Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (links), Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (rechts) geben ein Statement ab.  | Bildquelle: dpa

Projekt für psychische Gesundheit Thematisieren statt tabuisieren

Stand: 05.10.2020 18:05 Uhr

Psychische Belastungen nehmen zu - und mit ihnen die Erkrankungen. Allein in Deutschland soll es pro Jahr Millionen Krankheitsfälle geben. Die Bundesregierung will nun mit einer Kampagne das Bewusstsein für das Problem fördern.

Die Bundesminister für Arbeit, Hubertus Heil (SPD), für Familie, Franziska Giffey (SPD), und für Gesundheit, Jens Spahn (CDU), haben den Startschuss für das bundesweite Präventionsprojekt "Offensive Psychische Gesundheit" gegeben.

Diese solle dazu beitragen, dass Menschen ihre eigenen psychischen Belastungen und Grenzen besser wahrnehmen und auch mit Menschen in ihrem Umfeld offener darüber sprechen können, hieß es.

Pandemie eine "enorme psychische Belastung"

Arbeitsminister Heil sprach von einem großen gesellschaftlichen Thema. "Psychische Gesundheit darf kein Tabuthema sein." Jeder Einzelne brauche Hilfe und die Zahl der Erkrankten habe in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Allein im Jahr 2018 würden die volkswirtschaftlichen Kosten durch Fehltage auf 13 Milliarden Euro geschätzt. Arbeit dürfe aber nicht krank machen, so Heil.

Familienministerin Giffey sagte, jeder kenne das tägliche Hamsterrad. Jede dritte Mutter fühle sich belastet und überlastet - und jeder fünfte Vater. Auch Kinder und Jugendliche hätten Leistungsdruck in der Schule oder Ausbildung.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie sagte Gesundheitsminister Jens Spahn, die gegenwärtige Situation bedeute für viele Menschen "eine enorme psychische Belastung, die bei manchen sogar behandlungsbedürftig werden kann".

Die Pandemie habe einiges ins Brennglas gebracht. Die psychologischen Folgen würden sich erst noch zeigen und müssten in den Blick genommen werden, so Spahn. "Gerade in dieser Zeit ist es deshalb wichtig, mit Aufklärungsarbeit und Unterstützungsangeboten für psychische Gesundheit zu sensibilisieren und einen frühen Zugang zu Hilfe zu erleichtern."

Mehr als fünfzig Institutionen beteiligt

Neben der Schaffung eines Problembewusstseins sei das Ziel der Kampagne, die Präventionslandschaft in Deutschland mit ihren zahlreichen Anbietern besser zu vernetzen, so die Minister.

Beteiligt sind den Angaben zufolge unter anderem die Krankenkassen, die Rentenversicherung, Unfallversicherer, Berufsgenossenschaften und Psychotherapeuten-Verbände. Insgesamt machen nach Angaben der Ministerien mehr als fünfzig Institutionen mit. 

Lob und Kritik für Kampagne

Die Bundespsychotherapeutenkammer begrüßte den Start der Kampagne. "Gerade in der Arbeitswelt gelten psychische Erkrankungen noch häufig als Leistungs- und Willensschwäche. Wir brauchen endlich DAX-Vorstände, die über ihre psychische Erkrankung berichten", forderte Präsident Dietrich Munz.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Aktion dagegen für nicht ausreichend. "Eine Kampagne für mehr Achtsamkeit und gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist schön und gut", sagte Vorstandsmitglied Anja Piel dem Nachrichtenportal "The Pioneer". "Das ersetzt aber nicht, endlich für mehr Prävention in der Arbeitswelt zu sorgen."

Auch von der Opposition im Bundestag kam Kritik. "Aufgeklärt sind wir schon, wenn es um Stress bei der Arbeit geht", erklärte die Linken-Arbeitsexpertin Jutta Krellmann in Berlin. "Krankmachende Arbeitsbedingungen müssen endlich konsequent verhütet werden. Dafür brauchen wir eine Anti-Stress-Verordnung mit klaren Regeln, um psychische Belastungen im Arbeitsleben einzudämmen."

Etwa 18 Millionen jedes Jahr betroffen

Knapp 18 Millionen Erwachsene sind Experten zufolge jedes Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde treten Angsterkrankungen mit am häufigsten auf, gefolgt von affektiven Störungen wie Depressionen oder solche durch den Konsum von Alkohol oder Medikamenten.

Auch Demenzerkrankungen zählen zu den psychischen Erkrankungen mit den stärksten Beeinträchtigungen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. Oktober 2020 um 19:08 Uhr. Zudem berichteten über dieses Thema die tagesthemen am 05. Oktober 2020 um 22:36 Uhr.

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