Mutter betreut ihre Kinder daheim | dpa

Folgen des Lockdown "Zunahme verhaltensauffälliger Kinder"

Stand: 30.01.2021 16:24 Uhr

Viele Familien leiden unter den Corona-Beschränkungen. Ärzte berichten von einer massiven Zunahme verhaltensauffälliger Kinder. Doch bis Schulen und Kitas wieder öffnen, wird es noch dauern.

Mit zunehmender Länge des Corona-Lockdowns gerät vermehrt die Situation von Kindern und Familien in den Fokus öffentlicher Debatten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnte vor den Folgen und forderte, die Schulen so rasch wie möglich wieder zu öffnen. "Schon jetzt berichten Kinderärzte und Jugendtherapeuten über eine massive Zunahme von Kindern, die verhaltensauffällig sind", sagte KBV-Chef Andreas Gassen der "Rheinischen Post": "Kein Wunder, wenn sie über Wochen keine anderen Kinder zum Spielen und keine strukturierten Tage mehr haben."

Gassen bekräftigte seine Forderung, die strengen Einschränkungen bald zu lockern: "Schulen sollten so schnell wie vertretbar wieder geöffnet werden. Wir vernichten sonst Bildungschancen der Kinder." In Schulen kämen zwar viele Menschen zusammen, als "Infektionstreiber" seien sie bisher aber nicht wirklich aufgefallen. Ähnliches gelte für den Handel: "Geschäfte und Restaurants mit guten Hygienekonzepten wird man bald öffnen können", meinte Gassen.

Mehr psychische und körperliche Störungen

Der Direktor der Westfälischen Kinderklinik Dortmund, Dominik Schneider, beklagt auch schwere psychische und körperliche Störungen bei Kindern durch die Pandemie. Quer durch alle Schichten hätten die Belastungen und Erkrankungen zugenommen, sagte Schneider im Deutschlandfunk. Als Beispiele nannte er depressive Störungen, Essstörungen, Gewichtszunahme oder pathologisches Medienverhalten.

In der Klinik würden Kinder behandelt, die kollabiert seien, weil sie nächtelang am Computer gespielt hätten. "Wir müssen wirklich die Stimme der Kinder hören", sagte Schneider. In allen Schichten gebe es verwahrloste oder schlecht ernährte Jungen und Mädchen. Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie seien für Kinder massiv. Von den drei sozialen Räumen Familie, Schule und Freunde oder Hobbys, in denen sich Kinder normalerweise bewegen, seien zwei weggefallen.

Kinder kämen mit schweren Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs deutlich später in die Klinik als zu Nicht-Pandemie-Zeiten. Teilweise seien sie in desolatem Zustand. "Das liegt einfach daran, dass die Kinder nicht so gut im Gesundheitsnetz - in den Kinderarztpraxen oder in den Kliniken - gesehen werden. Sie sind einfach nicht da", sagte der Chefarzt.

Intelligente Lösungen für Schulen gefordert

Auch Schneider forderte, die Schulen schrittweise wieder zu öffnen. An Schulen seien selten größere Corona-Ausbrüche vorgekommen, und Kinder erkrankten selten schwer an Corona.

Notwendig seien intelligente Lösungen mit verlässlichen Lerngruppen und Testsystemen an Schulen. Dies erfordere Investitionen in Technik und Personal. Die bisherigen Maßnahmen wie Maske auf und geöffnete Fenster reichten nicht aus. Die Nachverfolgung von Infektionen müsse verbessert und der Schulweg sicherer gemacht werden, sagte Schneider.

Eltern mit Homeschooling recht zufrieden

Einer Studie zufolge beurteilen Eltern das Homeschooling ihrer Kinder allerdings "besser als gedacht". Die meisten Eltern seien damit ganz zufrieden gewesen, sagte Psychologin Ilka Wolter der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Sie leitete eine Befragung des Bamberger Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe unter Familien. Der Austausch mit den Schulen habe aus Sicht der Familien ganz gut funktioniert. "Die meisten fühlten sich ausreichend informiert und unterstützt."

Voraussetzung für gutes Homeschooling sei unter anderem ein unmittelbares Feedback der Lehrkräfte auf die Aufgaben und Fragen der Schülerinnen und Schüler, sagte Wolter. "Aus unserer Sicht sind deshalb mehr interaktive Formate oder eben die Rückkehr zum Wechselmodell mit halben Klassen sehr wichtig." Würden nur Materialien und Aufgaben verschickt und komme die unmittelbare Rücksprache mit den Lehrkräften zu kurz, litten vor allem die schwächeren Schülerinnen und Schüler.

Eltern könnten die Kinder mit einer klaren Tagesstruktur unterstützen, riet die Expertin. Sinnvoll seien kleinere Lerneinheiten, mit klaren Pausenzeiten und Belohnungen zur Lernmotivation - zum Beispiel in Form von Medienzeit oder Lieblingsspeisen. Ganz wichtig seien auch für ältere Kinder und Jugendliche Feedback und Lob zu Lernfortschritten. "Mit solchen Maßnahmen lassen sich viele Konflikte umschiffen."

Merkel: "Gewaltiger Kraftakt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem "gewaltigen Kraftakt" für Familien und warb um Geduld. "Noch sind wir nicht so weit, Kitas und Schulen wieder öffnen zu können", sagte sie in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. Es sei ein gewaltiger Kraftakt für Eltern, Kita- und Grundschulkinder zu Hause zu betreuen und zu unterrichten.

"In der Bundesregierung sind wir uns sehr bewusst, wie hart der Alltag für viele Eltern und Kinder zurzeit ist. Das unterschätzt niemand von uns", so Merkel. Es sei bitter, dass Kinder und Jugendliche derzeit auf vieles verzichten müssten, was in dieser Lebensphase sonst so wichtig sei und Freude mache: Freunde treffen, Hobbys nachgehen, feiern oder einfach nur unbeschwert in den Tag hineinleben.

Über dieses Thema berichtete Bericht aus Berlin am 24. Januar 2021 um 18:05 Uhr.

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