Ein Bischof betritt einen Dom. | Bildquelle: dpa

Gemeinsame Erklärung Kirche will Missbrauch einheitlich aufarbeiten

Stand: 28.04.2020 18:23 Uhr

Seit Jahren erschüttern Fälle sexuellen Missbrauchs die katholische Kirche in Deutschland. Jetzt hat sich die Bischofskonferenz zu einer gemeinsamen Erklärung durchgerungen, die der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung "historisch" nennt.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz will die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in ihren Bistümern einheitlich und verbindlich regeln. Die Aufarbeitung soll regelmäßig von unabhängiger Seite überprüft werden.

Die Bischofskonferenz und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, stellten dazu eine gemeinsame Erklärung vor.

Betroffene in Kommissionen

Zu den Maßnahmen zählen Aufarbeitungskommissionen in den 27 Bistümern. In diesen sollen Vertreter des Bistums, Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung sowie Betroffene sitzen.

Rörig und die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" hatten die Einrichtung unabhängiger Kommissionen gefordert, die konkrete Fälle herausarbeiten und auch thematisieren, von wem mutmaßliche Täter möglicherweise gedeckt wurden.

Einsicht in Archive der Kirche

Ein wesentlicher Punkt in den Beratungen dazu war der Zugang zu kirchlichen Archiven. In dem Dokument ist nun festgehalten, dass sich die Bistümer zu einer Kooperation mit den Aufarbeitungskommissionen verpflichten und deren Mitgliedern Akteneinsicht gewährt wird, wenn dies für ihre Arbeit nötig ist. Gewahrt werden müsse aber das kirchliche Datenschutzgesetz.

Die Kommissionen sollen sich auch mit Fällen befassen, die wegen Verjährung oder Tod nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können. Neben einer quantitativen Erhebung von Fällen soll es auch darum gehen, wie die Verantwortlichen mit Tätern und Betroffenen umgegangen sind. Auch sollen Strukturen benannt werden, die Missbrauch ermöglicht oder begünstigt haben.

"Historische Entscheidung"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Rörig, sprach von einer "historischen Entscheidung". Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, äußerte sich positiv: "Ich erwarte mir von der gemeinsamen Erklärung einen weiteren Schub für die Aufdeckung und Bekämpfung sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche."

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht wertete die Vereinbarung als "einen großen Schritt nach vorne", nachdem die katholische Kirche Missbrauchstaten lange vertuscht habe. Auf unabhängige Aufklärung nach einheitlichen Kriterien hätten die Opfer "sehr lange gewartet, manche einen Großteil ihres Lebens", sagte sie der KNA. Umso wichtiger sei es, dass "die unabhängige und transparente Aufarbeitung der Taten nun rasch in allen Bistümern beginnt und die Stimmen der Opfer gehört werden".

Betroffenen-Initiative mahnt

Der "Eckige Tisch" rief die Bischöfe auf, sich an die Erklärung zu halten. "Wir begrüßen, dass es gelungen ist eine Vereinbarung zustande zu bringen, die Mindeststandards für eine unabhängige Untersuchung der Missbrauchsfälle im Bereich der Kirche in Deutschland definiert", teilte die Initiative mit.

"Dass es dazu 18 Monate Verhandlungen bedurfte, zeigt aber auch, dass die immer wieder betonte Bereitschaft zur umfassenden Aufklärung schnell an Grenzen stößt, wenn es konkret wird."

Beratungen seit Mai 2019

Die Bischofskonferenz hatte im September 2018 nach der Veröffentlichung ihrer Missbrauchsstudie beschlossen, für die Aufarbeitung auch enger mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zusammenzuarbeiten. Seit Mai 2019 wurde über die gemeinsame Erklärung beraten. Der Ständige Rat der Bischofskonferenz, in dem die 27 Ortsbischöfe vertreten sind, hatte der Erklärung in seiner Sitzung am Montag zugestimmt.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) arbeite eng mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung zusammen, teilte ein Sprecher dem Evangelischen Pressedienst mit. In dem elf Punkte umfassenden Maßnahmenkatalog der EKD ist der Austausch mit dem Missbrauchsbeauftragten schon vorgesehen. Eine ähnliche Erklärung wie die der Bischofskonferenz sei derzeit nicht in Arbeit.

Katholische Kirche beschließt unabhängige Missbrauchs-Aufarbeitung
Florian Breitmeier, NDR
29.04.2020 08:00 Uhr

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