Ein Junge löst in seinem Kinderzimmer Aufgaben. | Bildquelle: dpa

Kinder in der Corona-Krise "Es braucht Geduld, Ausdauer und Zeit"

Stand: 25.03.2020 18:57 Uhr

Keine Kita, keine Schule, keine Freunde und kein Sport: Für Kinder in ganz Deutschland ist das der neue Alltag in der Corona-Krise. Damit sie mit diesen Veränderungen umgehen können, brauchen sie ihre Eltern jetzt besonders.

Von Lena Klimpel, tagesschau.de

Seit anderthalb Wochen stellt Matteo seiner Mutter Isabella jeden Morgen die gleiche Frage: "Gehen wir heute in die Kita?" Jeden Morgen antwortet sie, dass das im Moment nicht geht. Bisher nimmt der Dreieinhalbjährige es gelassen.

Kindheit ist Veränderung - während der Corona-Krise gilt das noch mehr als sonst. Schulen und Kindertagesstätten sind geschlossen, Spielplätze sind abgesperrt, das Training im Sportverein findet auf absehbare Zeit nicht mehr statt und auch Treffen mit Freunden kommen nicht in Frage: Das Leben von Kindern und Jugendlichen hat sich durch die Ausbreitung des Coronavirus massiv verändert - und das in sehr kurzer Zeit.

Cordula Lasner-Tietze, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, sieht darin eine Herausforderung. Kinder könnten ihre Sorgen und Fragen oft nicht sofort artikulieren, denn sie verfügen noch nicht über die gleichen kognitiven Fähigkeiten wie Erwachsene. Um Veränderungen im Alltag zu verarbeiten, seien Kinder deshalb auf Transferleistungen der Eltern angewiesen, so Lasner-Tietze. Zum Beispiel, indem Eltern Regeln wie Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen in kindgerechter Sprache erklären. Manche Maßnahmen gegen Corona, zum Beispiel häufigeres Händewaschen, können sogar dabei helfen, das Virus und seine Folgen zu verstehen: Sie machen etwas so Abstraktes wie Corona für Kinder greifbar. Ausgehend von ganz alltäglichen Verrichtungen lässt sich thematisieren, wie das Virus sich verbreitet und warum man sich und andere schützen muss.

Matteo kennt Covid-19 als "die Hustenkrankheit". Er weiß, dass er nicht in die Kita und auf den Spielplatz gehen kann, weil die Hustenkrankheit sehr ansteckend ist. "Das versteht er schon ganz gut. Er hat sich recht schnell an die Situation gewöhnt", sagt Isabella. "Für ihn ist es ja auch schön. Er kann viel Zeit mit uns verbringen und wir spielen mehr miteinander."

Struktur und Abwechslung im Alltag

Damit sich nicht alles nur um die Einschränkungen des normalen Lebens dreht, sei es wichtig, Abwechslung im Alltag zu gewährleisten, rät auch die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes. Digitaler Schulunterricht oder Aufgaben, die von Lehrkräften bereitgestellt werden, geben dem Tag eine grundlegende Struktur. Darüber hinaus müsse genug Zeit für Spiel und Selbstbeschäftigung sein. Besonders der Raum für Gespräche zwischen Eltern und Kindern dürfe nicht fehlen.

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tagesschau 12:00 Uhr, 26.03.2020, J. Körner/C. Drexel, NDR

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Isabella lacht: "Ich habe bestimmt schon 40 Euro in Malbücher und Bastelmaterial investiert. Vormittags machen Matteo und ich auch oft zusammen eine Alba-Video-Sportstunde." Der Berliner Basketballverein veröffentlicht seit der Schließung von Kitas und Schulen täglich Sportvideos für Kinder auf Youtube.

Angebote wie diese können Eltern allerdings nur teilweise entlasten. Für die meisten ist die Kinderbetreuung Anfang letzter Woche als zusätzliche Aufgabe zu ihrem normalen Arbeitspensum hinzugekommen. Lasner-Tietze weist darauf hin, dass Eltern sich in der auch für sie neuen Lebenssituation möglichst nicht unter Druck setzen sollten.

