Im Gegenlicht und vor wolkenverhangenem Himmel ist eine Kirchturmspitze mit Kreuz zu sehen | Bildquelle: dpa

Missbrauch in der katholischen Kirche Aufarbeitung ohne Täter

Stand: 09.01.2020 04:24 Uhr

Vor zehn Jahren kam der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ans Licht. Die Aufarbeitung erfolgt schleppend, beklagen Experten und Opfer. Unabhängige Studien, die Täter benennen, gebe es bis heute nicht.

Von Christian Kretschmer, SWR

Thomas Schnitzler hat den Missbrauch als zehn Jahre alter Messdiener am eigenen Körper erlebt. Der Priester seiner Heimatgemeinde in Trier habe ihn gebeten, sich nach dem Gottesdienst bei ihm auf den Schoß zu setzen. "Er hat mir in die kurze Lederhose gefasst", erzählt Schnitzler. "Bei mir war es wie bei vielen anderen. Es hat ein unterbewusstes Gefühl der Hilflosigkeit ausgelöst, des Ausgeliefert-Seins."

Jahrzehntelang begräbt er das Erlebnis in sich und verdrängt es. Erst im Januar 2010, als der Missbrauchsskandal durch einen Brief des Berliner Paters Klaus Mertes ins Rollen kommt, erinnert sich auch Schnitzler. "Da hat es 'Klick' gemacht - alles war wieder präsent." Er kontaktiert weitere ehemalige Messdiener seiner Gemeinde und erfährt: Der Priester hat auch andere missbraucht, gar vergewaltigt. Sie gründen die Betroffenen-Initiative "MissBiT".

Viele Taten noch immer im Dunkeln

Sie beklagen: Eine unabhängige Studie, die Täter und Mitwisser konkret benennt, gibt es bis heute nicht. Die Kirche selbst wolle gar nicht aufklären, meint Schnitzler. Viele Missbrauchstaten und anschließende Vertuschungen blieben noch immer im Dunkeln. "Wer hat wo welche Übergriffe begehen können? Das beantwortet die Kirche nicht."

Dabei hat sich in der Kirche seit 2010 durchaus etwas getan. Verschärfte Leitlinien sollen beispielsweise sicherstellen, dass Missbrauchsfälle konsequent der zuständigen Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Und erst im Dezember wurde angekündigt, dass ein Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz künftig auf die Finger schauen soll.

Die Aufklärung sei ein fortlaufender Prozess, betont der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischöfe, Stephan Ackermann aus Trier. Eine vorläufige "Bilanz" sei daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht angemessen, teilt das dortige Bistum mit.

"Transparenz war das Problem"

In Trier hat MissBiT einen bekannten Kriminologen eingeladen, dessen Bilanz ebenfalls kritisch ausfällt: Christian Pfeiffer. Er stellt dort am Donnerstag sein neues Buch vor. Darin geht es auch um seine gescheiterte Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche. 2011 sollte Pfeiffer den Missbrauchsskandal wissenschaftlich aufarbeiten.

Aber die Kirche habe bestimmen wollen, welche Ergebnisse der Studie veröffentlicht werden - und welche nicht. "Die Transparenz war das Problem", sagt Pfeiffer. Seine Forschung hätte die Verantwortlichkeit von Kirchenoberen aufgezeigt. Etwa, welcher Bischof einen auffällig gewordenen Priester weiterbeschäftigt oder versetzt habe. Pfeiffer wirft der katholischen Kirche bis heute "Zensur" vor. Die Bischöfe um Stephan Ackermann weisen das zurück, sprechen von einem "zerrütteten Vertrauensverhältnis".

Kein Einblick in Originalakten

Mehr als fünf Jahre, nachdem Pfeiffers Projekt scheitert, liegen dann doch erstmals Zahlen zum Ausmaß des Missbrauchsskandals in Deutschland vor. Die sogenannte MHG-Studie, benannt nach den beteiligten Forschungsinstituten in Mannheim, Heidelberg und Gießen, ist das Kernstück der Aufklärungsarbeit.

Ihr zentrales Ergebnis: 3677 Kinder und Jugendliche sind von 1670. Klerikern missbraucht worden; die Dunkelziffer dürfte deutlich darüber liegen. Die Forscher konnten allerdings keine Originalakten einsehen. Stattdessen schickten Kirchenmitarbeiter ausgefüllte Fragebögen, anonymisiert. Die Studie solle Anlass für weitere Untersuchungen sein, heißt es von den Forschern selbst.

"Noch lange nicht alle der 27 Bistümer haben mit der umfassenden Aufarbeitung begonnen", meint der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Unter anderem in Mainz, Münster und Limburg haben die Bistümer eigene Aufarbeitungsprojekte angekündigt. Aber: Ein abgestimmtes Vorgehen gibt es dort noch nicht.

"Bischöfe müssen Farbe bekennen"

Geht es nach Bischof Ackermann soll sich das bald ändern. Unter anderem mit dem Missbrauchsbeauftragten Rörig hat er sich zuletzt auf Eckpunkte zur Aufarbeitung in den Bistümern geeinigt. Die soll "transparent und nach einheitlichen Kriterien" erfolgen. Die einzelnen Bistümer sollen dem bis zum Frühjahr zustimmen. "Die Bischöfe müssen jetzt Farbe bekennen", fordert Rörig. 

Das hätte schon längst passiert sein sollen, meint Thomas Schnitzler. Verstärkt solle auch auf Ordensgemeinschaften geschaut werden, die seien bislang ein blinder Fleck in der Aufarbeitung. Er plädiert für eine unabhängige Kommission, die von den Bistümern und Ordenseinrichtungen die Erlaubnis habe, in die dortigen Archive zu gehen, um "Ross und Reiter zu benennen". Dass das realistisch ist - Schnitzler hat seine Zweifel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Januar 2020 um 10:00 Uhr.

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