Kardinal Marx. | dpa

Missbrauchsgutachten Welche Konsequenzen zieht Kardinal Marx?

Stand: 27.01.2022 02:42 Uhr

Wie reagiert das Erzbistum München und Freising auf das Missbrauchsgutachten? Heute will sich Kardinal Marx ausführlich erklären. Es gibt Forderungen nach personellen Konsequenzen - und weitere Betroffene, die an die Öffentlichkeit gehen.

Von Irene Esmann, BR

Als vor genau einer Woche die Gutachter der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl ihre - wie sie selbst sagten - "Bilanz des Schreckens" vorstellten, saß auch Richard Kick mit im Raum. Der 65-Jährige wurde als Junge über mehrere Jahre hinweg von einem Kaplan immer wieder sexuell missbraucht.

Erst jetzt hat er sich dazu entschlossen, seine Geschichte öffentlich zu erzählen. 2010 hatte er sich schon an den Erzbischof Kardinal Reinhard Marx gewandt. "Er hat sehr betroffen gewirkt. Ich hab ihm das abgenommen. Tatsache war, niemand hat in den ganzen Jahren gefragt: Wie geht es Ihnen eigentlich?"

235 mutmaßliche Täter

Sein Fall ist einer von zweien, in denen die Gutachter Kardinal Marx Fehlverhalten vorwerfen. Marx habe lange versäumt, dass gegen den Priester, dessen Taten zwar strafrechtlich verjährt waren, ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet werden konnte. "Das ist Marx anzulasten, dass er das nie gemeldet hat, und dass dieser dann in allen Ehren beerdigt worden ist mit Fahnenabordnungen und so - und mich hat man im Regen stehen lassen."

Von mindestens 496 weiteren Betroffenen sowie von 235 mutmaßlichen Tätern ist in dem Gutachten die Rede. Und von einem vermutlich weitaus größeren Dunkelfeld.

"Es geht um individuelle Schuld"

Obwohl die Dimension des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche seit vielen Jahren bekannt ist, löste das rund 1900 Seiten starke Gutachten ein Erdbeben aus. Denn es ging, so Anwältin Marion Westpfahl, vor allem um "die Feststellung von Verantwortlichkeiten und Verantwortlichen und deren Benennung, und es geht auch und insbesondere um individuelle Schuld."

Namentlich genannt sind im Gutachten neben Kardinal Marx alle anderen Münchner Erzbischöfe seit 1945. Der direkte Vorgänger von Marx - Kardinal Friedrich Wetter - entschuldigte sich inzwischen für sein, so wörtlich, "unangemessenes und objektiv falsches Verhalten".

Und der emeritierte Papst Benedikt korrigierte seine Angaben in dem Gutachten zu einer Sitzung, in der über die Versetzung eines mutmaßlich pädophilen Priesters gesprochen worden sein soll. Hatte Benedikt zunächst bestritten, dabei gewesen zu sein, bezeichnet er das nun als "Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme". Allerdings erst, nachdem die Gutachter per Sitzungsprotokoll seine Teilnahme belegt hatten.

Die Reaktion der Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp: "Es ist richtig, dass er sich korrigiert. Dennoch bleibt bei mir der Eindruck von Salamitaktik."

Bietet Marx erneut seinen Rücktritt an?

Heute nun wird das Erzbistum offiziell und ausführlich Stellung nehmen. Besonders ein Mann aus der zweiten Reihe ist dabei im Fokus: Lorenz Wolf. Er leitet das Katholische Büro Bayern und ist Vorsitzender des BR-Rundfunkrats. In seiner Funktion als Offizial, als oberster Kirchenrichter in der Erzdiözese München und Freising, legen die Gutachter ihm kritikwürdiges Verhalten in 12 Fällen zur Last. Wolf will sich dazu aktuell nicht äußern.

Spekuliert wird, ob Kardinal Reinhard Marx noch einmal seinen Rücktritt anbieten wird. Die erste Reaktion wenige Stunden nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens deutete nicht darauf hin. Gemeinsam mit dem Betroffenenbeirat wolle er nun die Aufarbeitung voranbringen, so der Kardinal am vergangenen Donnerstag.

Zur Aufarbeitung gehört die Orientierung an den Opfern des Missbrauchs, die Aufarbeitung von falschen Machtstrukturen und Haltungen. Aber es geht um mehr. Es geht um die Erneuerung der Kirche. Daran werden wir gemeinsam weiterarbeiten.

Richard Kick ist Mitglied des unabhängigen Betroffenenbeirats. Er fordert von Kardinal Marx keinen Rücktritt, sondern endlich ein ehrliches Versprechen, den Opfern zu helfen sowie eine angemessene finanzielle Entschädigung für die Betroffenen statt Almosen. Das hat er dem Kardinal in dieser Woche auch in einem offenen Brief geschrieben: "Und es bleibt die Hoffnung, dass jetzt die Wende eintritt."

Über dieses Thema berichtete BR24 Aktuell am 27. Januar 2022 um 07:36 Uhr.