die Schmerzgrenze erreicht", sagte Kultusminister Christian Piwarz. Es gelten demnach strenge Regeln. So müssten die Klassen und Betreuungsgruppen strikt voneinander getrennt werden - in fest zugewiesenen Räumen und mit festem Betreuungspersonal. "Wir können von den Vorgaben, Abstand zu halten und Kleingruppen zu bilden, abrücken, wenn wir die Klassen und Gruppen strikt trennen", sagte der CDU-Politiker. Ein Zusammentreffen von Kindern unterschiedlicher Gruppen und Klassen müsse sowohl in den Gebäuden als auch auf den Freiflächen strikt vermieden werden, so Piwarz.

Eltern müssen jeden Tag schriftlich versichern, dass in der Familie keine Krankheitssymptome vorliegen. Sanitärräume müssen mit zusätzlichen Seifenspendern ausgestattet, Kontaktflächen wie Türklinken täglich gereinigt werden.

Eine Mitarbeiterin einer Kita in Berlin sorgt in der Corona-Krise mehrmals am Tag für Hygiene und Sauberkeit in den Spielräumen | Bildquelle: dpa
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Wischen, desinfizieren ...

Eine Mitarbeiterin einer Kita in Berlin sorgt in der Corona-Krise mehrmals am Tag für Hygiene und Sauberkeit in den Spielräumen | Bildquelle: dpa
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... Hände waschen - um die Hygienestandards einzuhalten, müssen die Betreuungseinrichtungen viel tun.

"Voreilige Versprechungen"

Björn Köhler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert das Konzept im Gespräch mit tagesschau.de: "Sachsen geht zu schnell vor." Grundsätzlich freue er sich über die Öffnung, aber die Träger und Teams müssten mehr Zeit bekommen, um sich vorzubereiten. "Infektionsschutz und Personalplanung sind nicht in wenigen Tagen aus dem Ärmel zu schütteln", so Köhler.

Auch bundesweit sei der Druck zu hoch, der auf die Einrichtungen ausgeübt werde. Köhler plädiert vielmehr für individuelle Konzepte: "Je nach baulicher und auch nach der personellen Situation müssen Kitas entscheiden können, wie und wann sie öffnen." Denn viele Betreuungseinrichtungen seien inzwischen so gebaut, dass es viel Raum für Begegnung der Kinder gibt - ein Umstand, der nun in Zeiten der Pandemie explizit vermieden werden soll. Zudem ist nach Angaben der GEW in 25 Prozent der Kitas das Personal 50 Jahre und älter - und damit Teil der Risikogruppe. "Wenn das Personal und die Räume fehlen, wird es schwierig, die Kinder in kleinen Gruppen und auf Abstand zu betreuen", sagt Köhler.

Wie kann das Abholen und Bringen der Kinder so gestaltet werden, dass sich nicht alle Eltern begegnen? Und wie können Hygienekonzepte beispielsweise in der Krippenbetreuung eingehalten werden, in der Kinder auch gewickelt werden? Das sind alltagspraktische Fragen, für die die Einrichtungen nun Lösungen finden müssen. "Dafür benötigen die Erzieher Unterstützung von den lokalen Gesundheitsämtern und keine voreiligen Versprechungen", sagt GEW-Vorstandsmitglied Köhler.

Kinder sind von hinten zu sehen, wie sie nebeneinander in einer Kita sitzen. | Bildquelle: dpa
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Abstandsregeln und kleine Kinder - das passt nur schwer zusammen.

"Der Sommer ist ideal, um den Kitabetrieb hochzufahren"

Ein Verfechter der schnellen Kita-Öffnung ist Reinhard Berner, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Er ist auch der Leiter der Kinderklinik der Uni Dresden und hat das Konzept der sächsischen Landesregierung miterarbeitet. In weniger stark von Corona betroffenen Regionen "wären wir gut beraten, möglichst schnell unter sehr gut geplanten und wissenschaftlich begleiteten Rahmenbedingungen aufzumachen", sagt Berner tagesschau.de. Sachsen hat sehr geringe Infektionszahlen. Für die Öffnung brauche es gute Regeln, "sowohl was den Infektionsschutz in den Kindereinrichtungen angeht, als auch die Überwachung, damit einem die Lage nicht entgleitet".

Für die Kita-Öffnung sei es wichtig, keine Zeit zu verlieren. Denn der Sommer sei günstig, um die richtige Vorgehensweise zu testen. Die Zahl der Kinder mit Atemwegsinfektionen sei dann gering. Mit Beginn der generellen Erkältungszeit im Herbst wachse auch das Risiko, in den Kitas einen saisonalen Infekt und eine Covid-19-Erkrankung nicht unterscheiden zu können. Im Sommer könnten Infektionsketten besser nachverfolgt werden. "Zudem findet im Sommer auch in den Kitas viel mehr draußen unter freiem Himmel statt - das empfehlen wir ja ohnehin", so Berner.

Aber auch der Mediziner betont, ob das jetzt in Sachsen beschlossene Konzept erfolgreich sei oder scheitere, entscheide sich nicht in den Kitas, sondern davor und danach. Es hänge hauptsächlich davon ab, wie verantwortungsbewusst sich die Erwachsenen verhielten, egal ob sie Eltern seien oder nicht.

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Judith Pape, tagesschau.de

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