"Man wird mit allem großzügiger"

Isabella und ihr Partner sind beide berufstätig. Seit zwei Wochen arbeiten sie im Homeoffice und wechseln sich parallel dazu mit der Betreuung von Matteo ab. Isabella zuckt mit den Schultern: "Es sind tägliche Verhandlungen. Wir schauen, wer die wichtigeren Termine hat und wann die Telefonkonferenzen stattfinden, dann teilen wir uns den Tag ein." Jetzt ist gerade ihr Partner an der Reihe: Mit seinem Laptop sitzt er für drei Stunden im Schlafzimmer. Isabella spielt in dieser Zeit mit Matteo.

Für Eltern schulpflichtiger Kinder bedeutet die Schließung der Schulen, dass sie in gewissem Umfang auch noch die Lehrerrolle mit ausfüllen müssen. "Darauf kann man nicht vorbereitet sein", versichert Lasner-Tietze, "Unsicherheiten sind normal." Sie empfiehlt Eltern, Kontakt mit den Lehrkräften ihrer Kinder aufzunehmen, wenn sie allein nicht weiter wüssten, und auch Netzwerke unter Eltern zu pflegen, um einander gegenseitig zu unterstützen. Hilfsangebote wie Telefonberatungsstellen für Eltern müssten trotz Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten unbedingt aufrechterhalten werden. Davon profitierten auch die Kinder: "Sie fühlen sich gut, wenn es ihren Eltern gut geht." Die elterliche Selbstfürsorge dürfe daher nicht vernachlässigt werden. Nur dann könnten Eltern in Ausnahmesituationen wie der Corona-Krise ausreichend für ihre Kinder da sein.

Isabella hat manchmal das Gefühl, dass die Anpassung an die neue Situation ihr selbst schwerer fällt als ihrem Sohn. Besonders die Arbeit im Homeoffice ist ungewohnt. "Es ist ein Irrglaube, dass man arbeiten und gleichzeitig Kinder betreuen kann. Die Arbeit wird ja nicht weniger. Nur die Zeit dafür halbiert sich", sagt sie. "Matteo darf jetzt auch täglich Die Sendung mit der Maus gucken. Früher durfte er nur einmal in der Woche sonntags fernsehen. Man wird mit allem etwas großzügiger."

"Die Kinder merken es sowieso"

Abhängig von seiner Persönlichkeitsstruktur geht jedes Kind anders mit Veränderungen um. Wie auch bei Erwachsenen beeinflussen Temperament und individuelle Fähigkeiten psychische Reaktionen. Ruhige Kinder, die sich gut und ausdauernd selbst beschäftigen können, brauchen andere Aktivitäts- und Gesprächsangebote als Kinder mit viel Bewegungsdrang. Worauf aber kein Kind verzichten könne, sei gerade in der jetzigen Situation mindestens eine Bezugsperson, die versteht, zuhört und auffängt, so Lasner-Tietze. Die Gefühle der Kinder müssten ernst genommen werden: "Natürlich sind Kinder traurig, wenn sie ihre Großeltern nicht besuchen können oder nicht mehr mit ihren Freunden spielen dürfen."

Auch Matteo wird manchmal alles zu viel. Dann kann er ein bestimmtes Buch nicht finden und schreit eine Weile durch die ganze Wohnung. Seine Mutter Isabella versucht, ihren Umgang damit zu finden. Es sei zwar nicht immer ganz leicht auszuhalten, "aber ich sage mir immer: Man muss ihn seine Gefühle manchmal auch einfach ausleben lassen, statt immer sofort zu trösten und sie damit zu unterdrücken."

Zentral seien jetzt das Gespür für die Unsicherheiten von Kindern und eine Offenheit und Bereitschaft, zuzuhören, betont Lasner-Tietze. "Es braucht Geduld, Ausdauer und Zeit." Dazu gehöre es auch, eigene Ängste oder Sorgen mit den Kindern zu teilen. So zu tun, als sei alles wie immer, hilft nicht. "Die Kinder merken es sowieso", gibt Lasner-Tietze zu bedenken, "sie sind sehr empathisch." Eine gemeinsam durchlebte Ausnahmesituation könne aber auch eine Chance sein: "Man lernt einander neu kennen."

Das Interview führte Lena Klimpel, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. März 2020 um 12:00 Uhr.

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