Ein fünfjähriger Junge sitzt an einem roten Tisch und zählt sein gespartes Taschengeld | Bildquelle: dpa

Langzeitstudie zu Kinderarmut "Kein unausweichliches Schicksal"

Stand: 06.02.2020 12:26 Uhr

Rund 1,5 Millionen Kinder in Deutschland leben von Hartz IV - das ist ein Ergebnis einer aktuelle Studie. Doch sie zeigt auch: Wer arm geboren wird, bleibt nicht immer arm.

Von Michael Heussen, WDR

Irina Volf erinnert sich sehr deutlich an das erste Interview, das sie für die Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik geführt hat. Gesprächspartnerin war eine junge Frau, die ihr offen ihre Lebensgeschichte erzählte. "Ich bin mit Tränen rausgegangen. Ich habe mir immer wieder gesagt, das kann nicht wahr sein, dass in Deutschland ein Kind aufwächst und sich das ganze Leben so durchschlagen muss, um sich ein gutes Leben als junge Frau, als Mutter zu gestalten . . . dass in einem der reichsten Länder der Welt so etwas passieren kann."

"Armut ist kein unausweichliches Schicksal"

Die Studie, für die Irina Volf als Autorin gearbeitet hat, ist nicht repräsentativ, aber sie ist die bislang einzige in Deutschland, die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der Einkommensarmut von Familien und den Lebenslagen der Kinder analysiert. Und sie kommt zu einem sehr erfreulichen Teilergebnis: Armut sei kein unausweichliches Schicksal, sagt Volf. "Das ist das Schöne an der Studie. Wir konnten nachzeichnen: Es gibt auch Wege heraus."

Irina Volf | Bildquelle: imago images/Reiner Zensen
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Irina Volf vom ISS in Frankfurt am Main leitet die Langzeitstudie.

In der ersten Studienphase zwischen 1997 und 2000 wurden Daten von 893 Kindern in 60 Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erhoben und dann noch viermal in regelmäßigen Abständen. In der letzten Studienphase, die 2017 begann, sind die Teilnehmenden Mitte 20. Die Einschätzung ihrer Lebenssituation orientiert sich an ihrer materiellen, sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Lage. Jeder habe seine eigene Sicht, wie er Armut definiert. Eine rein auf das Einkommen bezogene Definition gehe an der Lebenswelt der jungen Menschen vorbei, sagen die Autoren der Studie. Mit anderen Worten: Geld allein macht nicht reich.

Indikatoren für Armut

Es gibt aber natürlich feste Indikatoren, nach denen Armut definiert wird: wenn man sogenannte Mindestsicherungsleistungen bekommt, wie Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe, Kinderzuschlag oder Wohngeld. Und es gibt die relative Einkommensarmut, wenn weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung steht. Nach dieser Armutsdefinition lebten 2018 noch 23 Prozent der Studienteilnehmenden in Armut. Rund drei Viertel haben also den Aufstieg geschafft, wenn auch einige erst sehr spät. Wer früher arm war, ist es nicht zwangsläufig heute noch, auch wenn der Übergang ins junge Erwachsenenalter eine ungleich höhere Herausforderung war als bei Menschen, die nicht in Armut aufgewachsen sind.

AWO fordert Konsequenzen

Die AWO stellt als Konsequenz aus der Studie fünf Forderungen auf: Einkommens- und Familienarmut müsse wirkungsvoll bekämpft werden, die kinder- und familienpolitischen Leistungen müssten reformiert werden, ebenso müsse die soziale Infrastruktur vor Ort gestärkt werden. Bildung sei ein wichtiger Schutzfaktor gegen Armut und bedürfe weiterer Investitionen. Und schließlich müssen die jungen Menschen beim Übergang zu Ausbildung und Beruf unterstützt werden, betont der Bundesvorsitzende, der AWO, Wolfgang Stadler: "Die Studie zeigt deutlich: Übergänge sind Scheidewege. Wenn es an diesen sensiblen Übergangsphasen im Leben passende soziale Dienstleistungen und ein funktionierendes soziales Netz gibt, dann steigen die Chancen der Betroffenen, der Armut zu entkommen."

Aber immer noch würden jedem fünften Kind, insgesamt drei Millionen Kindern und Jugendlichen, legitime Ansprüche auf Wohlergehen, Anerkennung und Zukunftschancen ein Stück weit verwehrt, in einem der reichsten Länder der Welt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Februar 2020 um 11:00 Uhr.

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