Nordrhein-Westfalen, Kleve: Die Tür zur Zelle 143 in der Klever Justizvollzugsanstalt. | Bildquelle: dpa

Verhaftung von Amad A. War es eine absichtliche Verwechslung?

Stand: 04.04.2019 11:08 Uhr

Der ungeklärte Tod eines jungen Syrers in der JVA Kleve wirft weitere Fragen auf. Nach WDR-Recherchen gibt es Hinweise auf manipulierte Datensätze, die zur Inhaftierung von Amad A. führten.

Von Julia Regis und Andreas Maus, WDR

Am 17. September 2018 brennt es in der Zelle von Amad A. Der syrische Flüchtling sitzt zu dieser Zeit schon mehrere Wochen unschuldig in Kleve im Gefängnis. Zwei Wochen später stirbt er an seinen Brandverletzungen.

Die genauen Umstände des Brandes sind bis heute nicht geklärt. Recherchen des ARD-Magazins Monitor zeigten im vergangenen Jahr: So wie es offiziell dargestellt wurde, kann es nicht gewesen sein.

Nun zeigt sich: Nicht nur der offiziell beschriebene Brandverlauf ist fraglich. Monitor und dem WDR-Magazin Westpol liegen Ermittlungsunterlagen vor. Sie stellen jetzt auch die offizielle Darstellung zur Verhaftung von Amad A. in Frage.

Offizielle Version: Syrer wurde verwechselt

Laut nordrhein-westfälischem Innenministerium soll sich folgendes abgespielt haben: Am 6. Juli 2018 soll Amad A. an einem Baggersee bei Geldern Frauen belästigt haben. Die Polizei wird gerufen, er kann sich nicht ausweisen, muss mit auf die Wache. Per Fingerabdruck wird dort der Name ermittelt, unter dem er in den polizeilichen Datenbanken geführt wird: Amed Amed.

Unter diesem Namen habe man abgefragt, ob etwas gegen den Syrer vorliegt. Bei dieser Abfrage - so die bisherige Darstellung - habe es einen Treffer gegeben: ein Mann aus Mali, der in Hamburg per Haftbefehl gesucht wird. Die Polizei habe daraufhin den Malier und den Syrer für ein und dieselbe Person gehalten, ohne etwa die in den Datenbanken hinterlegten Fotos zu vergleichen. Ein solcher Abgleich hätte eine Verwechslung allerdings sofort aufgeklärt.

Ausgebrannte Zelle in Kleve | Bildquelle: dpa
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Die ausgebrannte Zelle des unrechtmäßigen inhaftierten Syrers Amad A. in der JVA Kleve.

Erhebliche Zweifel an bisheriger Darstellung

Doch genau an dieser Darstellung einer fahrlässigen Verwechslung gibt es jetzt laut Ermittlungsunterlagen, die Monitor und Westpol vorliegen, erhebliche Zweifel. Demnach war der Name Amed Amed dem per Haftbefehl gesuchten Malier in Hamburg überhaupt nicht zugeordnet worden. 

Einem Schreiben des LKA Hamburg zufolge hätte es am 6. Juli 2018, dem Tag der Verhaftung, bei einer Datenabfrage "keinen Treffer auf den Datensatz" des Maliers "geben dürfen". Demnach hätte weder ein Grund für eine Inhaftierung von Amad A. vorgelegen noch für eine Verwechslung.

Auch Abfrageprotokolle aus der wichtigsten Datenbank der Polizei, INPOL, die Monitor und Westpol vorliegen, widersprechen der offiziellen Darstellung. Das Bundeskriminalamt hat die Abfrageergebnisse zum Zeitpunkt der Verhaftung rekonstruiert. Auch hier findet sich keine Verbindung zwischen dem Syrer Amad A. und dem Malier.

Weitere Anhaltspunkte für Verdacht

Für Stefan Engstfeld, rechtspolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem Fall, ist die Version einer fahrlässigen Verwechslung damit in Frage gestellt. Man müsse aufgrund der neuen Erkenntnisse jetzt "auch verstärkt der Fährte nachgehen, ob es vielleicht eine absichtliche Verwechslung war."

Für diesen Verdacht gibt es weitere Anhaltspunkte: Tatsächlich, auch das geht aus den Ermittlungsakten hervor, wurde der Aliasname "Amed Amed" in den Datenbanken nämlich erst nachträglich, drei Tage nach der Verhaftung von Amad A., dem Malier zugeordnet.

Monitor ließ die Dokumente von der IT-Expertin Annette Brückner analysieren, die IT- Programme für verschiedene Polizeibehörden entwickelt hat. Dabei zeigte sich eine weitere Ungereimtheit: Der Aliasname "Amed Amed" wurde für den Malier nicht neu angelegt.

"Erklärungsmuster des Innenministers passt nicht mehr"

Stattdessen wurde ein schon bestehender Aliasname gelöscht und durch "Amed Amed" ersetzt. Einen Fehler im System oder ein Versehen als Ursache ist für die IT-Expertin ausgeschlossen: "Hier sind ganz gezielt mehrere Einzeleinträge verändert worden. Von daher gehe ich davon aus, dass es eine vorsätzliche Veränderung, also vorsätzliche Manipulation dieses Datensatzes war, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen."

Für Sven Wolf (SPD), ebenfalls Mitglied im NRW-Untersuchungsausschuss zum Fall Amad A., steht mittlerweile fest, "dass das bisherige Erklärungsmuster des Innenministers in Nordrhein-Westfalen nicht mehr passt. Jetzt stellt sich tatsächlich die Frage: War das ein ganz dummer Fehler, der gemacht worden ist, oder gab es da in irgendeiner Weise Absicht, ja, war der Wunsch Vater des Gedankens? Wollte man irgendetwas finden?"

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Kleve äußerte sich auf Anfrage nicht und verwies auf die laufenden Ermittlungen gegen Angehörige des Polizeidienstes wegen des Vorwurfs der vorsätzlichen Freiheitsberaubung. Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen ließ eine Monitor-Anfrage bislang unbeantwortet.

Mehr zum Thema sehen Sie heute bei Monitor um 21.45 Uhr im Ersten

MONITOR: Tod in der JVA Kleve - Polizeiwillkür?
Nikolaus Steiner, WDR
04.04.2019 08:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. April 2019 um 14:10 Uhr.

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